Fallschirmsprung mit Po-Landung

Adrian Hoffmann

So oft haben uns die Trainer gesagt: Jungs, bremst nicht zu früh. Eigentlich hab’ ich das ja auch kapiert, falsch gemacht habe ich es natürlich trotzdem. War ein wenig schusselig. Plumps. Was soll’s. Ist doch egal! Die 1200 Meter vorher waren die bisher schönsten Meter meines Lebens, auch wenn sie wirklich sehr steil nach unten gingen. Mit Video.



Ein paar Minuten vor dem Absprung war es plötzlich still im Flieger. Martin, der Erstspringer vor mir, und Guido, der Erstspringer hinter mir, hatten keine Lust mehr auf Unterhaltung ? genauso wie ich. Wir haben uns wohl alle die gleiche Frage gestellt: Was machen wir hier eigentlich? Wenn man in dem Flieger sitzt und weiß, man wird vermutlich gleich raus springen, ins kühle Nichts, ist das ein Gefühl, als ob einem gleich das Herz platzt. So sehr rast es, meine Hände fingen an zu Zittern. Und dann hat der Pilot gesagt: "Noch zwei Minuten." Noch zwei Minuten bis zum Absprung. Diese Zeit, sie war schrecklich und wunderbar zugleich. In diesem Moment war sie eher schrecklich, und nach dem Sprung dann wunderbar.



Als die Tür aufging, war ich wie in Trance. Ehrlich gesagt habe ich nicht mehr überlegt: Springe ich oder springe ich nicht. Aus Gründen des eigenen Stolzes war für mich klar, dass ich keinen Rückzieher mehr machen kann, dazu hätte ich mich dann schon unten entscheiden müssen. Martin Bär, mein Erstspringer-Kollege, folgte den Anweisungen unseres Trainers Harald, der nur noch sagte: Füße in die Tür, Go! Dann gab er Martin, der ganz fixiert war auf ihn, einen Klaps auf die Schulter. In der Einweisung wurde uns beigebracht, dass wir uns in diesem Moment noch sortieren können, aber Martin hat das genauso wenig gemacht wie ich nach ihm. Da denkt man nur noch, was einem die zwei Tage vorher eingebläut wurde. Aggressiv raus springen, Hohlkreuz machen, auf Fünf zählen, den Schirm checken.   Die Wahrscheinlichkeit, dass einem was beim Fallschirmspringen passiert, ist gering. Trotzdem hat man als Erstspringer so ein Gefühl zwischen Leben und Tod, obwohl es im Nachhinein absolut ungefährlich ist. Ich meine: Ich bin da nicht perfekt runter gesprungen, das mit der Haltung war nicht so wie es eigentlich vorgesehen war, aber trotzdem ging der Schirm sofort auf - ohne dass ich irgendwie Probleme mit ihm gehabt hätte. Man denkt übrigens auch immer, dass man als Erstspringer nach dem Absprung schreit, aber dazu war ich viel zu sehr mit meinem Sprungverlauf beschäftigt. Richtig runtergezählt habe ich die Sekunden auch nicht, ich habe schon viel früher nachgeschaut, ob mit dem Schirm alles stimmt. Das geht wirklich so dermaßen schnell, das kann man sich gar nicht vorstellen.

Und sobald der Schirm ordnungsgemäß geöffnet ist, fühlt man sich richtig, richtig wohl. Es geht ein kaltes Lüftchen da oben, aber das ist egal. Man denkt nur noch, zumindest geht es mir so: Ich bin soo, soo froh, dass ich jetzt doch gesprungen bin. Wenn ich mir vorstelle, unten auf die anderen beiden gewartet zu haben, ich würde mir es noch monatelang vorwerfen, nicht gesprungen zu sein. So ist das schon ganz anders, vor allem da Martin ja immerhin schon mal Tandem gesprungen ist und Guido Gleitschirm fliegt. Die wussten also vorher schon, wie es sich anfühlt, in der Luft zu hängen. Und die beiden waren so euphorisch vor dem Fallschirmsprung, dass ich einfach nicht mehr aussteigen konnte und wollte.

Jetzt musste ich mich nur noch heil auf den Boden bringen, wo meine Freundin wartete. Das war ich ihr schuldig, sie hat vorher auch mehrmals gesagt, ich solle doch lieber nicht springen. Aber Höhe abbauen ist für einen Anfänger auch nicht unbedingt so einfach. Ich habe einfach das gemacht, was uns beigebracht wurde: Den Luftraum kontrollieren, also prüfen, wo meine Springerkollegen sind, den Höhenmesser anschauen (ich war nach der Fallschirmöffnung noch mehr als 1000 Meter hoch), und zwischen meine Füße nach unten schauen, um meine Position zu erkennen. Ich trieb irgendwo neben dem Flughafen umher, über dem Wohngebiet nebenan. Also flog ich brav Richtung Flughafen zurück, um über dem Flughafenzaun Achter zu fliegen, mit denen man gut die Höhe abbauen und auf der gleichen Position bleiben kann.

Zwischendurch auf den Höhenmesser schauen, das ist dabei ganz wichtig (habe ich auch ungefähr 523 Mal gemacht). Das zieht sich dann ungefähr zwei Minuten und man kann sich auch mal die Landschaft anschauen, aber wer macht das schon? Ich war mehr mit dem Austesten der Steuerschlaufen beschäftigt, ob sie gut bremsen und so lenken, wie ich mir das vorstelle. Hat alles gepasst, insofern war Genießen möglich.



In etwa 400 Metern Höhe habe ich begonnen, mich auf den Landeanflug vorzubereiten. Das heißt, ich bin ab 300 Meter Höhe mit dem Wind geflogen, habe bei 200 Meter den Queranflug begonnen, und bei 100 Metern den Gegenanflug gegen den Wind. Dann kann man theoretisch schön weich landen. Aber die Höhe kann man leider überhaupt nicht einschätzen. Es hieß wir sollen in fünf Metern Höhe die Steuerschlaufen zum Bremsen durchziehen, leider war ich aber etwas früher dran. Da kam der Boden plötzlich so schnell auf mich zu, was hätte ich tun sollen.

Ich trau mich ja auch nur mit Mühe, vom Fünf-Meter-Brett zu springen, drei Meter gehen gerade noch so. Die Folge: Ich bin auf dem Hintern gelandet. Und zwar ordentlich. Mir tut er heute noch ein bisschen weh. Aber ich sehe das positiv: So denke ich noch etwas länger an diesen Sprung. Obwohl ich ihn auch ohne Po-Landung nicht vergesse. Und richtig gemacht habe ich ja auch fast alles, immerhin bin ich nicht mit dem Wind gelandet!! Gell, Martin.

Die Urkunde hänge ich mir übers Bett, garantiert. Ist schon nett, dieses Gefühl nach der Landung. Ich hätte gerne ein Video davon, in Zeitlupe, wie ich heroisch über den Flugplatz schlendere, mit dem Fallschirm in der Hand, ja, das hätte etwas von Armageddon.

Was noch erwähnt werden sollte: Etwas unnötig ist das Ritual, das Erstspringern im Vereinshaus nach ihrem ersten Sprung widerfährt. Man darf (muss) seinen Hintern ausstrecken, und all die anderen Springern dürfen dir volle Kanne auf den Hintern klatschen. Ich kann euch sagen, das hat fast mehr wehgetan als die verunglückte Landung ;)

Das sagen die Springerkollegen:

   
Martin Bär, Projektleiter: Im Flieger hab' ich noch gedacht: Muss das jetzt wirklich sein? Aber als die Tür aufging, habe ich mir nur noch Gedanken über den Sprungablauf gemacht. Und es war alles tiptop. Nur die Landung war nix, ich dachte, ich fliege bis zur Messe.
Guido Wiedle, Produktmanager: Ich war ja schon als Kind... (lacht). Ich war schon sehr nervös. Ich habe mich auf den Sprung konzentriert, der dann ja gut geklappt hat. Ich habe sogar die Aussicht genossen, im Vergleich zum Gleitschirmfliegen ist es aber ein bisschen unbequem.


Unsere bisherigen Fallschirm-Geschichten:   Hier meine etwas verunglückte Landung:







Video unf Foto-Galerie:

  Und hier bekommt ihr das Video dazu (ich bin Nummer 2), gefilmt vom legendären Trainer Marcus plus Fotogalerie:

Galerie:

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