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Harald Deschler vom Artik: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Jennifer Fuchs

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Selbstständigen nach. Folge 20: Harald Deschler, Geschäftsführer des Artik.

Harald Deschler, 43, ist seit April 2018 Geschäftsführer von Artik e.V. und außerdem stellvertretender Chefredakteur des "Legacy", einem Metalmagazin. Früher leitete er zehn Jahre lang die größte Hundertwasser-Wanderausstellung, die ihn durch einige europäische Städte geführt hat. Der ursprünglich ausgebildete Konditor ist außerdem Wirtschaftsfachwirt und Betriebswirt. Danach verschlug es ihn ins Radio, beim FRW in Schopfheim war er Geschäftsführer. Heute moderiert er die Metalsendung "SkullCrusher On Air" beim Freien Radio Freudenstadt.

Harald, wie geht’s dir?

Mir persönlich geht es ganz gut, sowohl psychisch als auch physisch, was angesichts der aktuellen Situation für viele Menschen sicherlich keine Selbstverständlichkeit darstellt. Natürlich drückt die erneute Lockdown-Phase auf das Gemüt und erzeugt auch bei mir sehr viele unterschiedliche Stimmungslagen. Zunächst einmal möchte ich dabei festhalten, dass auch mir sehr daran gelegen ist, dass die weitere Ausbreitung von Covid-19 bestmöglich kontrolliert und reduziert werden kann. Die Frage ist eben, wie das gesellschaftlich akzeptiert umgesetzt werden kann.

In den vergangenen Tagen wurde viel über die Entscheidung alles wieder auf Null runterzufahren diskutiert. Vor allem in der Kultur-, Kunst- und Veranstaltungsbranche. Auch nach ein paar Tagen Abstand kann ich noch immer nicht die Entscheidungen der Bundesregierung nachvollziehen. Es wird ohne Augenmaß und Verhältnismäßigkeit einer ganzen Branche erneut die Relevanz für unser tägliches Leben abgesprochen. Einer Branche, die mitunter mit dem größten Verantwortungsbewusstsein die letzten Monate agiert hat – mit sorgfältigen Hygienekonzepten, Investitionen und der allgemeinen Sensibilisierung für das Thema Corona.

"Auch nach ein paar Tagen Abstand kann ich noch immer nicht die Entscheidungen der Bundesregierung nachvollziehen."
Die (temporäre) Abschaffung von Kultur aus dem öffentlichen Raum begünstigt nur die Verlagerung gesellschaftlichen Zusammenkommens in den privaten Raum, wo die Kontrolle ungleich schwieriger bis unmöglich wird. Würde es konsequenterweise nur um die Reduktion gesellschaftlichen Zusammenkommens gehen, dann fehlt hier einfach die Plausibilität. In Bussen, Bahnen, Flugzeugen und Möbelhäusern drängen sich die Menschen ohne Sicherheitsabstand und es findet genau das statt, was man in den Konzertlocations, Theatern, Kinosälen, etc. in den letzten Monaten vorbildlich vermeiden konnte. Dieses Unverständnis und die Verschiebung der Verhältnismäßigkeiten ist durchaus etwas, was mich aktuell sehr beschäftigt.

Wie hast du die letzten Monate verbracht?

Die letzten Monate habe ich im Artik mit meinem Team viele tolle Konzepte entwickelt, wie wir Corona-konform und verantwortungsbewusst weiterhin eine Plattform für Kulturschaffende sein können. Dies konnten wir auch sehr gut umsetzen.
Am Anfang des ersten Lockdowns haben wir unmittelbar damit begonnen, zahlreichen DJs und DJanes eine Livestreaming-Plattform zu bieten.

Anschließend folgten Projekte wie "ArTiks außergewöhnliche Annäh(erungs)aktion", bei dem Menschen zuhause Masken nähten, die wir gemeinnützigen Organisationen wie der Freiburger Straßenschule oder der Tafel spendeten. Mit unserem Pflanzentausch "FAIRpflanzt" traten wir im Mai erstmals wieder, außerhalb der digitalen Welt, in persönlichen Kontakt mit jungen Menschen, die mit großer Begeisterung teilnahmen.

Die Besucher und Besucherinnen freuten sich sehr, dass überhaupt mal wieder was geht und sie einen Grund hatten, die eigenen Wände zu verlassen. Danach folgten einige bestuhlte Events auf dem Hof und im Freizeichen, unter anderem zwei Open Stages, mehrere Theateraufführungen, eine Lesung und Konzerte. Bei "Freiburg stimmt ein" war der Hof ebenfalls bis auf den letzten Platz belegt. Mit der tollen Unterstützung von #infreiburgzuhause konnten wir sogar eine Streaming-Veranstaltung mit Deaf Aid und Sydra in die Wohnzimmer der Leute zaubern.
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fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai 2020 stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Übersicht: Alle Folgen der fudder-Serie

Welche Auswirkungen hat der zweite (Teil-)Lockdown für dich und das ArTik?

Naja, mit unserem diesjähriges Mammut-Projekt "900 Stunden durch Raum und Zeit", wollten wir eigentlich, anlässlich des Stadtjubiläums, einen Raum für eben 900 Stunden (was plusminus 38 Tagen entspricht) mit einem täglich wechselnden, kulturellen Programm bespielen. Es geht in diesem Projekt um das Sichtbarmachen unserer kulturellen und kreativen Vielfalt in Freiburg. Wir wollten exemplarisch einen temporären Ort erschaffen, der einer zunehmend prekären Raumsituation für Kulturschaffende Rechnung trägt und gleichermaßen aufzeigt, wie die Ressource "Raum" auch neu gedacht und genutzt werden kann.

Zum anderen wird unsere Gesellschaft zunehmend pluraler. Daher sind Orte der kulturellen Begegnung, an denen Vielfalt aufeinandertreffen kann, zeitgemäß und notwendig. In weniger als zwei Wochen hatten wir insgesamt 38 Akteurinnen und Akteure zusammen, die mit großartigen und sehr diversen Themen diesen eigens hierfür angemieteten Raum, ab dem 30. Oktober bis zum 6. Dezember 2020 bespielt hätten. Was dieser zweite Teil-Lockdown für das Projekt bedeutet, beantwortet sich, glaube ich, von selbst. Wir lassen uns davon dennoch nicht beirren und werden versuchen, das ganze Projekt auf Frühjahr 2021 umzuplanen. Wir haben in der kompletten Zeit seit der Pandemie ununterbrochen und nahezu ohne Urlaub gearbeitet. Waren stets im "Abrufmodus", um jederzeit flexibel, kreativ und kurzfristig reagieren zu können, auf die sich stetig verändernden Vorschriften und Auflagen. Uns war es sehr wichtig soviel wie möglich von unseren kulturellen Ideen und Projekten umzusetzen. Durch den zweiten Lockdown ist nun aber für dieses Jahr die Luft raus und auch wir brauchen jetzt ein paar Wochen um die Akkus wieder aufzuladen und neue Energie zu schöpfen.

Was hast du in der Zeit der Pandemie gelernt?

Gelernt ist vielleicht das falsche Wort, "erfahren" trifft es besser. Wir haben einen unglaublichen Zusammenhalt in der Kulturszene erlebt, sehr solidarische Momente, insbesondere mit unseren Freunden vom Slow Club, mit denen wir in dieser schwierigen Zeit auch einige Kooperationsprojekte verwirklichen konnten. Das hat uns noch enger zusammengeschweißt und gezeigt, wie wichtig es ist, zusammenzuhalten, insbesondere in Krisensituationen.

Wie geht es für euch jetzt weiter?

Wir werden uns, wie schon gesagt, für ein paar Wochen in den wohlverdienten Urlaub zurückziehen und versuchen, etwas Abstand zu diesem kräftezehrenden On/Off-Modus zu bekommen, der die vergangenen Monate unser Leben bestimmt hat. Wie ich mich kenne wird diese reine Ruhephase recht kurz ausfallen und ich fange dann schnell wieder an, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln, womit wir im kommenden Jahr weitermachen können und werde dafür Anträge stellen. Diese Perspektive ist wichtig für uns, denn die Nachfrage ist enorm, mit der wir als Artik konfrontiert sind, sowohl von Kulturschaffenden als auch von den Besucherinnen.

Außerdem tragen wir die Verantwortung für unsere Mitarbeiterinnen, insbesondere in unserem Veranstaltungsbetrieb, die wir natürlich auch in dieser Krise halten und weiter beschäftigen wollen. Denn wir haben ein großartiges Team an jungen Menschen, die mit viel Herzblut für das Artik arbeiten.