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Dragqueen Betty BBQ: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Gina Kutkat

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Selbstständigen nach. Folge 19: Dragqueen Betty BBQ.

Betty BBQ ist Dragqueen und Entertainerin aus Freiburg. Seit die Kunstfigur im Rahmen der Freiburger Fasnet entstand, bestreitet sie Auftritte auf Partys, Bällen und bei öffentlichen Anlässen. Mit ihrer traditionellen Kleidung inklusive Bollenhut und Schwarzwald-Dirndl bleibt Betty ihrer Heimat Freiburg treu. Bei ihren Stadtführungen zeigt sie ungewöhnliche Freiburg-Orte. Die Privatperson hinter BBQ ist ein "homosexuell lebender und liebender, biologischer Mann".

Betty, wie geht es dir?

Aktuell ist es ein Wechselbad der Gefühle, da die Regeln gerade wieder schärfer werden. Ich finde die Informationslage dieses Mal schlimmer als im März. Ich versuche schon den ganzen Vormittag herauszufinden, inwiefern nun Veranstaltungen eingeschränkt werden – erfolglos. Alles ist sehr unsicher und das macht auch mich unsicher, denn ich kann nichts planen. Für mich und mein Team, mit dem ich die Stadtführungen organisiere, steht jetzt die Weihnachtssaison vor der Tür. Die ist dieses Jahr noch wichtiger als sonst, da ich aktuell nur Führungen machen kann. Alle meine Fasnet-Auftritte wurden abgesagt. Jetzt kommt die Sorge um die Weihnachtszeit dazu.

"Aktuell geht mir alles viel mehr an die Nieren. Weil alles so aussichtslos ist und ich auf Dauer einfach nicht planen kann."

Wie hast Du die letzten Monate verbracht?

Als der Lockdown kam, war das ein Schock für mich. Ich hatte quasi über Nacht Berufsverbot. Alles, was ich mache, hat mit Nachtleben und Menschen zu tun – und fand erstmal nicht mehr statt. Ich bin in den ersten Wochen sehr viel spazieren gegangen und habe irgendwann meinen eigenen Rhythmus gefunden. Inzwischen kenne ich jeden einzelnen Weg auf dem Schlossberg. Als wir wieder Stadtführungen machen durften, war ich sehr froh. Auch, wenn alles nur eingeschränkt geht. Meine beliebte Kneipentour oder die Kaffeeklatschtour finden nicht statt. Wirtschaftlich ist es eine Katastrophe. Von ehemals zwölf Mitarbeitern habe ich aktuell noch drei im Team. Ich hatte keine andere Wahl. Da habe ich mir eine Zeitlang schon Vorwürfe gemacht.

Wie bist Du generell mit der Krise zurecht gekommen?

Am Anfang ging’s mir noch ganz gut, ich war in einem "Funktionier-Modus" und habe versucht zu retten, was noch zu retten war. Aktuell geht mir alles viel mehr an die Nieren. Weil alles so aussichtslos ist und ich auf Dauer einfach nicht planen kann – beruflich und privat. Ich weiß nicht, ob im nächsten Herbst Feiern wieder erlaubt sind. Und ich weiß nicht mal, ob ich im November zwei Wochen Urlaub bei Freunden in Hamburg und Köln machen kann. Eigentlich bräuchte ich jetzt dringend Erholung nach dem ganzen Stress. Das macht einen einfach fertig.
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fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai 2020 stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Übersicht: Alle Folgen der fudder-Serie

Welche Auswirkungen hatte Corona auf deine Arbeit als Dragqueen, Moderatorin, Sängerin und Entertainerin?

Mein ganzer Berufsalltag hat sich komplett verändert. Aktuell mache ich nur Stadtführungen und habe ein paar Pressetermine als Botschafterin des Freiburger Stadtjubiläums. Auch ein paar Fernsehauftritte habe ich absolviert und es werden auch noch welche kommen. Ansonsten hatte ich seit Beginn der Corona-Krise keinen einzigen öffentlichen Auftritt. Nach den Stadtführungen gehe ich heim und bin selbst freitags um 21 Uhr zuhause, weil kein Nachtleben stattfindet. Früher bin ich jedes Wochenende munter durch die Bar gehopst. Unvorstellbar. Mein letzter öffentlicher Auftritt war tatsächlich am Fasnetsamstag vor 10.000 Menschen auf dem Münsterplatz. Der Höhepunkt meiner Karriere – und dann kam Corona.



Wie hat Corona die queere Community getroffen?

Für die queere Community ist die aktuelle Situation der absolute Horror. Sich treffen, austauschen und Gleichgesinnte treffen ist nicht möglich. Es sind sämtliche Rückzugs- und Schutzorte geschlossen, wie zum Beispiel die Sonderbar in Freiburg. Auch die Rosa Hilfe kann die beliebte Party "Schwules Dance" nicht veranstalten, ein regelmäßiger Treffpunkt der Community. Der CSD fand unter Corona-Bedingungen statt, das fand ich ganz schön. Und auch die Kampagne "Sichtbar in Freiburg" von Fluss e.V. hat mir sehr gefallen, da sie besonders zur Corona-Zeit wichtig ist.
Betty BBQ: Website & Instagram & Touren

Deine Welt ist ja die Welt der Partynächte, Charity-Events, Dinners und weiteren Auftritten: Wie geht’s dir ohne all das?

Ich vermisse es wirklich am meisten, Leute zu treffen. Denn das ist der Grund, warum ich mich für den Beruf der Dragqueen entschieden habe. Mit Leuten sprechen, agieren, ihre Geschichten erfahren, netzwerken und auch der Small Talk: das gehört alles zu Betty BBQ dazu und ist im Moment nicht möglich. Zeitweise bin ich gar nicht motiviert, in meine Rolle zu schlüpfen, das war früher nie ein Problem. Normalerweise sind meine Tage vollgestopft und ich erlebe jede Menge Sachen, das ist alles weggebrochen.

Was hast Du in der Zeit der Pandemie wichtiges gelernt?

Ich habe gelernt, wie wichtig Freiheit ist und auch, was Freiheit bedeutet. Einfach die Entscheidung zu treffen, abends noch drei Weinschorlen zu trinken, durch Clubs und Bars zu ziehen oder eine Veranstaltung zu besuchen.

Wie geht’s jetzt für dich weiter?

Das ist das ganz große Problem. Ich kann nicht sagen, wie es weitergeht, da ich nicht planen kann. Sicher ist, der Ticketverkauf für die Weihnachtssaison ist eröffnet und ich kann die Führungen unter den aktuellen Bedingungen machen. Außerdem habe ich zusammen mit der Wimmelbuch-Zeichnerin Steph Burlefinger ein Comicbuch im Eigenverlag herausgebracht, darüber freue ich mich auch sehr.
Was: Hallöchen, Hallöchen Freiburg! Die Travestie City Tour mit Betty BBQ
Wann: Samstag, 17. Oktober, 15 Uhr und 18.30 Uhr, Donnerstag, 22. Oktober, 18.30 Uhr
Wo: Betty BBQ Meeting Point, Franziskanerstraße 11
Tickets: ab 26 Euro, betty-bbq.de/tickets

Was: Kling, Glühwein, klingelingeling, die Weihnachts-City-Tour mit Betty BBQ in Freiburg
Wann: verschiedene Termine im Dezember
Wo: Betty BBQ Meeting Point, Franziskanerstraße 11
Tickets: ab 26 Euro, bz-ticket.de/karten

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