Interview

Freundschaftsforscher: Mit Apps kann man wie im realen Leben enge Freunde finden

Carolin Johannsen

Seit Jahren wächst der Trend zum Freunde kennenlernen per App. Der Soziologe Janosch Schobin forscht an der Uni Kassel zu dem Thema. Im fudder-Interview hat er über Vor- und Nachteile von Freundschafts-Apps gesprochen.

Seit wann gibt es den Trend zum Freunde finden per App?

Janosch Schobin: Dass Menschen Freunde online finden, beobachten wir, seit es soziale Netzwerke gibt. Ungefähr seit 2016 werden Apps wie "Friendsup" immer mehr genutzt. Durch Corona gab es einen deutlichen Anstieg an Freundschafts-App Nutzern. Das ist plausibel, weil ein face-to-face-Kontakt nicht möglich war und kompensiert werden musste.

Welche Zielgruppen haben Freundschafts-Apps?

Janosch Schobin: Angesprochen werden alle, die ein Smartphone haben. Die meisten Apps sind nicht altersspezifisch adressiert, das Problem ist aber, dass Menschen ab einem gewissen Alter weniger digitale Medien nutzen. Die Hauptzielgruppe liegt zwischen 16 und 30 Jahren, ab 45 Jahren wird es dann dünn. Man kann aber in den meisten Apps ohnehin nach Alter filtern.

Nach welchen Kriterien suchen sich Nutzer ihre Freunde?

Janosch Schobin: Die Hauptkriterien bei der Auswahl sind Alter und geographische Distanz. Oft geht es nach Alltagstauglichkeit, impliziert durch die Distanz, ob man jemanden kennenlernen möchte. Die meisten Nutzer lesen außerdem die Kurzbeschreibung der Person und schauen sich die Profilbilder an. Wir haben in einer Studie feststellen können, dass Menschen nach der Ähnlichkeit von Gesichtern auswählen. Ein viel größerer Faktor ist aber die Personenbeschreibung im Text. Generell zeigt sich wie bei analogen Freundschaftswahlen "Gleich und gleich gesellt sich gern".

Wie wirkt sich die Zunahme von Wahlmöglichkeiten aus?

Janosch Schobin: Die Infrastruktur von Freundschafts-Apps erzeugt ein Überangebot. Nutzer reagieren darauf mit gesteigerter Selektivität. Zum Beispiel wenden sie sehr enge Filter beim Alter an. Aus ethischer Perspektiv ist das schwierig, da es sich dabei um Altersdiskriminierung handelt.
Zur Person

Dr. rer. pol. Janosch Schobin, geboren 1981 ist Soziologe an der Universität Kassel. Er leitet die BMBF-Nachwuchsgruppe "DeCarbFriends" an der Uni Kassel. Seine Forschungsgebiete liegen in der soziologischen Freundschafts- und Netzwerkforschung, der Vereinsamungsforschung sowie in der Umwelt- und Techniksoziologie.

Welche Vorteile haben Freundschafts-Apps?

Janosch Schobin: Freundschafts-Apps sind erstaunlich effektiv, insbesondere für junge Frauen, die von vielen Apps angesprochen werden. Oft gibt es viele Match-Anfragen und einen schnellen Austausch. Freundschaftsapps sind eine Gelegenheit, außerhalb des normalen Alltags Menschen kennenzulernen und Kontakte herzustellen. Man kann über Apps wie im realen Leben enge Freunde finden.

Welche Nachteile haben Freundschafts-Apps?

Janosch Schobin: Wir sehen in den Apps sehr viel Selbstdarstellung. Das ist ganz natürlich, aber auch relevant für die Selektion. Je nachdem wie man sich darstellt, findet man andere Freundschaften. Zudem sind viele Gruppen nicht Zielgruppen der Apps. Beispielsweise ist der Markt für Männer viel kleiner. Auch für ältere Menschen jenseits 60 Jahren wird es schwer.

Wann sollte man Freundschafts-Apps kritisch betrachten?

Janosch Schobin: Freundschafts-Apps können Diskriminierung forcieren. Insbesondere in den USA wird zum Beispiel oft nach Hautfarbe gefiltert. Wir beobachten eine Diskriminierung beim Alter. Das ist aus ethischer Perspektive nicht wünschenswert und wir in der Forschung fragen uns, wie man bestimmte Gruppen gewichten kann. Alle Effekte sollte man konstant beobachten, die Frage ist, ob die App-Entwickler dazu gewillt sind. Im Zweifel hilft da nur der Gesetzgeber.

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