Literatur

Die Zwischenmiete-Lesereihe wird zehn Jahre alt

Anika Maldacker

Seit vergangenem Sommer haben fünf junge Freiburger Studentinnen die Organisation der Freiburger Lesereihe Zwischenmiete in die Hand genommen. Die Reihe, die drei Mal im Semester stattfindet, gibt es nun zehn Jahre. Am Montag liest ein serbischer Autor.

Wie die fünf Frauen um einen Tisch im Freiburger Jos-Fritz-Café am Freitagmittag zusammensitzen, sehen sie wie eine normale Freundesclique aus. Doch sie sind mehr als das. Alle vier bis sechs Wochen treffen sie sich an diesem Ort, um über Literatur zu diskutieren und zu entscheiden: Wer liest bei der nächsten Zwischenmiete-Lesung in einer Freiburger WG?


Die fünf Frauen formen seit Mitte 2019 das Team hinter der studentischen Lesereihe Zwischenmiete, bei der drei Mal pro Semester Lesungen von literarischen Newcomern stattfinden. Anstatt im Literaturhaus oder im Theater finden die Lesungen allerdings in Studierenden-WGs statt.

Das Literatur-Studium eint

Die fünf Frauen heißen Ilana Baden, 24, Sophie Jones, 27, Laura Ruppert, 25, Fränzi Spengler, 26, und Laura Sturtz, 25. Sie sind Masterstudierende an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – und studieren allesamt Literaturwissenschaften. Mal als Master Europäische Literatur und Kulturen, oder als Deutsche Literatur und als Neuere deutsche Literatur, Kultur, Medien. Wenn sie nacheinander ihre Studienfächer aufzählen, müssen sie selber lachen. Aber es erklärt, wieso sie im Café über Literatur diskutieren und eine Freiburger Lesereihe zusammen organisieren.

Die Zwischenmiete gibt es seit 2010

Nicht irgendeine Lesereihe, sondern eine etablierte und besondere Lesereihe. Die Zwischenmiete-Lesungen finden nunmehr seit zehn Jahren statt. 2010 wurden sie von Stefanie Stegmann, der Leiterin des Literaturbüros, der Vorgänger-Institution des Literaturhauses, ins Leben gerufen. Ein Team aus zwei Praktikanten und einer Mitarbeiterin hatte die ersten Lesungen damals auf die Beine gestellt. Bis heute ist das so, dass die Zwischenmiete zwar an das Literaturhaus angedockt ist, aber stets von einem unabhängigen Team junger Leute durchgeführt wird. "Alle zwei bis drei Jahre wechseln die Teams", sagt Literaturhaus-Leiter Martin Bruch, "und das ist so gewünscht, damit die Reihe lebendig bleibt und neue Impulse gesetzt werden."

Auch das neue Team wollte die Lesereihe neu ausrichten. "Wir wollen Diskurse anstoßen, politisch sein und die Themen, die für Millennials interessant sind, behandeln", erklärt Laura Sturtz. "Auch aktuelle Themenfelder wollen wir anreißen", fügt Sophie Jones hinzu. Die Lesung am kommenden Montag mit dem serbischen Schriftsteller Marko Dinić trifft ein solch aktuelles Thema: die Wahrnehmung des Jugoslawienkrieges, befeuert durch die Debatte um den Literaturnobelpreisträger Peter Handke, der wegen seiner Haltung zu Serbien unter anderem vom Träger des Deutschen Buchpreises 2019, Saša Stanišić aus Bosnien und Herzegowina kritisiert worden war.

Wie hat sich das Format in den letzten Jahren gewandelt? "Es ist auf jeden Fall ein totaler Publikumsrenner", sagt Martin Bruch. Er trifft sich regelmäßig mit dem Team, gibt Tipps, bespricht die Lesungen, aber ohne sich in die Entscheidungsmomente einzumischen. In den vergangenen Jahren hat sich vor allem eine größere Offenheit an neuen Genres bemerkbar gemacht. "Es gibt auch Interesse an Graphic Novels oder mit Musik zu experimentieren", sagt er.

Literarische Newcomer stehen im Fokus

Bisher hat das frisch zusammengefundene Frauenteam hinter der Zwischenmiete eine Lesung zusammen organisiert, ein Teil von ihnen hat schon bei den vergangenen Veranstaltungen des Vorgängerteams ausgeholfen. "Zwischen 50 und 90 Besuchern sind gekommen", sagt Ilana Bader. Genug, um eine Freiburger Durchschnitts-WG zu füllen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer lassen sich auf Sofas, Sesseln, Küchenstühlen und Böden nieder, um dem Autor oder der Autorin zu lauschen. Wer vorliest, entscheidet das Zwischenmiete-Team gemeinsam. "Wir diskutieren oft bei zwei, drei Kaffee", sagt Sophie Jones. Die Leseexemplare erhalten die Fünf vom Literaturhaus, oder fragen bei den Verlagen direkt an. Jede liest die Werke für sich und erstellt ein Ranking. "Darüber diskutieren wir und entscheiden", sagt Laura Sturtz. "Wir fragen uns: Welches Publikum wollen wir erreichen?", fügt Ilana Bader hinzu. Wichtig ist, dass der Schriftsteller oder die Schriftstellerin nicht als solche oder solcher etabliert ist. "Wir wählen aus Romandebüts oder Zweitwerken aus", erklärt Fränzi Spengler.
Wer seine WG für eine Zwischenmiete-Lesung zur Verfügung stellen will oder sich einfach für den Ablauf interessiert, kann sich unter der Mailadresse zwischenmiete@literaturbuero-freiburg.de melden.

So wie Marko Dinić. Der serbische Schriftsteller hat 2019 sein Romandebüt "Die guten Tage" veröffentlicht und liest bei der Zwischenmiete-Lesung am kommenden Montag. Das Werk des 1988 geborenen Autors ist eine Abrechnung der Generation, die als Kinder den Jugoslawienkrieg miterlebt hat. Wenn Dinić nach Freiburg kommt, wird er in der Wohngemeinschaft von Sophie Jones untergebracht. "Wir versuchen meistens, die Autorinnen oder Autoren in den WGs, wo sie lesen, einzuquartieren", erklärt Sophie Jones.

Format auch in anderen Städten etabliert

In der WG in der Jacobistraße, wo die Lesung am Montag stattfindet, seien derzeit aber alle Bewohner im Prüfungsstress. Meistens fragt das Team Freunde und Bekannte nach WGs, die Lust haben, die Lesung bei sich auszurichten. Um die Organisation kümmert sich dann das Zwischenmiete-Team selbstständig. Für die Lesung mit Dinić wird die WG ihren Dachboden öffnen. Im Eintritt von 5 Euro sind ein Bier und ein Brötchen enthalten. Im Anschluss können die Gäste mit dem Autor ins Gespräch kommen.

Als Entlohnung für ihre Arbeit mit der Lesereihe bezahlt das Literaturhaus dem Team die Anfahrt und Unterkunft für die Leipziger Buchmesse. Dort vernetzt sich das Team auch mit anderen Gruppen des Vereins Unabhängiger Lesereihen. Denn deutschlandweit hätten solche Unabhängigen Lesereihen enormen Zulauf, erklärt Martin Bruch. Die Zwischenmiete ist auch Teil des Vereins und ein Vorreiter. Denn das Format der Lesereihe Zwischenmiete wurde inzwischen auch in anderen Städten wie Köln, Stuttgart und Düsseldorf etabliert – nach Freiburger Vorbild.

  • Was: Zwischenmiete mit Marko Dinics Romandebüt "Die guten Tage"
  • Wann: Montag, 17. Februar, 20 Uhr
  • Wo: Jacobistraße 1
  • Eintritt: 5 Euro (inklusive Bier und Brötchen, nur Abendkasse)