Ein Zuhause auf Zeit: Anti-AKW-Mahnwache am Platz der Alten Synagoge

Amelie Herberg

Ein kleines Zeltdorf mitten in der Stadt, wo Obdachlose campieren und mit Umweltaktivisten für den Atomausstieg kämpfen. Andernorts würde das sofort geräumt, in Freiburg scheint das seit Wochen kein Problem. Passanten und Studenten staunen, doch bisher stören sich weder Stadt noch Uni an der Truppe.



Viel sprechen möchte das junge Paar mit Jochen (50, Bild unten) nicht, unterschreiben wollen sie trotzdem. "Aber es ist gut, dass es euch hier gibt", dreht sich die Frau nochmal um, bevor die beiden gemeinsam weiter Richtung Bahnhof laufen. "Man muss ja etwas machen", sagt Jochen danach leise. Etwas gegen die Atomkraft und für den Ausstieg aus der Kernenergie. Seit einigen Wochen findet auf dem Platz vor der Universität zwischen Kollegiengebäude II und Stadttheater dazu eine Mahnwache statt, eine gemeinsame Initiative von vielen verschiedenen Aktivisten. Zum harten Kern gehören gut acht obdachlose Männer und Frauen, die hier derzeit dauerhaft leben.

Unterstützt werden sie vom u-asta und den Besetzern der Gartenstraße 19, die einige Zelte zur Verfügung gestellt haben. Jochen wohnt seit einer Woche hier. Seit vier Jahren ist er ohne feste Wohnung, mal hier, mal dort unterwegs. Eigentlich verfügt die Stadt Freiburg über das Hausrecht für den Platz vor der Uni. Doch im Rathaus sieht man die Besetzung bisher gelassen. "Wir werden nichts dagegen unternehmen, solange dort nichts passiert", sagt Sprecher Christoph Jessen. Die Uni, so Jessen, habe bisher auch kein Problem mit ihren neuen Nachbarn. "Die Menschen brauchen ein Ventil, um derzeit ihrem Unmut Ausdruck zu geben. Dazu gehört zum Beispiel auch die Montagsdemo am Rathausplatz", sagt er.



Auch Jochen will seinem Unmut Luft machen. Er selbst sei 1982 in Japan gewesen, habe Hiroshima und Nagasaki gesehen. "Ich kann nicht verstehen, wie die dort danach nochmal mit Atomkraft anfangen konnten", sagt er. Sein Bruder lebt eigentlich in Japan, "nach dem Unglück hat er aber seine Frau gepackt und ist sofort raus aus dem Land." Die beiden versuchen derzeit über E-Mails Kontakt zu halten.

Zwei ältere Männer bleiben vor dem Stand stehen, schauen ihn fragend an. Deutsch sprechen sie nicht, Jochen versucht es auf Englisch: "Can I help?" Die beiden suchen eigentlich nur die Toilette. Als sie am Stand die durchgestrichenen Atomkraftwerke und die knallbunten Flyer sehen, unterschreiben sie kurzer Hand aber auch auf der Liste. Mit Händen und Füßen können sich die Drei verständigen. Die beiden Männer sind zu Besuch in Freiburg und eigentlich aus Griechenland. "You forever well" sagen sie und spazieren weiter. Unterstützung für die Mahnwache gab es sogar schon von der Polizei. Nedy (33) wohnt wie Jochen ebenfalls derzeit in dem kleinen Zeltdorf vor der Uni. Er erzählt: "Als uns kürzlich die Unterschriftenlisten ausgegangen sind, sind wir rüber zur Polizei und durften dort den Kopierer nutzen, um einige neue Listen zu machen."

Nedy sitzt im Kreis mit einigen anderen Besetzern zwischen den Zelten. Noch sind Ferien, um die Universität ist es ruhig. Außer ihnen sitzt nur eine kleine Gruppe an Studenten gut 20 Meter weg auf der Wiese. "Auch die Studis stehen hinter uns", ist sich Nedy sicher. Wie lange sie noch hier bleiben können, weiß er nicht. "Heute habe ich gehört, dass wohl am 1. Mai Schluss sein soll, dann ist die Geduld von Salomon wohl ausgereizt", sagt Jochen. Wohin er dann will? "Ich habe eine Wohnung in Ebnet in Aussicht", sagt er. Noch länger auf der Straße leben will er jedenfalls nicht mehr. "Davon habe ich die Schnauze voll."

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