Stadtgeschichte

Else Wagner wurde in Grafeneck vergast – jetzt wird eine Straße nach ihr benannt

Andreas Meckel

Sie galt als psychisch krank und wurde von ihrer Familie getrennt: Am 6. August 1940, vor genau 80 Jahren, wurde Else Wagner aus Freiburg-Haslach in Grafeneck von den Nazis ermordet.

"Sie war ein guter Mensch" sagt ihre Tochter Irene über Else Wagner, "und mein Vater tat ihr leid". Dies wird mit der Grund für eine Ehe gewesen sein, deren Ausgangspositionen unterschiedlicher kaum sein konnten. Nach Else Wagner wird jene Straße in Haslach benannt, die zuvor Sepp-Allgeier-Straße hieß, zu Ehren des Filmpioniers, der sein Können in den Dienst der Nazis stellte. So hat es der Gemeinderat Mitte Juli beschlossen. Genau heute vor 80 Jahren wurde Else Wagner von den Nazis ermordet.


Die 1897 geborene Else Wagner stammte aus einer streng katholischen, von ihrem späteren Mann als "bigott" bezeichneten Freiburger Familie, die es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatte. Karl-Friedrich Wagner hingegen war protestantisch, Hilfsarbeiter und 19 Jahre älter als Else. Als sie sich zwei Jahre vor ihrer Heirat kennenlernten, war er bereits seit zehn Jahren Witwer und Vater von fünf Kindern. Das jüngste, einen damals zwölfjährigen Sohn, brachte er mit in die Ehe.

1919 musste Else Wagner das erste Mal in die Psychiatrische Klinik der Uniklinik

Else fühlte sich zu Karl-Friedrich Wagner hingezogen, weil sie seine fürsorgliche Art und seinen gradlinigen Charakter mochte. Das bescherte ihren vier gemeinsamen Kindern später nicht nur eine gewaltfreie Erziehung, sondern machte ihn auch zum Nazigegner. Zunächst aber geriet Else Wagner unter gewaltigen Druck ihres Elternhauses, das diese Verbindung mit allen Mitteln zu verhindern versuchte. Der Druck scheint so groß gewesen zu sein, dass sie im Juli 1919 für drei Monate in die Psychiatrische Universitätsklinik in Freiburg aufgenommen werden musste – noch vor ihrer Hochzeit im folgenden Jahr.

Im Dezember 1920 wurde das erste Kind, ein Mädchen, geboren. Ihm folgten in kurzen Abständen drei weitere Mädchen. Das jüngste, die 1927 geborene Irene, erinnert sich an die bittere Armut, in der sie lebten, an die demütigenden Besuche bei der Familie ihrer Mutter mit dem vor den hungrigen Kindern alleine vespernden Großvater sowie an regelmäßige Gottesdienstbesuche, bei denen sich die Mutter in einem Bußritual auf den Boden warf.

Zu dieser Zeit lebte die Familie im Freiburger Westen. Pfarrkurat Bieger von der dortigen Josefsgemeinde, eine Art Hilfspfarrer, sei öfter zu ihnen gekommen, um der Mutter ihr "sündiges Leben" vorzuhalten.

Wie weit das neben dem sich verstärkenden Druck durch den aufziehenden Nationalsozialismus dazu beigetragen hat, dass Else Wagner 1932 und 1933 in die Psychiatrische Universitätsklinik eingewiesen wurde, lässt sich schwer beurteilen. Ab September 1933 war sie in der "Badischen Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen", die sie bis zu ihrem Tod nicht mehr verlassen durfte. Sie leide an Katatonie, heißt es in einer Stellungnahme vom Dezember 1938 auf eine Anfrage der NSDAP (altgriechisch: "Anspannung von Kopf bis Fuß", das bedeutet: verhaltensbezogenes und psychomotorisches Syndrom).

Dort arbeitete sie in der Wäscherei und als Näherin und sei bei Besuchen der Familie "nie auffällig gewesen", wie sich eine ihrer älteren Töchter erinnert. Weil die Familie bitterarm war, konnte sie sich die Fahrt nach Emmendingen nur selten leisten. An die wenigen Besuche der Familie bei der Mutter erinnert sich ihre Tochter Irene voller Schmerz: "Karl-Frieder, nimm mich heim", habe sie immer wieder gerufen. Das jedoch war ihm nicht erlaubt, weil die Krankenakte sie als "ungeheilt" einstufte. Während der gesamten Nazi-Zeit lastete der Schatten der Mutter schwer auf der Familie. Die Bedrohung durch die verbrecherische "Erbgesundheitspolitik" der Nazis ließ den Vater fürchten, die Töchter könnte das gleiche Schicksal wie die Mutter erleiden. Über die Mutter durfte nicht mehr gesprochen werden: Grund für das jahrzehntelange Schweigen in der Familie, die den Krieg überlebte.

Am Tag ihrer Ankunft in Grafeneck wurde Else Wagner ermordet

Am 6. August 1940 – heute vor 80 Jahren – wurde Else Wagner in einem Transport von 90 Frauen von Emmendingen in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht und dort am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet.

Karl-Friedrich Wagner erhielt kurze Zeit darauf ein Schreiben von der Psychiatrie in Hartheim, mit der zur Tarnung der Mordaktion ein "Aktentausch" stattgefunden hatte. Darin die Nachricht, Else Wagner sei trotz aller ärztlichen Bemühungen an "akuter Hirnschwellung" gestorben. Das Angebot, ihm die Asche zu schicken, lehnte er ab, weil er, wie sich Tochter Irene erinnert, wusste, "dass die Asche sowieso nicht von seiner Frau war".
Euthanasie

Der aus dem Altgriechischen stammende Begriff "Euthanasie" bedeutet "guter Tod". Er wurde von den Nazis aber in zynischer Umkehrung für beispiellose Mordprogramme genutzt. Nach ihren "rassehygienischen" Vorstellungen stuften sie Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen als "lebensunwertes Leben" ein. Entsprechendes Gedankengut war auch in Freiburg von den Professoren Hoche, Fischer und Günther entwickelt worden. Den von Hitler selbst in einem Befehl vom 1. September 1939 angeordneten Mordaktionen unter dem Tarnnamen T 4 fielen im Deutschen Reich in den Jahren 1940 und 1941 bis zu laut werdenden Protesten zunächst etwa 70 000 Menschen zum Opfer. Bis zum Kriegsende stieg die Zahl auf 200.000. Von den in der Gaskammer der Anstalt Grafeneck ermordeten 10.650 Menschen kamen 175 aus Freiburg.

Nimmt man die Zahlen aus den deutschen Besatzungsgebieten dazu, sind von den Nazis im Rahmen der verbrecherischen "Erbgesundheitspolitik" insgesamt 400.000 Menschen ermordet worden.