Interview

Eine Freiburger Autorin hat ein Buch über Glück in China geschrieben

Maya Schulz

Die aus Freiburg stammende Autorin Simone Harre hat ein neues Buch veröffentlicht, das sie auf der Leipziger Buchmesse vorstellen wollte, doch es kam anders. fudder erzählt sie, wie die Arbeit an ihrem Buch aussah.

"Glück in Freiburg – gibt es das?", fragte sich Simone Harre bereits vor einigen Jahren und veröffentlichte neben weiteren Büchern und Texten rund um das Thema Glück 2013 ein aus 21 literarischen Portraits bestehendes Buch, in dem sie die unterschiedlichsten Freiburger dazu befragte, was Glück für sie bedeute. Doch die Frage nach dem Glück war für Simone Harre noch nicht beantwortet und so erweiterte sie ihren Forschungsradius auf die Volksrepublik China. Als sie 2014 das erste Mal nach China reiste, zunächst um sich für den Aufbau einer Städtepartnerschaft zwischen Freiburg und Qingdao einzusetzen, stellte sie fest, dass es noch nicht allzu viel Literatur über China gab, die nicht akademisch, businessorientiert oder sogar spöttisch war. Dementsprechend galt es das Land in dieser Hinsicht noch "neu zu entdecken".


Fünf Jahre lang unternahm Harre immer wieder Forschungsreisen nach China, die zum Ziel hatten, mit den Menschen in Kontakt zu treten und der Suche nach dem Glück auch jenseits des Himalayas nachzugehen. Dazu führte sie Interviews mit den unterschiedlichsten Menschen. Sie traf Milliardäre und Taxifahrer, ein homosexuelles Pärchen in Chengdu, Künstler und Bauern, Junge und Alte und befragte sie nach ihren Ansichten über das Glück. Fünfzig der im Zuge dieser Reisen entstandenen Interviews veröffentlicht sie nun in ihrem neuen Buch und liefert damit Antworten auf die Frage, die sich besonders in den vergangenen Monaten immer mehr Menschen stellen: "China, wer bist du?" (Reisedepeschen Verlag 2020).

Wir alle suchen nach Glück

"Auf dem Rücken jedes Einzelnen ist diese riesige Wirtschaftsmacht entstanden", sagt Harre im fudder-Gespräch und macht damit deutlich, dass viele unterschiedliche Lebensrealitäten das Reich der Mitte zu dem machen, was es ist. Mit einfühlsamen Interviews gelingt es ihr, ein buntes und vielschichtiges Bild Chinas zu zeichnen und damit einmal mehr zu zeigen, dass Verständnis und Neugier, nicht Vorurteile oder gar Hass, die Grundlage für Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Menschen darstellen. Nach Glück suchen wir alle – egal in welcher Lebenslage wir uns befinden. Eine Gemeinsamkeit, die man gerade angesichts der schwierigen aktuellen Lage nicht vergessen darf.

Ganz besonders bewegt habe sie der Besuch in einem "Sonnendorf" in Peking, berichtet Harre. Bei den "Sonnendörfern" handelt es sich um Kinderheime, in denen die Kinder von Straftätern oder bereits Hingerichteten leben. Die Widersprüchlichkeit Chinas, die sich in den zwei Gesichtern solcher Heime zeigt, gelingt es Harre in einem Interview mit Zhang Shuqin, der Gründerin der Sonnendörfer, darzustellen.

In Freiburg gründete Simone eine deutsch-chinesischen Freundeskreis

Für Harre stand stets im Vordergrund, einen möglichst unvoreingenommenen, jedoch nicht unkritischen Blick auf die Situationen, denen sie begegnete, zu behalten: "So sind auch meine Reisen durch China nicht als naive Huldigung an ein fernes Land zu verstehen. Es ist mehr so, dass ich im Spiegel der Fremde mich selbst, meine Heimat und meine Werte erst richtig sehen und schätzen lerne. Dass ich staune, dass der andere immer sowohl gleich und dann doch wieder anders ist. Und so erreiche ich am Ende zweierlei: Ich bringe Licht in mein eigenes Leben und ich bringe Licht in ein fremdes Leben. Genau das möchte ich auch an den Leser weitergeben. Gleich, ob es sich um Portraits in China oder Deutschland handelt. Es geht immer um Menschen und um Respekt auf beiden Seiten."

In Freiburg hat die Autorin vor einigen Jahren einen chinesisch-deutschen Freundeskreis gegründet, der sich normalerweise in regelmäßigen Abständen zum gegenseitigen Austausch und zum gemeinsamen Speisen auf Schloss Ebnet trifft. Es sei schön zu sehen, wie durch diese Begegnungen im Laufe der Zeit engere Kontakte und Freundschaften entstanden seien, so die Autorin. Auch chinesische oder deutsche Austauschstudenten sind nach Anmeldung herzlich willkommen.
Informationen über bevorstehende Treffen erhaltet ihr über: simoneharre@icloud.com.

Darüber hinaus bietet Harre ebenfalls auf Schloss Ebnet in regelmäßigen Abständen eine Schreibwerkstatt und verschiedene Schreibworkshops für Erwachsene und Jugendliche an. Ihr Anliegen ist es, über die Schreibwerkstatt die Fantasie wieder anzukurbeln, zu der viele in der Schulzeit leider durch sehr vereinheitlichte Lehrmethoden häufig den Zugang verloren haben. In China hat Harre erlebt, dass die Menschen auf die Frage nach dem Glück und auf die "Konfrontation" mit Freiheit häufig mit Überforderung und Hilflosigkeit reagierten. "Die Fantasie ist es jedoch, in der unsere Freiheit liegt, deswegen ist das so dramatisch. Denn ein Verlust der Freiheit durch mangelnde Fantasie bedeutet den Tod von Geist, Wert und Menschlichkeit", sagt Simone Harre.
Schreibwerkstatt: Web

Simone Harre: Reise-Blog

Buchverlosung von "China, wer bist du?": Verlosung (Teilnahmeschluss: 3. Mai 2020)