Kundgebung

Freiburger Hebamme: "Wir leiden unter den verschärften Arbeitsbedingungen"

fudder-Redaktion

Mit einer Kundgebung möchte das Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg am Mittwoch auf einige Forderungen aufmerksam machen. Psychologin Luise Elster und Hebamme Leyla Schosser erklären, worum es bei der Aktion geht.

Vor einem Jahr gab es Applaus von den Balkonen für alle, die im Gesundheitssystem arbeiten. Schon damals ging Ihr Netzwerk auf die Straße. Wie ist die Stimmung ein Jahr später?

Luise Elster: Über den Applaus konnte ich mich schon letztes Jahr nicht freuen. Das hat nichts mit den Beifallspendenden Menschen zu tun, sondern damit, wie die Politik das alles handhabt. Nach dem Motto: ’Seht her, da habt ihr eure Wertschätzung.’ Aber wirklich verändern tut sich nichts. Selbst die Pandemie brachte also die Ministerinnen und Minister nicht zum Handeln. Ich merke bei uns auf der Palliativstation, dass viele Leute sehr verärgert sind. Es herrscht Frustration, aber andererseits auch der politische Wille, etwas zu verändern.
Leyla Schosser: Bei uns auf der Station ist die Stimmung sehr angespannt, weil der Krankheitsstand hoch ist und es im letzten halben Jahr viele Kündigungen gab. Es fehlt Personal – und Pausen sind eher eine Seltenheit. Es ist eine Belastung für alle, weil wir gerade auch während der Corona-Pandemie viel auffangen mussten.
Luise Elster, 29, ist Psychologin auf der Palliativstation der Uniklinik Freiburg.

Leyla Schosser, 27, ist Hebamme im St.Josefs-Krankenhaus.

Was belastet Sie persönlich am meisten?

Leyla Schosser: Ich habe meinen Job zu Beginn der Corona-Pandemie im letzten Jahr begonnen. Begrüßt wurde ich mit den Worten: "Das ist ein ganz schlechter Zeitpunkt, hier anzufangen."Wir puffern als Hebammen einen großen Teil der zusätzlichen Belastung der Schwangeren auf, die durch begrenzte Besuchsregelungen viel Zeit in dieser besonderen Phase ohne nahestehende Bezugsperson in der Klinik verbringen. Zeitweise waren Schutzkleidung, Masken und Händedesinfektionsmittel knapp. Auch den Erhalt der Coronaprämie mussten wir erkämpfen.

Luise Elster: Die Ungewissheit am Anfang der Pandemie hat mich sehr beschäftigt. Niemand wusste, was diese Krankheit anrichten kann. Und wir haben direkt mitbekommen, das auch gesunde Menschen daran sterben können. Während Angestellte in anderen Berufen zuhause bleiben konnten, mussten wir jeden Tag in die Klinik. Zusätzlich bekommt man mit, wie abgearbeitet und ausgebrannt Kollegen und Freunde sind, die auch in Pflegeberufen arbeiten. Das frustriert mich besonders.
Das Netzwerk Solidarisches Gesundheitswesen Freiburg ist im Großraum Freiburg aktiv und vernetzt verschiedene Gruppen und Einzelpersonen. Alle zwei Wochen gibt es mittwochs um 19 Uhr eine Videokonferenz.

Mit der Aktion "Systemwechsel im Gesundheitssystem - JETZT!" rufen Sie am Mittwoch zur Kundgebung auf dem Platz der Alten Synagoge auf. Was wollen Sie erreichen?

Luise Elster: Wir möchten unsere Forderungen in die Öffentlichkeit tragen. Denn Gesundheit geht alle etwas an, aber die wenigsten beschäftigen sich mit dem System. Eine große Bandbreite an Mitarbeitenden aus dem Gesundheitssystem wird zu Wort kommen und von den Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen berichten. Bei unserem Aufruf übers Netzwerk haben wir gemerkt: Es war gar nicht einfach, Leute dafür zu finden. Die meisten haben keine Kraft, sich nach einer Nachtschicht noch politisch zu engagieren.
Leyla Schosser: Am Tag unserer Kundgebung findet die Gesundheitsminister*innen-Konferenz statt. Bei der werden Entscheidungen getroffen, weswegen es für uns ein Tag des Protests ist. Wir sehen das als Chance, etwas Druck auszuüben und somit etwas zu verändern. Die Krise hat gezeigt, dass das dringend nötig ist.
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Was muss sich denn im Gesundheitssystem verändern?

Luise Elster: Kurz gesagt fordern wir ein bedarfsgerechtes Gesundheitssystem, in dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Fallpauschalen, Privatisierung und das Streben nach Wirtschaftlichkeit stehen dem entgegen. Es ist einfach unsinnig, dass sich unsere Arbeit nach finanziellen Interessen richtet. Als Psychologin liegt mir gute Gesprächsführung sehr am Herzen, auch weil sie notwendig ist, um die Bedürfnisse der Menschen zu erfassen. Nur so können wir den einzelnen Menschen gut versorgen. Aber wie soll das gehen, wenn ein Arztgespräch nur drei Minuten dauert, weil Gespräche kein Geld einbringen?
Leyla Schosser: Wir leiden unter den verschärften Arbeitsbedingungen und müssen uns trotzdem mit symbolischer Anerkennung und einmaligen Zahlungen zufrieden geben. Was derzeit in den Kliniken geschieht, geht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei, weil Geld generiert werden muss. Gerade in der Geburtshilfe ist das krass: Eine Spontangeburt kostet das Krankenhaus Geld, mit einem Kaiserschnitt wird Geld verdient. Das kann doch nicht sein.

Was: Kundgebung "Systemwechsel im Gesundheissystem - JETZT!"

Wann: Mittwoch, 16. Juni, 17 Uhr

Wo: Platz der Alten Synagoge, Freiburg

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