15 Jahre fudder

fudder-Erinnerungen: "Es war ’ne wilde, lehrreiche Zeit"

In 15 Jahren kommen allerlei tolle und kuriose Geschichten zusammen. Von der niemals versiegenden Yufka-Quelle Euphrat bis hin zum legendären "Nightlife-Guru". Ehemalige Redakteurinnen und Redakteure erinnern sich. Teil II.

Im Jahr 2006 ging eine kleine Internetseite aus Freiburg an den Start, 15 Jahre später gehört fudder zu den bekanntesten lokalen Online-Magazinen in Deutschland. Wir feiern diesen Monat 15. Geburtstag und haben dafür fudder-Alumnis kontaktiert, die mittlerweile in ganz Deutschland verteilt sind.

Jubiläumsaktion: Wir feiern 15 Jahre fudder – und bieten Euch 12 Monate fudder-Club zum 1/2 Preis an (BZ-Online inklusive): Jetzt fudder-Freundin (oder -Freund) werden!

Woran erinnerst du dich, welche Storys verbindest du mit fudder und welcher Moment war einfach unvergesslich?

Manuel Lorenz, Journalist

Manuel

"fudder war für mich – wie für so viele – der Einstieg in den Journalismus. Ich hatte nie für eine Schülerzeitung geschrieben, nie davon geträumt, Journalist zu werden, und war schon ziemlich alt, nämlich 26, als mein erster richtiger journalistischer Artikel veröffentlicht wurde. Ich hatte zuvor schon viele Jahre gebloggt – aber für eine Zeitung oder ein Magazin zu schreiben, davor hatte ich zu großen Respekt. Drei Jahre später fragte mich Caro (Carolin Buchheim), ob ich mich nicht für ein Volontariat bewerben wollen würde. Ich tat’s, bekam’s – und dreieinhalb Jahre später holte mich der damalige BILD-Chef Kai Diekmann nach Berlin. Was ich dort mehr als sechs Jahre machte, war maßgeblich von meiner fudder-Zeit beeinflusst. Und die journalistischen Skills, die ich dort zur Anwendung brachte, hatte ich großteils unter den Glubschaugen jenes orangefarbenen Fisches erlernt, der als Wandtattoo unser erstes Headquarter zierte. Big up, fudder – es war ’ne wilde, lehrreiche Zeit!

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich überhaupt zu fudder gekommen bin. Ich war schon viele Jahre ziemlich gut mit Bernhard Amelung befreundet – eine unserer gemeinsamen Leidenschaften war schon damals das Nachtleben. Bernhard kam Anfang 2008 zu mir und fragte mich, ob wir zusammen ein Format für dieses ’fudder’ machen würden – die hätten ihn gefragt, ob er noch einen Kumpel habe, der gut schreiben könne und Lust drauf hätte. Ich kannte fudder so gut wie gar nicht. Das einzige, was ich damit zusammenbrachte, war der bis heute legendäre Artikel ’Kapone kotzt sich blind’ von David Weigend über einen F-Club-Auftritt des späteren Kult-Fotografen Oliver Rath (R.I.P.). Wie gesagt: Ich war damals eh auf dem Schreibtrip, wusste aber nicht, wie ich’s angehen sollte – wie ich zu einem (und sei’s noch so popeligen) Job bei einem Magazin komme. Ich hatte unheimlich viel Respekt davor, Bernhards Frage kam folglich wie gerufen.

Wir also hin, ich richtig eingeschüchtert von der Situation, damals noch in der ersten fudder-Redaktion mit Hintertüre zur niemals versiegenden Yufka-Quelle Euphrat. Ich weiß gar nicht mehr, wer alles beim Briefing dabei war – auf jeden Fall David, dessen bunte Sneaker mir in Erinnerung geblieben sind. Bernhard und ich fanden den Kolumnennamen ’Nightlife-Guru’ scheiße, lästerten nach dem Termin über alles ab – das Konzept, fudder ... alles. Genau das richtige Mindset für den ’Guru’, der in den darauffolgenden Jahren an jeder zweiten Freiburger Fete etwas auszusetzen hatte und den das halbe Nachtleben dafür hasste. (Einmal wurde ich dafür sogar körperlich angegangen: ’Schreib mal was Schönes über den Abend!’, drohte mir ein Nachtmacher, der oft Ziel unseres Spottes gewesen war.) Und während wir eine Party-Rezension nach der anderen rausrotzten (oft noch berauscht in derselben Nacht), verliebten wir uns in das Konzept (mit seinen süßen Kategorien wie ’Klangwaren-TÜV’ und ’Aufregerle’), in fudder (mit seinem offenen, ehrlichen, freundlichen und couragierten Team) – in alles. Der ’Nightlife-Guru’ war meine erste journalistische Ausbildungsstätte. Ein Feuilleton, das keinen Kulturteil brauchte, eine Seite Drei am Chefredakteur vorbei. Ich konnte schreiben, wie und was ich wollte. Das ist bis heute zum Glück so geblieben."
Als Manuel Lorenz 2008 als freier Autor bei fudder anfing, war er gerade Doktorand der Mittelalterlichen Geschichte. Er nutzte sein Promotionsstipendium, um seine journalistische Karriere querzufinanzieren – was dazu führte, dass er 2011 ein Volontariat bei fudder bekam, aber es bis heute nicht geschafft hat, seine Dissertation fertig zu schreiben. Dafür hat ihn der Journalismus wieder in seine Berliner Heimat geführt: Bis Ende 2020 war er Editorial Director des Lifestyle-Magazins NOIZZ.de bei Axel Springer.


Hengameh Yaghoobifarah, Autorin

Hengameh

"Mit fudder verbinde ich meine ersten Shitstorms. Egal, ob es um Public Display of Affection oder Partynationalismus ging, für jede_n war ein Aufreger dabei – eine gute Abhärtungsstrategie, um später taz-Kolumnist_in zu werden. Als ich bei fudder angefangen habe, war ich im zweiten Semester Student_in an der Uni Freiburg und habe Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik studiert, im Unikino Filme gezockt, polemische Meinungsstücke geschrieben und mich sonst die meiste Zeit auf tumblr aufgehalten. tumblr ist heute tot, ich lebe mittlerweile in Berlin und schreibe immer noch journalistische Texte, über die andere sich aufregen. Ach ja, und meinen ersten Roman, den habe ich jetzt auch fertiggeschrieben.

Auf meiner ersten fudder-Weihnachtsfeier habe ich eine cute pinke Krone für den meistgelesenen Artikel 2012 bekommen. Die habe ich natürlich mit nach Berlin genommen! Und einmal hat mir ein DJ im White Rabbit einen Jägermeister-Shot ausgegeben, weil ich ’Heng von fudder’ war. Auch sweet."

David Harnasch, Journalist

David

"Vor 15 Jahren durfte ich anlässlich einer Lesung für fudder Wladimir Kaminer interviewen. Wir waren verabredet im Foyer des Dorint am Konzerthaus, angesetzt war eine Stunde. Nach drei Stunden angeregter Konversation verabschiedeten wir uns voneinander. Er hatte offenbar die Zeit bis zum Auftritt totzuschlagen, sehr zu meinem Vergnügen. Was ich damals sonst machte:
Ich hatte mich in verschiedenen Medien ausprobiert. Samstagabends im Lokalradio (totales Desaster), als ’Nachtschwärmer’ auf TV Südbaden (großer Spaß) und als Kommentator zum Beispiel im Tagesspiegel. Heute bin ich nach einem mehrjährigen Ausflug in die Startupwelt und Exit im Dezember 2020 frisch gebackener Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Thinktanks ’Zentrum Liberale Moderne’. Außerdem seit 2016 als Hobby Geschäftsführer und Mitgründer der Autorenplattform Salonkolumnisten.

Mit Kaminer gab es zehn Jahre später ein Wiedersehen: Ich konnte ihn als Autor für das damals von mir verantwortete Magazin der Naumannstiftung ’liberal’ gewinnen."

Kathrin Aldenhoff, Freie Journalistin

Kathrin

"Während ich in Freiburg Deutsch-Französische Journalistik studierte, arbeitete ich immer mal wieder auch für fudder. Im Gedächtnis geblieben sind mir vor allem die Gemeinschaftsrecherchen mit meinen Kommilitoninnen Davidis Stickel und Elisabeth Jahn, eine Geschichte über Fernbeziehungen und die Recherche über faires Verhalten.

Davidis und ich haben hingebungsvoll Fotos in romantischem Schwarz-Weiß gemacht, um eine Audio-Bildergalerie zu basteln, das war damals ziemlich neu und cool. Und Elli und ich haben bei der Recherche zu fairem Verhalten Tränen gelacht, als wir mit einem Freiburger Kinobetreiber gesprochen haben, der uns ganz ernst erklärte, an den Tagen, an denen jeder das zahlen dürfe, was er wolle, ’läuft die Schlange vor dem Kino manchmal völlig aus dem Ruder’. Dieses schiefe Bild hat uns sehr amüsiert. Dass wir uns damals bei fudder ausprobieren durften, war großartig und hat vielleicht dazu beigetragen, dass ich den Journalismus immer noch so liebe. Heute arbeite ich als freie Journalistin unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und Galileo und denke gerade: Diese Audio-Bildergalerien waren schon verdammt cool."

Konstantin Görlich, Digitalredakteur Badische Zeitung

Konstantin

"Wir haben natürliche jede Menge Unfug gemacht, wie es sich für fudder gehört. So erschien bei fudder der definitiv und für alle Zeiten kürzeste Artikel meiner Karriere, in dem ich die App Yo testete, deren einzige Funktion es war, jemandem ein "Yo" zu schicken. Und bei fudder konnten wir Sachen einfach mal ausprobieren, wie diese zugegebenermaßen etwas freche Straßenumfrage zusammen mit Daniel zur Frage, wie die Freiburger auf einen Fessenheim-Gau vorbereitet sind (gar nicht):



Oder den ursprünglich auf Jodel aufgetauchten Fall einer Handgreiflichkeit im Wahlkampf, die eine politische Karriere beendet haben dürfte, bevor sie begann.

Was ich aber niemals vergessen werde, sind zwei Stücke mit Geflüchteten, aus dem Jahr 2015. Die Schicksale der Leute, die in der Portraitsammlung "Wir sind geflüchtet" vorkamen, und vor allem die sehr eindrücklichen Schilderungen von Mannan Jawish in "Ein Flüchtling und sein Smartphone", sind Erinnerungen, die bleiben.
Konstantin Görlich hat studiert. Also, zumindest war er an der Uni eingeschrieben. Jura, Soziologie, Geschichte, Kriminologie, kein einziger Abschluss - denn auch dank fudder war ihm relativ schnell klar, wo der richtige Weg langführt: Möglichst weit vorbei am Prüfungsamt und direkt in die Redaktion. Heute ist er Digitalredakteur am Newsdesk der Badischen Zeitung und steuert dort kurz gesagt alles, was bei der BZ nicht auf Papier stattfindet.

Tamara Keller, Redakteurin Badische Zeitung

Italian Trulli

"fudder ist für mich journalistisches Empowerment: Als ich mit 19 als Praktikantin in der damaligen Dachgeschossredaktion ankam, war ich stark von pubertären Altlasten verunsichert (ich mein: Pubertät ist grausam – fudder mit seinen 15 Jahren steckt jetzt mitten drin!) – durch fudder habe ich gelernt, in meine eigene Stärken zu investieren und mir das Selbstvertrauen zurückgeholt, das zwischenzeitlich verloren gegangen ist. Deshalb bin ich umso trauriger, dass immer mehr Medienhäuser ihre ’Jungredaktionen’ wieder auflösen: Es braucht Orte an denen junge Autor:innen sich ausprobieren können, ihre eigene vielfältige Perspektive auf die Welt zeigen und ermutigt werden indem was sie tun. Umso besser, dass es fudder noch gibt: Happy Birthday!

Meine Lieblingsanekdote betrifft meinen ersten Praktikumstag und wir lachen heute noch darüber. Sie muss aber aus persönlichen Gründen geheim bleiben. Vielleicht ist deshalb die beste Anekdote, dass ich durch fudder viele Menschen als Kolleg*innen kennengelernt habe, die mittlerweile zu treuen Freund*innen und Wegbegleiter*innen geworden sind. Das bedeutet mir viel.
Als Tamara Keller vor 6,5 Jahren als Praktikantin und freie Mitarbeiterin anfing, hat sie gleichzeitig an der Universität Basel Germanistik und Medienwissenschaften im Bachelor studiert. Danach hat sie bei der Badischen Zeitung volontiert und arbeitet jetzt als Redakteurin in der Lokalredaktion in Emmendingen. Zudem ist sie Teil des preisgekrönten Podcast-Kollektivs "FRÜF - Frauen reden über Fußball".


Jubiläumsaktion: Wir feiern 15 Jahre fudder – und bieten Euch 12 Monate fudder-Club zum 1/2 Preis an (BZ-Online inklusive): Jetzt fudder-Freundin (oder -Freund) werden!