Erfahrungsbericht

Eine Freiburgerin erzählt vom Schwangerschaftsabbruch in der Pandemie

Martha Martin-Humpert

2020 war für die wenigsten Menschen einfach. Was aber passiert, wenn man sich dann noch entscheiden muss, ob man eine Schwangerschaft austragen oder beenden möchte? Eine Freiburgerin erzählt ihre Geschichte anonym.

Als Anfang des letzten Jahres das Karussell von Lockdown und Langeweile ins Drehen kam, war schnell von einem neun Monate später folgendem Corona-Baby-Boom die Rede. Und tatsächlich: 2020 wurden in Freiburg mehr Kinder geboren, als je zuvor.

Aber, so relativiert Ingolf Juhasz-Böss, Ärztlicher Direktor der Klinik für Frauenheilkunde, dieser Trend bestehe in Freiburg schon länger. Ob der Geburtenzuwachs an der Pandemie liege, könne man so nicht einschätzen. Auf seiner Station sind die Frauen gut versorgt. Da jedoch außer dem Vater keine weitere Begleitperson erlaubt ist, bleiben viele Frauen kürzer in der Klinik, als normalerweise im Wochenbett üblich. Für Schwangere, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, gibt es außerdem eine Isolierstation, auf der sie versorgt werden. Die Gefahr, sich mit Corona anzustecken, ist allerdings laut Vergleichsstudien für Schwangere durch den erhöhten körpereigenen Immunschutz geringer, als für gleichaltrige junge Frauen.

Infos zum Abbruch zu finden, ist schwer

Doch was ist mit denen, die sich gegen eine Schwangerschaft entscheiden? Es ist Mitte Juni 2020, der erste Schrecken über das Coronavirus scheint überstanden, ein Aufatmen ist nach den Anspannungen der vergangenen Wochen möglich. Doch nicht für alle. Die Studentin L. fühlt seit einiger Zeit, dass sich ihr Körper verändert, sie bemerkt an sich Kurzatmigkeit, die Brüste spannen, alles riecht intensiver. Als ihre Periode länger als eine Woche ausbleibt, ist sie sich sicher: Sie ist schwanger. Die zwei Streifen auf dem Test bringen Gewissheit. Doch was nun? Nach einer Aussprache mit ihrem Partner ist klar: Sie wollen kein Kind, nicht jetzt. "Ich war relativ ruhig, was mich selber überrascht hat. Die Entscheidung zu treffen, war nicht schwer."

Die richtigen Infos zum Abbruch – Abtreibung wird mittlerweile als Unwort verstanden – allerdings schon. Denn laut Paragraph 219a des Strafgesetzbuches ist die "Werbung" für Schwangerschaftsabbrüche verboten. De facto bedeutet dies, dass Frauenärztinnen nicht darüber informieren dürfen, dass und wie sie abtreiben. Nach Recherchen im Internet ruft L. zuerst bei der Beratungsstelle Profamilia an. Denn wer einen Schwangerschaftsabbruch plant, muss ein sogenanntes Schwangerschaftskonfliktgespräch führen. In der Beratung, die meist vor Ort , coronabedingt allerdings telefonisch stattfindet, werden die Frauen aufgeklärt, dass es diverse Hilfsangebote gibt. So soll sichergestellt werden, dass keine Frau sich gegen eine Schwangerschaft entscheidet, wenn sie es nicht müsste.

109 Beratungen mehr als im Vorjahr

Bei Profamilia hat man von März bis Juli 2020 einen enormen Ansprung der Schwangerschaftskonfliktberatungen wahrgenommen, ganze 109 Beratungen mehr, als im Vergleich zum Vorjahr. Ob tatsächlich alle Frauen die Schwangerschaft beendet haben, oder sich für das Austragen des Kindes entschieden haben, ist für die Beratungsstelle nicht einsehbar. "Was die Frauen mit dem Schein machen, wissen wir nicht", Brigitte Knör von Profamilia. Die Gründe, warum sich die Frauen gegen eine Schwangerschaft entscheiden, sind oft die gleichen wie ohne Pandemie. Das Virus spielt beim Entschluss wohl nur eine sehr untergeordnete Rolle. Sorgen über die Situation waren eher bei der klassischen Schwangerenberatung spürbar, ihre Zahl ist sogar noch stärker angestiegen: "Pro Monat hatten wir 75 Gespräche mehr", so Knör. Thema sind vor allem die Belastungssituation für die Familien durch Home-Office, Kurzarbeitszeit, beengte Wohnverhältnisse und allgemeine Unsicherheit über die gesellschaftliche Lage. Wie geht das wohl weiter? Die Frage scheint unvermeidlich größer, wenn man ein neues Lebewesen in diese Welt entlässt.

Für L. jedoch spielt die Pandemie bei ihrer Entscheidung keine Rolle. "Das Einzige, was Corona beeinflusst hat, war, dass ich wegen Kurzarbeit in meinem Werkstudentenjob zu wenig Geld verdient habe und die Krankenkasse daher die Kosten übernommen hat." Denn normalerweise müssen die rund 300 Euro selbst gezahlt werden. Wer jedoch unter 1500 Euro verdient, hat nach Antragstellung bei der Kasse einen Anspruch auf Kostenübernahme.
Was die junge Frau bis jetzt nur durch den Test weiß, wird bei einem anschließenden Besuch bei der Frauenärztin bestätigt: Intakte Schwangerschaft. Das Gespräch mit der Ärztin ist kurz, sachlich, fast ein wenig verhuscht. "Ich hatte das Gefühl, dass es ihr unangenehmer ist, als mir. Wahrscheinlich bringen die Ärztinnen lieber Kinder zur Welt, als sich mit Abbrüchen zu beschäftigen." Vielleicht.

Keine medikamentöse Behandlung mehr nötig

Es wäre zumindest eine Erklärung, warum deutschlandweit seit Jahren die Anzahl der Ärztinnen abnimmt, die Abbrüche durchführen. Was früher als emanzipatorischer Akt gewertet wurde, rückt heute teils wieder in eine tabuisierte Ecke. Auch während der universitären Ausbildung wird die Thematik nur am Rande behandelt, oft nicht als Teil der gynäkologischen Ausbildung, sondern im Rahmen von Ethikdiskursen. An der Berliner Charité werden seit 2015 sogenannte freiwillige "Papaya-Kurse" angeboten, bei denen Studierende unter der Anleitung von erfahrenen Gynäkologinnen Ausschabungen an Papayas üben. Erstaunlich, wie wenig Präsenz das Thema hat, wenn man bedenkt, dass 26 Prozent der Schwangerschaften ungewollt eingetreten sind.

Zurück zu L. Da ihre Frauenärztin selbst keine Abbrüche durchführt, wird sie an eine Praxisgemeinschaft verwiesen, die aber erst spät eine Untersuchung anbieten kann. "Das war etwas ungünstig, weil damit mein Termin weiter nach hinten gerückt ist." Bei der erneuten Untersuchung wird festgestellt: Sie ist bereits über die 8. Schwangerschaftswoche hinaus. Bis zu diesem Zeitpunkt ist eine medikamentöse Abtreibung möglich, in anderen Bundesländern auch länger. Dabei bewirkt eine Medikamentengabe aus Mifepriston und einem Prostaglandin, dass die Wirkung des Hormons Progesteron aufgehoben wird und sich anschließend Gebärmutterschleimhaut und Fruchtsack samt Embryo lösen und abgestoßen werden. Das kommt einem natürlich Abgang am nächsten. "Eine Freundin hatte mir von ihren Erfahrungen berichtet. Es klang nicht schön, sie hatte starke Schmerzen und musste sich sogar erbrechen. Deswegen war ich eigentlich ganz froh, dass für mich nur noch die Ausschabung möglich war." Allerdings ist ein derart drastisches Erlebnis eher eine Seltenheit, jede Frau erlebt diesen Moment sehr unterschiedlich.

14 Eingriffe an einem Tag

Am Morgen des Abbruchs ist es heiß, der Sommer drückt und brennt auf den Asphalt, über den L. auf dem Fahrrad zur Klinik rollt. Vor ein paar Stunden hat sie ein Medikament genommen, das den Gebärmutterhals öffnet und die OP erleichtert. Der Behandlungsort liegt im Freiburger Umland, steril, unauffällig, fast etwas schäbig. Auf Grund der Corona-Schutzmaßnahmen ist Begleitung verboten. Vor den Türen warten die Partner im Schatten der Bäume, sie rauchen und tigern umher. "Klar, es ist eine komische Situation und ein komischer Ort. Aber ich habe mich gut aufgehoben gefühlt, das Personal war sehr freundlich, auch wenn ich lange warten musste." Der behandelnde Arzt führt ein routiniertes Aufklärungsgespräch. Auf ihre Frage hin, wie viele Eingriffe heute durchgeführt werden, antwortet die Arzthelferin mit 14. Sie wird in einen Raum geführt und gebeten, sich umzuziehen.

"Obenrum Maske, untenrum frei." Die sogenannte Saugkürettage findet unter Vollnarkose statt, etwa eine halbe Stunde dauert der Eingriff. "Als ich aufgewacht bin, habe ich seelig gelächelt und mich bei der Helferin bedankt, weil ich lange nicht mehr so gut geschlafen habe." Im Aufwachraum liegen noch zwei andere benommene Frauen. Man lächelt sich zu, während die Narkose langsam nachlässt und die nächste Patientin auf wackligen Beinen von der Bare gehoben wird. "Da war irgendwie ein Gefühl von Solidarität, obwohl wir offensichtlich ganz unterschiedlich waren. Aber wir haben ja gerade das gleiche erlebt und dann liegt man da und versucht lallend, mit den anderen ins Gespräch zu kommen. Absurd." Mit zwei dicken Binden ausgestattet kann sie schon kurz darauf den Heimweg antreten, ihr Freund holt sie ab. "Ich war noch ziemlich high und neben der Spur, aber erleichtert."

"Es ist in Ordnung, verschiedener Meinung zu sein, aber es sollte den Frauen selbst überlassen sein, sich für oder gegen ein Kind zu entscheiden."

Drei Tage war sie krankgeschrieben, was aus ihrer Sicht nicht unbedingt notwendig gewesen sei. Bis heute bereue sie ihre Entscheidung nicht und geht offen mit dem Thema um. "Ich reibe das jetzt nicht jedem unter die Nase. Aber ich äußere mich dazu, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand undifferenziert daher redet. Ein Freund meinte zum Beispiel, er fände Abtreibungen moralisch verwerflich. Dann haben wir darüber diskutiert und ich ihm meine Situation erklärt. Es ist in Ordnung, verschiedener Meinung zu sein, aber es sollte den Frauen selbst überlassen sein, sich für oder gegen ein Kind zu entscheiden."

Ein anderer Aspekt gibt ihr ebenso zu denken: "Irgendwie erwarten alle, dass man es super schwer nimmt, dass es einem danach schlecht geht. Vielleicht, weil einem die Medien das eintrichtern, weil Frauen in Filmen nach Abtreibungen immer depressiv sind und weinen. Aber wenn man sich umhört, haben wirklich viele Frauen schon abgetrieben, sie reden nur nicht darüber." Und tatsächlich: Für das Thema sensibilisiert, entdeckt man in seinem Umkreis viele Leerstellen, die auf vorsichtiges Nachfragen gefüllt werden. Bereitwillig berichten Freundinnen, Mütter, Nachbarinnen und Arbeitskolleginnen von ihren Erfahrungen. Viele starke und glückliche Frauen haben eine Schwangerschaft beendet und führen ein ganz normales Leben.