Interview

Freiburger Eltern zeigen Unmut über Eisenmanns Krisenmanagement

Stephanie Streif

Der Ärger über mangelnde Digitalisierung in den Schulen hält bei Eltern aus Freiburg an. Bettina Knapp, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats, sagt: "Was gefehlt hat, waren klare Handlungsanleitungen."

Das Coronavirus kam. Und mit ihm der Unmut vieler Eltern über das Krisenmanagement von Kultusministerin Susanne Eisenmann. Das belegt eine Umfrage, die die Tageszeitungen Baden-Württembergs in Auftrag gegeben haben. Bettina Knapp, Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Freiburger Schulen, hat Eltern seit dem Lockdown im März begleitet. Im Gespräch mit Stephanie Streif erzählt sie, was falsch lief und besser hätte laufen müssen.

BZ: Was kam bei Ihnen vom Ärger der Eltern an?
Knapp: Das war eher eine Ärgerentwicklung. Zu Beginn der Corona-Zeit gab es auf Elternseite noch sehr viel Verständnis. Mit zunehmendem Verordnungswirrwarr aus dem Kultusministerium kam die Verunsicherung der Eltern und damit auch der Ärger, weil Kitas und Schulen ständig neue Verordnungen umsetzen mussten. Dann waren diese Verordnungen auch noch schwierig zu lesen, so dass sie von den Schulen unterschiedlich ausgelegt wurden. Auch das hat für Unmut gesorgt. Wenn das Nachbarskind fünf Videokonferenzen die Woche mit seiner Klasse hat und das eigene Kind keine einzige, sorgt das für Unmut.

BZ: Was war der Top-Aufreger unter Freiburgs Eltern?
Knapp: Die mangelnde Digitalisierung. Und der Ärger darüber hält bis heute vor. Mit dem Lockdown kam für viele Eltern relativ schnell die Erkenntnis, dass wir im Vergleich mit anderen Bundesländern, aber auch mit anderen Ländern, sehr schlecht aufgestellt sind. Das hat viele Eltern erschreckt.

BZ: Hätte es tatsächlich besser laufen können?
Knapp: Was in den vergangenen Monaten gefehlt hat, waren klare Handlungsanleitungen. Zum Beispiel durften nach dem Lockdown nicht alle Zwölftklässler zeitgleich zurück an ihre Schulen. Während die Kursstufe 1 der Gymnasien bereits wieder zur Schule ging, saßen die Zwölfer der Berufsschulen noch zuhause. Bei gleichem Abschluss führt das zu einer Bildungsungleichheit. Das zum Beispiel hätte anders laufen müssen. Stuttgart hätte schnell und klar sagen müssen, welche digitalen Tools erlaubt sind. Und welche nicht. Bis die in die Gänge kamen, hatten sich die Schulen längst selbst geholfen und sich über Wochen die Nutzung von Plattformen und Tools erarbeitet. Das hat viel Zeit gekostet, die man besser in die Begleitung der Kinder hätte stecken können. Wenn eine Familie drei Kinder hatte, mussten sich die Eltern im schlechtesten Fall mit drei verschiedenen Plattformen auseinandersetzen.

BZ: Ein Kritikpunkt der Umfrage ist der Lehrkräftemangel. Gibt es dazu Rückmeldungen von Eltern?
Knapp: Anders als der ländliche Raum, ist Freiburg gut mit Lehrkräften versorgt. Dazu haben wir kaum negativen Rückmeldungen von Eltern. Ob das so bleibt? Ich weiß es nicht. Corona – und sei es nur wegen der Quarantänemaßnahmen – und die jetzt einsetzende Grippewelle wird auch das Kollegium an Schulen ausdünnen. Lehrermangel ist allerdings keine Auswirkung von Corona, sondern ein Zeichen von schlechter politische Führung.

BZ: Ist nur das Krisenmanagement des Landes zu kritisieren? Oder auch die der Kommune und der Schulleitungen?
Knapp: Kommunal musste immer mal nachgesteuert werden – zum Beispiel bei der Ausstattung von Hygienemittel. Das war es aber auch. Bei uns kam jedenfalls kein Aufschrei von Eltern an, die sich beschwerten, weil es an der Schule ihrer Kinder kein Desinfektionsmittel gab. Was einige Eltern geärgert hat, war, dass es so lange gedauert hat, bis die Schüler, vor allem die Grundschüler, mittags in der Schulmensa auch was Warmes zu essen bekommen haben. Den Schulleitungen will ich nichts vorwerfen, die wurden – so finde ich – von Stuttgart alleine gelassen.
Bettina Knapp (48) hat zwei Kinder, ist Physiotherapeutin und seit fünf Jahren Vorsitzende des Gesamtelternbeirats.