fudder-Interview

Hip-Hop-Duo Manfred Groove stellt Nietzsche-Zitate neben Pimmelwitze

Stefan Mertlik

Rap-Musik für Menschen, die mittlerweile Wein statt Bier trinken: Im Interview erzählen Manfred Groove vom Älterwerden und dem, was sie an der jungen Hip-Hop-Generation mögen.

"Manfred Groove macht Deutschrap für Erwachsene", steht auf der Facebook-Seite des Hip-Hop-Duos aus Freiburg und Waldkirch. Konkret heißt das: Ein Nietzsche-Zitat steht ganz selbstverständlich neben einem Pimmelwitz. Darüber und über das am 29. Januar erscheinende Album "Hinter der Tapete" haben Rapper Milf Anderson und Produzent YellowCookies mit fudder gesprochen.


In dem Lied "Von was" beschwert ihr euch, dass Rapper nie nach ihren Lieblingsblumen gefragt werden. Schießt los!
YellowCookies: Japanische Seidenblumen.
Milf Anderson: Eine interessante Wahl. Ich nehme Gänseblümchen.



Auf "Hinter der Tapete" macht ihr euch ab und zu über die Hip-Hop-Szene lustig. Braucht Manfred Groove ein Feindbild?
Milf Anderson: Nein, das brauchen wir nicht. Wir werden nur älter in diesem Zirkus, den man Hip-Hop nennt. Als wir noch jung waren, war auch die Hip-Hop-Szene jung. Jetzt ist die Hip-Hop-Szene immer noch jung, aber wir sind es nicht mehr. Unsere Leben bieten genug Stoff für andere Themen. Deshalb wäre es albern, über Drogen oder Chicks zu rappen. Wir machen Songs über Dinge, die uns bewegen. Zum Beispiel das Älterwerden, die Entfremdung von der eigenen Szene oder die Folgen der Digitalisierung.

"Früher hat man sich noch bemüht, anders zu klingen." YellowCookies
Junge Rapper zählen in ihren Songs gerne Fußballer auf. Wenn ihr Namen wie Karl-Heinz Riedle nennt, nehmt ihr das ein bisschen aufs Korn. Wie groß ist die Gefahr, dass ihr wie alte Nörgler rüberkommt?
Milf Anderson: Mit Luksan Wunder kommen wir aus der Parodie-Ecke. Dadurch fällt es uns schwer, die Parodie aus Manfred Groove rauszuhalten. Natürlich klingt Hip-Hop von heute anders als vor 15 Jahren. Ich habe nicht das Gefühl, dass das noch dieselben Musikrichtungen sind. Und das meine ich völlig wertfrei.
YellowCookies: So ein Loredana-Hit mit Marimba-Sounds nehme ich schwer als Hip-Hop wahr. Für mich ist das eine moderne Auflage von Blümchen. Auf einer faktischen Ebene kann man nicht leugnen, dass das einen Kitschfaktor und eine inhaltliche Leere hat. Früher gab es den Begriff "Biten" – also das Kopieren von anderen. Das Wort ist gänzlich verschwunden. Es gibt heute eine Art von Sound, den kann man als Industriestandard bezeichnen. Früher hat man sich noch bemüht, anders zu klingen.

Aber früher kam auch der zigste Boombap-Song mit der immer gleichen Geschwindigkeit, einem simplen Sample und einem gescratchten Refrain heraus.
YellowCookies: Die waren aber nicht alle für den gleichen Hip-Hop-Award nominiert.
Milf Anderson: Was mich an Hip-Hop fasziniert hat, war die Möglichkeit, viel mit Texten und Inhalten zu machen. Das vermisse ich ein bisschen. Es gibt zwei Wege damit umzugehen. Entweder man jammert und sagt, früher war alles besser. Oder man hält dagegen und macht die Musik, die einen einmal begeistert hat. Referenzrahmen für Hip-Hop-Alben sind heute andere als früher. Captial Bra ist gutgemacht und für die heutige Zeit angemessen. Aber kein Satz, der da fällt, betrifft mich. Ich erwarte aber auch von einem 16-Jährigen nicht, dass er meine Sachen feiert.

Begeistert euch am Sound der jüngeren Generation trotzdem etwas?
YellowCookies: Was mich ästhetisch berührt sind trockene, klopfende Produktionen wie bei OG Keemo. Das ist auf einem anderen Level als zum Beispiel uralte RAG-Sachen oder das erste Beginner-Demo. Heute kommen irgendwelche Kids aus dem Nichts und haben es drauf. Die haben an Medienschulen alle ihren Audioengineer gemacht und das hört man. Das ist eine produktionstechnische Entwicklung, die ich geil finde.

Ihr macht euch viele Gedanken über die Produktionen. Wie sehr ärgert es euch , wenn ihr dann nur auf euren Humor reduziert werdet?
Milf Anderson: Es ärgert mich überhaupt nicht, wenn wir über den Humor funktionieren. Manchmal ist es aber interessant, was Leute denken, wovon Songs handeln. Wir haben uns zur Gründung überlegt, was uns ausmachen soll. Das Nietzsche-Zitat darf und soll immer gleichberechtigt neben dem Pimmelwitz stehen. Das macht es für mich interessant.
YellowCookies: Und Leute, die innerhalb eines Songs gleichermaßen positiv auf beide Ansätze reagieren, sind ziemlich geile Typen.

In "Schon komisch" beschäftigt ihr euch mit dem Älterwerden. Wie schwer fällt euch das?
YellowCookies: Unterm Strich gar nicht so sehr. Denn es ist mit Erkenntnisprozessen und Reifezuwachs verbunden. Das Durchfeiern fällt mir aber schwerer. Nach wie vor habe ich einen ungebremsten Teenie-Spirit in mir. Wenn meine Hülle das nicht mitmacht, fuchst mich das.
Die beste Zeile auf "Hinter der Tapete"
Auf die Frage, welche Zeile die Hörerinnen und Hörer auf dem neuen Album nicht verpassen dürfen, wusste Milf Anderson keine Antwort. Ein paar Stunden nach dem Interview reichte er aber eine Textstelle nach: "Meinungen sind wie Arschlöcher: Wenn sie braun sind, ist das scheiße / Und blau und braun ist, wenn wir ehrlich sind, quasi das Gleiche." Der Rapper begründet seine Wahl folgendermaßen: "Die ist zwar nicht die ausgefuchsteste, aber eine, die man aktuell nicht oft genug sagen kann."