15 Jahre fudder

fudder-Erinnerungen: "Da kam ich mir vor wie ein Mini-Wallraff"

Die eine wollte eigentlich DJ werden, kam dann zu fudder – heute ist sie China-Korrespondentin der Zeit. Der andere braucht erst einen Anschiss, um die Lektion zu lernen. Ehemalige Redakteurinnen und Redakteure erinnern sich. Teil III.

Im Jahr 2006 ging eine kleine Internetseite aus Freiburg an den Start, 15 Jahre später gehört fudder zu den bekanntesten lokalen Online-Magazinen in Deutschland. Wir feiern diesen Monat 15. Geburtstag und haben dafür fudder-Alumnis kontaktiert, die mittlerweile in ganz Deutschland verteilt sind.

Jubiläumsaktion: Wir feiern 15 Jahre fudder – und bieten Euch 12 Monate fudder-Club zum 1/2 Preis an (BZ-Online inklusive): Jetzt fudder-Freundin (oder -Freund) werden!

Woran erinnerst du dich, welche Storys verbindest du mit fudder und welcher Moment war einfach unvergesslich?

Marius Buhl, Reporter für die Zeit und den Tagesspiegel

"Eine der ersten Sachen, die ich bei fudder übers Schreiben gelernt habe: ein guter Text braucht eine These. Dieser hier hat folgende: Es gibt in Deutschland keinen besseren Ort, in den Journalismus zu starten, als das fudder-Büro.

Ich war noch in der Schule, als ich meine ersten fudder-Texte geschrieben habe. Ich bekam den Auftrag, über einen Horror-Zirkus zu berichten, ein Event zu Halloween. Ich fuhr mit einer Freundin hin, es war fürchterlich langweilig und – wie ich mit meiner langjährigen Erfahrung befand – überhaupt nicht berichtenswert. Also schickte ich keinen Text an die Redaktion, sagte auch nicht Bescheid.

Da wurde ich einbestellt. Caro und Manu nahmen mich mit in ein Nebenzimmer des alten Büros, dort knallten sie mir einen Anschiss vor den Latz, der so heftig ausfiel, dass ich mich zwei Jahre lang nicht mehr traute, in der Redaktion vorbeizuschauen. Lektion gelernt, Texte liefert man ab. Von da an wurde es besser. Ich machte ein Praktikum, wurde Volontär, später Redakteur. Von Caro, Manu, Markus und später Daniel lernte ich (fast) alles, was es übers Schreiben zu wissen gibt.

fudder, das ist der Ort mit der größtmöglichen journalistischen Freiheit. Ich schrieb Kommentare, Essays, Reportagen, bekam vernichtendes Feedback und manchmal ein Lob. Ich übte weiter, bekam wieder auf den Deckel und wieder ein Lob. Ich entdeckte, dass geschrieben zu haben schöner ist als schreiben. Dass es schwer sein kann, sich kurz zu fassen. Kein Fehler, den ich nicht machen durfte, keine Peinlichkeit, die mir erspart geblieben wäre. Aber immer was dazu gelernt.

Einmal ging ich mit Hochbegabten auf Kneipentour und versuchte, sie so lange abzufüllen, bis sie dummes Zeug reden würden. Am Ende redete ich dummes Zeug und die Hochbegabten noch immer schlaues. Einmal fand ich in Freiburger Archiven heraus, dass das Vorbild für James Bond ein Freiburger Student gewesen war. Da kam ich mir vor wie ein Mini-Wallraff. Und einmal schickte mich Markus mit Helmkamera auf den Schauinsland. Auf Ski sollte ich bis runter nach Freiburg fahren auf der alten Kaltwasserabfahrt und daraus ein Video für die Seite bauen. An dem Tag dachte ich, dass ich den besten Job der Welt habe.

Ich verließ fudder nach zweieinhalb Jahren, um auf eine Hamburger Journalistenschule zu gehen. In der ersten Woche zwischen all den Cambridge-Absolventen, Prädikatsjuristen und 1,0-Überfliegern stellte ich fest: Ohne meine fudder-Grundausbildung, ohne Caro, Manu, Daniel, Markus, Gina und Bernhard hätte ich es hier nie hingeschafft. Dafür bin ich dankbar.
Marius Buhl arbeitet als freier Reporter für verschiedene deutschsprachige Magazine und Zeitungen, unter anderem den Tagesspiegel, DIE ZEIT und das SZ-Magazin. Für seine Reportagen erhielt er unter anderem den Deutschen Reporterpreis 2020 in der Kategorie Freie:r Reporter:in, den Theodor-Wolff-Preis 2019 und den Berg.Welten-Preis 2019. Er wurde unter die "Top 30 bis 30" des Mediummagazins 2019 gewählt und unterrichtet als Dozent an der Akademie für Publizistik in Hamburg.


Xifan Yang, China-Korrespondentin der ZEIT

"Mit fudder verbinde ich den (leider oder zum Glück gescheiterten) Versuch, hauptberufliche DJ zu werden. Im März 2006, zwei Monate vor meinen Abiturprüfungen am Goethe-Gymnasium, durfte ich auf der ’MPdrei-Party’ (toller Nullenjahre-Name, oder?) im Waldsee für fünf Songs meinen iPod anschließen. Die DJ-Karriere endete noch gleich an diesem Abend, dafür sprach mich fudder-Gründer Markus an, ob ich nicht neben der Schule Lust hätte, an dem neuen jungen Stadtmagazin der BZ mitzuwirken. Es folgten einige sehr schöne Monate, in denen ich auf der KaJo Streetstyle-Bloggerin spielen und meine Abitur-Ängste niederschreiben durfte. Danke dafür!

Wenn ich mich an den Abend 2006 im Waldsee erinnere, denke ich: Ein bisschen wäre ich immer noch gerne DJ geworden."

Xifan Yang war zu ihren fudder-Zeiten Abiturientin, im Herbst 2006 zog sie nach München, um Psychologie zu studieren. Mit dem Journalismus ging es bei ihr ab 2008 weiter bei jetzt.de und ab 2009 auf der Deutschen Journalistenschule. Heute ist Xifan China-Korrespondentin der ZEIT mit Sitz in Peking.


Christian Deker, Redakteur in der ZDF-Redaktion Recht und Justiz

"Die allererste Anfangszeit von fudder war in meiner Erinnerung nach: Ein Ausprobieren und Experimentieren jenseits der etablierten journalistischen Formate und Konventionen - im denkbar positivsten Sinn. Für mich war damals sehr faszinierend, etwas komplett Neues zu starten und zu sehen, wie es von den User:innen angenommen wird.

Christian Deker hat damals in Freiburg studiert und nebenbei ab und zu für fudder gearbeitet. Heute arbeitet er als Redakteur in der ZDF-Redaktion Recht und Justiz.


Sophie-Theres Guggenberger, Kommunikationschefin Medwing

"fudder war mein erstes Startup. Ich gehörte damals, vor ziemlich genau 15 Jahren, als feste Freie Redakteurin zum Anfangs-Redaktionsteam und konnte meine Ideen und Vorschläge quasi als Mitaufbauerin und Mitentwicklerin in allen Bereichen einbringen. Für mich war es eine grüne Spielwiese, auf der ich mich austoben durfte. Als kreative Impulsgeberin habe ich schon immer gerne neuartige Ideen entwickelt und umgesetzt. fudder-Rubriken wie beispielsweise die DJ- und Band Namenskunde, die Breisgau Brands, Verborgene Theken oder das Sportrait tragen meine Handschrift. Nach gerade eineinhalb Jahren auf der Welt schon den ’Grimme Online Award’ in der Kategorie ’Information’ gemeinsam mit dem tagesschau-Blog und Stefan Niggemeiers Blog zu erhalten, ist schon etwas Besonderes. Ja, fudder war absoluter Vorreiter in Sachen gelungener Online-Lokaljournalismus und es war einfach ein Inspirations- und Motivationskick, etwas ganz Neues, Einzigartiges gemeinsam mit einem tollen kreativen Team aufzubauen und begleiten zu dürfen.

Während ich die vergangenen 15 Jahre Revue passieren lasse, erstaunt mich am meisten, was sich seither alles getan und verändert hat. Wie sich die Gesellschaft und die Medienlandschaft entwickelt hat. Damals herrschte das goldene Zeitalter von ICQ, StudiVZ und MySpace, Facebook und YouTube steckten bei uns in Europa noch in den Kinderschuhen. Instagram, WhatsApp, TikTok und Co waren Zukunftsmusik. fudder war damals Sprachrohr, Plattform und Bühne vieler User. Die aktive Beteiligung der Leser war anfangs riesig, es wurde intensiv kommentiert und diskutiert. Der Wunsch, sichtbar und hörbar zu sein, sich auszutauschen und zu vernetzen, war enorm. Und davon profitierten natürlich lokale Blogs wie fudder. Die Teilhabe ist nirgends so groß, wie bei der persönlichen Betroffenheit; und die ist im Lokalen natürlich am stärksten.

Ansonsten treffe ich mich immer noch regelmäßig mit fudder-Papa Markus in Freiburg und Berlin, mein wunderbarer fudder-Kollege Oli Rath lebte mit seiner Familie im selben Kiez. Wir liefen uns fast täglich über den Weg und haben gemeinsam ehrenamtlich bei Herzensprojekten wie "Junge Helden" oder "One Warm Winter" mitgearbeitet. Bis heute nenne ich fudder als Vorzeigemodell für gelungenen Lokaljournalismus im digitalen Zeitalter. Der Badische Verlag war eines der ersten Medienhäuser in Deutschland, das sich Mitte der 2000er Jahre dieser Thematik angenommen hat und offen war für neue Impulse. Meinen Start von jetzt auf gleich damals beim Berliner Tagesspiegel verdanke ich gewiss auch meiner inspirierenden Zeit bei fudder!

Inzwischen bin ich seit eineinhalb Jahren Kommunikationschefin beim Health-Tech Unternehmen Medwing in Berlin. Wir bekämpfen den weltweiten Pflegenotstand, indem wir das Arbeiten in den Gesundheitsberufen attraktiver gestalten und die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen beim Recruiting und Personalmanagement unterstützen. Endlich ein Startup mit einer starken Sinnhaftigkeit. So haben wir als Reaktion auf die Corona-Pandemie im März 2020 innerhalb kürzester Zeit die bundesweite Pro Bono Corona-Hilfs-Initiative ’Wir wollen helfen’ gegründet. In nur einem Monat meldeten sich dort über 10.000 Gesundheitsfachkräfte und Freiwillige an, darunter auch viele Job-Rückkehrer. Sie entlasten aktuell das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen oder unterstützen Privathaushalte, die Hilfe benötigen. Durch den Einsatz der technologischen Medwing-Infrastruktur inklusive mobiler Kommunikation hat sich die Initiative als ein wichtiges und sehr responsives Instrument zur Aktivierung von Fachkräften, Freiwilligen und der stillen Fachkräfte-Reserve etabliert, das unter anderem auch vom Bundesgesundheitsministerium unterstützt und beworben wird. Privat habe ich mit meinem Mann inzwischen eine eigene Familie gegründet mit zwei kleinen Kindern, gemeinsam meistern wir hier in Berlin die herausfordernde Corona-Zeit.
Sophie-Theres Guggenberger steckte vor eineinhalb Jahrzehnten mitten in ihrem Promotionsstipendium und schrieb an ihrer Dissertation rund ums Thema "Direkte Demokratie und politischer Extremismus". Die journalistische Schreiberei drumherum war eine wohltuende Abwechslung. Parallel schrieb sie damals auch für die beiden Freiburger Lifestyle Magazine ’Sub culture’ und ’Boardmag’. 2006/2007 ist sie nach Berlin gezogen, um ihre Wunschstelle als feste Redakteurin beim Tagesspiegel anzutreten. Dort kümmerte sie sich schnell auch um die Entwicklung von neuartigen, journalistischen Print- und Online-Produkten – neben dem täglichen Produzieren von Geschichten und Meldungen. Der Reiz des Neuen mitsamt der Magie und Anziehungskraft der Gründerszene führten sie nach gut drei Jahren zu Rocket Internet in die Unternehmenskommunikation. Dort durfte sie die Kommunikationsabteilung vom Rocket-Startup Groupon aufbauen und als Pressesprecherin für Zentraleuropa das laut Forbes "am schnellsten wachsende Unternehmen aller Zeiten" mit an die Börse begleiten. Nach 33 Monaten Achterbahnfahrt ging es weiter zu ProSiebenSat.1, gefolgt von Stationen bei REWE Digital und CUBE Global – stets als Kommunikations- und Marketingverantwortliche für den Innovationsbereich.


Bernhard Amelung, Online-Redakteur Badische Zeitung

"fudder.de war für mich wie ein spontaner Partyaufriss. Unerwartet, überraschend, leidenschaftlich, wild. Anfang 2008 stieß ich als freier Autor dazu, nachdem ich an einem Montagmorgen eine E-Mail in meinem Posteingang hatte. "Wir lesen seit einiger Zeit deine Kommentare bei uns auf der Seite und überlegen, ob du Lust hast, an einem neuen Format mitzuwirken." So oder ähnlich schrieb mir Marc Schätzle. Ich hatte Lust, ich hatte Zeit.

Aus einem journalistischen One-Night-Stand, der Begriff passt tatsächlich, langjährige Leser:innen wissen Bescheid, hat sich eine große Liebe entwickelt. Unter anderem bei fudder.de habe ich so ziemlich alles gelernt, was man als Journalist braucht und erlebt. Raus gehen, recherchieren, Risiken eingehen, Rückschläge einstecken, und das in einem Umfeld, das mir manche Berührungsängste genommen und über manche Hürden geholfen hat. Nur Deadlines sind so’ne Sache. Anyway, they didn’t even kill me.

"Er lebt, er lebt, er lebt tatsächlich." Der Mann, der das sagte, schien sich tatsächlich zu freuen, meine Stimme zu hören. Er fragte, wie es mir gehe und was der Text mache. Der Mann, der das sagte, war Raimund Flöck, eine Freiburger DJ-Legende und Szenegröße, und das ist wahrscheinlich noch untertrieben. Ich hatte mich an einem Frühsommertag für ein Gespräch getroffen, das ich für ein Porträt über ihn verwenden wollte. Jetzt war es Herbst, und der Text immer noch nicht erschienen. Es sollten noch drei weitere Monate vergehen, bis der Text veröffentlichungsreif war. Manche Dinge brauchen einfach Zeit. Oder eine Deadline. Und Deadlines sind so’ne Sache.

Bernhard Amelung hat vor fudder-Zeiten gebloggt und geschrieben. Heute ist er Redakteur im Digitalressort der Badischen Zeitung.