Aufregen ist ihr Hobby

"Frau" ist keine gute Verkleidung

Dita Whip

Glitzerkleid, Plastikperücke und ein bisschen Schminke – fertig ist die Verkleidung "Frau". fudder-Kolumnistin Dita Whip findet es falsch, wenn Männer kurz in die Rolle der Frau schlüpfen, weil sie frei oder lustig sein wollen.

Beim Tuntenball, auf dem Ball Verqueer, zur Fasnet, bei CSDs oder eben auch zum Venus-Express: Bunt gekleidete Menschen in einem geschlechtergemischten Dresscode der laut und unausstehlich nach Geschmacksverirrung und Freiheit zugleich schreit. Festival Glitter, Paillettenkleid, Tube-Tops und Männer mit schrecklichen Vorstellungen davon, was Frauen anziehen würden: Was für einige der ultimative Ausbruch, ja sogar das Zelebrieren der Freiheit, und vor allem eine Dekonstruktion der Geschlechternormen darstellt, ruft bei mir einfach nur einen Würgereflex hervor.


Mein Problem liegt nicht in grellen Farben, stil-unsicheren Kleiderkombinationen oder dem Typen im Paillettenfummel. Nein, gern crossdressing für alle! Mein Problem liegt darin, dass es zu viele gibt, die dieses Verkleidungsspiel, mit der Revolte gegen das Gender-Establishment gleichsetzen. Jede zweite Party tut so, als erfände sie das Rad mit ihrem gender-nonkonformen Dresscode neu. Und die Menge zeigt sich begeistert! Freiheit zu feiern so wie man das möchte. Ein nobles Motiv, nur die Umsetzung durch die Individuen lässt dann doch sehr zu wünschen über.

Ne weitere Hete, die im Kleidchen rumläuft

Mein Aufhänger? Die letzte Review des fudder Nightlife Gurus zum Venus Express. Der Guru hat an dem Abend keine Zeit zum Vorglühen gefunden, es ist zu viel Zeit in sein Outfit geflossen. Denn: "Der Guru hat sich entschieden als Frau zu gehen. Also: In die Leggins zwängen, Glitzer-Kleidchen drüber, Perücke auf, Zewa-Tücher als Brust-Ersatz. Eine Freundin hilft noch beim Schminken." – Wow, super! Ne weitere Hete, die sich im Kleidchen mal zum Feiern traut. Wie revolutionär (Nancy Pelosi-Fuck-You-Klatschen)! Diese offensichtliche Oberflächlichkeit welche die Ignoranz des Gurus kennzeichnet regt mich auf. Stark.
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Da wird mal eben so als "Frau" gegangen... Weiblichkeit, Frau sein und all der Ballast der mit diesem Gender, der Gender Performance und den sozialen Erwartungen an das Geschlecht daherkommen, kann ganz einfach an Leggins, Glitzerfummel und Titten festgemachen werden. Ups, entschuldigt, ich habe das lange Haar vergessen. Wie armselig das ist, scheint niemand zu verstehen der sich "als Frau verkleidet". Sind das die Indikatoren die unsere Gesellschaft uns an die Hand gibt um Weiblichkeit zu definieren?

"Frau" ist ein super Kostüm

Allerdings: Nicht nur der Nightlife-Guru begeht diesen Fehler. In unzähligen Begegnungen mit der Gattung feierwütigem Mann im Fummel – egal welcher sexuellen Orientierung – wurde mir unmissverständlich klar gemacht, dass "Frau" ein super Kostüm ist. Lange Haare, Titten und Lippenstift geben sofort zu erkennen, dass es sich um eine Frau handelt.

Wer sich dazu hinreißen lässt, hier die Dekonstruktion der Geschlechtlichkeit von Kleidung und das Spiel damit zu sehen, der irrt gewaltig. Es zeigt sich – viel schlimmer – dass alles woran Weiblichkeit festgemacht wird, wirklich reine Oberflächlichkeiten sind. Das erklärt auch, weshalb so viele Männer sich dazu hinreißen lassen, Drag-Queens ein Bild ihres Penis zu senden und die sexuelle Lustrevolution zu versprechen. (Meine Inbox in den sozialen Medien ist voll damit.) Weiblichkeit hängt an all dem, was ich mir aufmalen kann, einschnüren kann und mit Haarspray und Toupage in Form bringe. Kurzum: Weiblichkeit ist eine messbare Ware für das Erregungspotential mancher Männer. Man merkt, dass hier etwas gewaltig nicht stimmt.

Freiheit feiern

Ironischerweise gibt es inzwischen einige Veranstaltungen, wo sich vor allem heterosexuelle Männer in den Glitzerfummel schmeißen und ihre Freiheit feiern. Ja genau gelesen, ihre Freiheit. Denke ich nur an den letzten CSD zurück, sehe ich vor meinem geistigen Auge unglaublich viele Heten, die im Glitzerfummel saufen und feiern. Weil: Ist ja so lustig, und es sieht so aus als würde man beim CSD auch was Gutes supporten. Die Realität: Da wird gefeiert um sich selber geil zu finden, zu zeigen wie bunt und verrückt man denn ist wenn man als "Frau" aus dem Haus geht.

"Ja, ich hab mich halt wie ne Frau angezogen, ist ja CSD, da kann man frei und wild sein!" – Super! Ist ja ganz mutig, frei und wild zu sein, wenn Personen der LGBT-Community, Personen die nicht normkonform ihre Wahrheit leben, genau dafür abgestraft werden, was du so schön frei und wild tun kannst. Im Gegensatz zur Hete im Spaß-Fummel ist Frauen, Trans* Personen und den meisten Drag Queens eins bewusst: Frau sein, als Frau oder Weiblich gelesen werden bedeutet viel mehr… viel mehr Risiko, Ausschluss, Abwertung und Ausgrenzung. Mit der ständigen Abwertung des Konzeptes der Weiblichkeit und der Frau, leben wir in einer Gesellschaft die Männer und Konzepte von Männlichkeit bevorzugt und bevorteilt.

Letztendlich findet ihr das alles lustig

Also, liebe Männer im Glitzerfummel: Ihr seid weder besonders revolutionär, weder besonders rücksichtsvoll und vor allem seid ihr nicht frei. Wer sich als Frau anzieht, der streift ein kulturelles Konstrukt als Kostüm über, etwas das andere Personen in den Augen unserer noch existierenden Gesellschaft nicht abstreifen können wann sie wollen.

Das traurigste ist: Ihr kleidet euch im Rahmen eines Tuntenballs, eines CSD’s oder einer Party so weil es euch erlaubt wird. Das ist nicht revolutionär. Ihr lebt nur den witzigen Traum einer Nacht aus, wenn Ihr am Ende das Kostüm wieder abstreifen könnt und in die angenehme und unhinterfragte Sicherheit der Männlichkeit und ihrer Klamotten zurückkehrt. Letztendlich findet ihr das alles lustig, denn Weiblichkeit ist durchaus auch gern der Lächerlichkeit preiszugeben. Muss schön sei das so einfach tun zu können.

Frau sein ist mehr als nur Brust, Make Up und lange Haare. Glitzerkleider sind nicht revolutionär, wenn sie nur zum Spaß und in Sicherheit getragen werden. Und trotzdem sind mir persönlich die feiernden Heten in Glitzerkleidchen immer willkommen… solange sie aufhören so zu tun als würde Ihr Tanz im Glitzerfummel die Welt ändern. Lieber mal diese "wilde" Klamotte im Büro tragen, sich im Alltag den Menschen stellen, sich den Blicken stellen, sich den Situationen der Frauen stellen, sich den Situationen von Trans* Personen stellen.

Wenn es euch nur darum geht irgendwie spaßig ein Kleidchen anzuziehen, dann tut das bitte! Aber bitte versteht: Zu sagen, ich gehe als Frau, ist der letzte Scheiß.
Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman" Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben. Da Dita von sich selbst sagt, dass Aufregen ihr Hobby ist, ist das auch das Stichwort der Kolumne.