Aufregen ist ihr Hobby

Glitzerlidschatten & Blaulicht: Verkehrskontrolle im Drag-Outift

Dita Whip

Beim Umparken gerät fudder-Kolumnistin Dita Whip mit ihrem Drag-Look in eine Verkehrskontrolle – und muss mit aufs Revier, um das Blut untersuchen zu lassen. Wieso sie aus dem Verkehr gezogen wurde, ist ihr nicht ganz klar.

Im Allgemeinen habe ich mit der Polizei so viel oder eben wenig zu tun, wie jede andere durchschnittliche Person: Nicht viel und doch mehr als gedacht. Interessant wird es allerdings, wenn ich mich in vollem Travestier-Modus (oder einem weit weniger glamourösen Zwischenstand) befinde. Exakt dann scheine ich eine magische Anziehung auf die HüterInnen des Gesetzes zu haben – vornehmlich im Auto auf dem Weg zum Gig oder nach Hause.


Zuletzt so geschehen im Februar als ich mich auf den Weg nach Stuttgart zu einem Auftritt befanden. Ganz natürlich geschminkt – das ist meine Geschichte und dabei bleibe ich! – nur noch kein Zweithaar, also eine Perücke, auf dem Kopf. Meine Begleitung und ich suchen an der Location einen Parkplatz. Wie immer findet sich in diesem Augenblick keiner dieser seltenen Stücke freien und autotauglichen Untergrundes. Die dezent geschminkte Diva darf also umparken, ganze drei Mal. Immer schön mit Blinker, Schulterblick und haste nicht gesehen. Scheinbar hat dies die Aufmerksamkeit eines PolizistInnenduos auf sich gezogen, die mich dann zur Teilnahme an einer Verkehrskontrolle einluden. Gut, ich würde lieber bei "Wer wird Millionär" teilnehmen, aber man kann sich nicht jede Party aussuchen auf der man zu tanzen hat.

Soweit sollte das Procedere einer Verkehrskontrolle ja bekannt sein, allerdings wurde ich etwas stutzig als ich neben einem Alkoholtest – wie ich mir die "Bitte jetzt blasen!" Witze verkneifen musste! – noch eine Bagage an Gleichgewichtsübungen und ähnlichem durführen durfte. Fazit des Polizisten: "Sie sind sehr auffällig!" – "Oh wow, danke! Ja der neue silber-holografische Glitzer auf dem Augenlied komplementiert sehr gut den Rest meines Make Ups!" wäre als Antwort eher unpassend gewesen. Auf die Nachfrage, was das denn jetzt bedeuten würde, hieß es nur noch: "Wir werden jetzt einen Drogentest durchführen!" Die Freude meinerseits hielt sich in Grenzen, vor allem da ich definitiv noch zu spät zu meinem Auftritt sein würde. Die Aussicht, bei Wahrnehmung meines Rechtes auf Verweigerung, einige Zeit auf dem lokalen Revier zu verbringen, auf einen Rechtsvertreter meiner Wahl zu warten und somit den Auftritt, als auch die Gage zu verpassen, hat in mir auch wieder keine Freudensprünge ausgelöst.
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Kurzum: Ich versuchte die nächsten fünf Minuten krampfhaft am Straßenrand in einen Becher zu pinkeln, während der Polizist mir auffällig unauffällig dabei auf das Genital starrte. Und, zu meiner eigenen Überraschung, fiel der Test positiv aus. Was mich dann doch verwunderte, da ich nüchtern ins Auto gestiegen bin. Ich durfte mich also über 24 Stunden Fahrverbot, einen Bluttest und einen Ausflug auf die Polizeiwache freuen, während meine Begleitung jetzt die Rolle der Fahrerin übernehmen durfte. (Vielen Dank an dieser Stelle an die Dame!) Auf der Polizeiwache wallte irgendwann das Gefühl einer glamourösen Schwerverbrecherin in mir auf, während ich komische Fragen beantworten durfte und auf den Arzt (zur Blutabnahme) wartete. Irgendwann ist dann auch bei mir der Groschen gefallen.

Nun will ich nicht gleich "Homophobie!" schreien während sich in Polen ein Drittel des Landes zur LGBT-freien Zone erklärt, und sicherlich will ich keine "Mimimi-Mitleid-Bitte"-Geschichte erzählen. Aber alle mir gestellten Fragen und die Art wie die Verkehrskontrolle ablief, machen es mir persönlich schwer nicht von einer Art "Profiling" auszugehen. Damit möchte ich mich nicht auf dieselbe Stufe der Menschen stellen, die allein aufgrund ihres Aussehen vermehrt "verdachtsunabhängig" kontrolliert werden. Doch der Ablauf der Situation und das Gefühl was mir die PolizistInnen vermittelt haben, hilft auch nicht gerade von eventuellen Homo-/Queerphoben Motivationen abzulenken. Es hilft auch nicht, dass die Kollegin des Duos betonen musste: "Also wir haben sie nur angehalten, weil sie sehr auffällig gefahren sind!" Komisch, ich dachte immer, dass Umparken, um nicht falsch zu stehen, eigentlich ganz normal ist. Auch die Nachfrage des irgendwann eingetrudelten Arztes, ob ich mich in therapeutischer Behandlung befinde, und wie es denn um meinen geistigen Gesundheitszustand steht, geben kein gutes Gefühl. Mal ganz abgesehen davon, dass ich diese Frage im Speziellen irgendwie unangebracht fand.

Viele queere Menschen können von unangenehmen Situationen berichten

Im Nachgang regt mich die Situation an, darüber nachzudenken, wie weit man sich darauf verlassen kann, dass PolizistInnen vorurteilsfrei gegenüber Menschen sind, die nicht in ein heterosexuelles, weißes und optisch normatives Weltbild passen... oder sonst nicht in die Normalität der entsprechenden BeamtInnen fallen. Viele queere Menschen können von unangenehmen Situationen mit der Polizei berichten, auch weitaus drastischer als ich mit meiner lustigen "geschminkter Mann am Steuer" Anekdote. Die Frage stellt sich: Wie ist das, wenn man aus Angst nicht die Ruhe bewahren kann? Wie ist es, wenn sich eine Trans*Person, welche nicht die normativen optischen "Anforderungen" der kontrollierenden Person erfüllt, in einer solchen Kontrolle ständig gemissgendert wird? Wie sieht das aus wenn die Hautfarbe reicht, ins Raster der Polizei zu geraten?

Ich persönlich konnte über die Situation lachen, ruhig bleiben und fühle mich auch im Nachgang nicht eingeschüchtert. Ich kann damit leben, wenn ich speziell rausgefischt wurde für die Art wie ich aussehe oder was ich beruflich mache. Ich bin mir allerdings sicher, dass nicht jede Person das kann. Man sollte bei der Polizei vielleicht mehr an das Thema Sensibilität denken... Oder einfach nicht so auffällig klar per Vorurteil kontrollieren.

Mein Blutergebnis war – was eine Überraschung – negativ und ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Zudem möchte ich in diesem Artikel nicht alle PolizistInnen unter Generalverdacht oder Anklage stellen. PolizistInnen machen im Durchschnitt ihre Arbeit wie jede andere Person. Allerdings zeigt mir meine persönliche Erfahrung, dass es noch viel zu tun gibt an der Front der "verdachtsunabhängigen" Kontrollen. Entweder das, oder es sollte allgemein bekannt werden, dass das Umparken in stark geschminktem Zustand eine auffällige Fahrweise darstellt. Sollte dem wirklich so sein, wird eine Packung Abschminktücher Standard in meinem Auto.
Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman" Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben. Da Dita von sich selbst sagt, dass Aufregen ihr Hobby ist, ist das auch das Stichwort der Kolumne.