Interview

Die Gründer von Alman Memes veröffentlichen ihr erstes Buch

Maxim Melzer

Sina Scherzant und Marius Notter sind die kreativen Köpfe hinter dem Instagram-Account "alman_memes2.0". Das Paar hat ein nun erschienenes Buch über die Protagonisten der Memes geschrieben. fudder hat mit ihnen über den Account, deutschen Humor und das Buch gesprochen.

Marius, du hast mal in einem Interview auf die Frage nach dem deutschen Humor geantwortet: Welcher Humor? Gilt das immer noch?

Marius: Ich habe damals auf diese Mischung aus Mario Barth, Stefan Raab, Dieter Nuhr und sehr
reaktionären Sitcoms wie die Camper und Hausmeister Krause angespielt. Super sexistisch und es wird eigentlich nur nach unten getreten. So eine Art Humor der 2000er. Der war zwar damals schon so, aber irgendwie fand man es doch ganz cool. Zu der Zeit hat man aber auch Schlaghosen getragen… und das heißt ja nicht, dass man das immer noch gutheißen muss.
Sina: Ich glaube aber nicht, dass deutscher Humor schon immer so war oder so sein muss. Diese
2000er-Schiene existiert und steht auch für deutschen Humor, das heißt aber nicht, dass es nur diesen Humor gibt. Wenn wir um die Ecke kommen und uns ein bisschen über "die Deutschen" an sich lustig machen, heißt es oft: "Was, das kann man doch nicht machen!" Dabei gab es auch vor uns schon Sachen wie Familie Heinz Becker oder Loriot. Ich verstehe gar nicht, dass wir da immer zu so was Neuem hochstilisiert werden.



Auf eurem Instagram-Account alman_memes 2.0zieht ihr über deutsche Stereotype her. Es ist euer zweiter Account. Warum wurde der erste 2018 gesperrt?

Marius: Bis heute kann ich das nicht sicher sagen. Ich habe alman_memes einfach aus einer Laune
heraus erstellt, mit einer ganz normalen web.de-E-Mail- Adresse, habe diese aber nie bestätigt. Zeitgleich hatte ich auch ein bisschen Stress mit Leuten, die es gar nicht lustig fanden, dass der
Account Alman-Memes heißt. Die meinten, das wäre Rassismus gegen Deutsche und so ein Schwachsinn. Diese Mischung aus "E-Mail nie bestätigt" und konstant von diesen Leuten gemeldet
werden, hat Instagram wohl dazu verleitet, den Account zu sperren.

Und wann ging’s mit dem Zweiten dann los?

Sina: Im April 2019. Der ist dann auch ziemlich schnell gewachsen.
Marius: Das erste Mal gecheckt, dass das Ganze jetzt wirklich groß wird, haben wir als jemand mit uns zum ersten Mal ein Foto machen wollte: Im Freibad. Wir sahen aus! Komplett durchgeschwitzt und vollgepackt mit Taschen und Schwimmzeug.

"Mittlerweile ist es echt verrückt, wie sehr die Leute auf diese Figuren abfahren." Sina Scherzant

In euren Posts geht es immer wieder um bestimmte Figuren, die auch die Protagonisten im Buch sind. Wie kamt ihr auf Annette und Achim und ihre Kinder Annika und Andi?

Marius: Also, Achim hat sich aus dem "goldenen Alman-Achim" entwickelt. Den haben wir früher immer für "den dümmsten Kommentar" vergeben, wenn jemand den Witz nicht verstanden hat oder sehr "almanesk" kommentiert hat. Seine Frau Annette war dann naheliegend. Bei Memes ist immer so die Frage, was man denn eigentlich drunter schreiben soll: Der Witz ist ja im Bild. Und dann haben wir halt angefangen, längere Geschichten zu schreiben. Mittlerweile ist das so eine Challenge unter uns, wer die lustigere Geschichte schreibt.
Sina: Annika und Andreas, die Kinder der beiden, haben wir dann auch wirklich geplant "geboren" mit entsprechenden Charakterbeschreibungen und Meme-Starterpacks, da sind wir dann unserer A-Linie treu geblieben. Mittlerweile ist es echt verrückt, wie sehr die Leute auf diese Figuren abfahren.



Wie schwer ist euch der Schreibprozess gefallen?

Sina: Es war ein großer Vorteil, dass die Figuren durch die Memes schon sehr ausgearbeitet
waren. Wir sind uns auch immer einig, wie sich jetzt zum Beispiel Anette in einer bestimmten
Situation verhalten würde. Trotzdem war es schon erstmal eine kleine Herausforderung diese Story auf Strecke zu entwickeln.
Marius: Als wir dann aber so weit waren, war es, als wäre ein Ventil aufgedreht worden und der ganze Stoff ist so aus uns herausgesprudelt. Wir mussten schlussendlich sogar ein Kapitel streichen. Es gibt eben so viele kleine Beobachtungen, die man macht – die Inspiration ist unendlich. Es gibt auch ab und zu Situation, bei denen wir denken, die können wir nicht aufschreiben, das ist so übertrieben. Das glaubt uns doch keiner.

Seid ihr mit diesen Alman-Stereotypen groß geworden?

Marius: Ich bin in einem kleinen Dorf groß geworden, in der Nähe von Freiburg. Bei uns liegt jetzt
aber keine Fußmatte, auf der irgendwie "Bier abstellen, umdrehen, verpissen" steht vor der Tür
und einen Carport hatten wir auch nicht. Aber natürlich erlebt man trotzdem diese ganz klassisch
deutschen Geschichten, zum Beispiel aus der Nachbarschaft. Oder die Kühltasche, die war bei mir ein riesiges Thema. Ich weiß gar nicht, wie oft ich die im Urlaub durch die pralle Sonne ans Meer tragen musste.
Sina: Bei mir war es ähnlich. Aber es gibt natürlich auch einfach Sachen, die man kennt, ohne genau zu wissen woher. Thermomix zum Beispiel, das war bei uns nie ein Thema, ich weiß aber, dass es in ganz vielen Familien ein Riesending ist.
Marius: Man bekommt einfach so viel mit durch das direkte und indirekte Umfeld. Wir sind also tatsächlich in richtigen Alman-Umgebungen groß geworden. Da haben sich ganz viele Absurditäten mehr oder weniger verselbstständigt, die werden dann einfach nicht mehr hinterfragt.
Sina: Wir bekommen auch manchmal Nachrichten von Fans, die ihren Eltern unsere Bildunterschriften vorlesen. Die Eltern fragen sich dann tatsächlich, was daran lustig sein soll und meinen das seien doch bloß ganz normale, alltägliche Geschichten.

" Aber gerade, wenn es um Klimaschutz oder Rassismus geht, wäre es doch mehr als wünschenswert, wenn sich etwas verändert." Marius Notter

Glaubt ihr, dass diese Stereotypen weniger werden, je mehr man sie reflektiert?

Marius: Einige der typisch deutschen Stereotype oder Verhaltensweisen, die wir über unsere Memes persiflieren, sind natürlich sehr, sehr fest verankert und auch über Generationen hinweg weitergegeben worden. Das merken wir auch bei uns selbst. Nicht jede dieser Verhaltensweisen ist schlimm. Aber gerade, wenn es um Klimaschutz oder Rassismus geht, wäre es doch mehr als wünschenswert, wenn sich etwas verändert. Da wollen wir schon den Spiegel vorhalten.
Sina: Man muss da einfach unterscheiden. Wenn eine Anette in einem unserer Memes sagt: "Nicht mit Metall in die Teflon-Pfanne" ist das als Verhaltensweise natürlich nicht weiter schlimm. Lustig ist die übertriebene Angst vor dem zerkratzten Teflon aber trotzdem. Viele andere Dinge sind, wie Marius schon sagt, aber problematisch und da hoffen wir schon, dass wir bei dem ein oder anderen ein Umdenken bewirken.

Info

Der Account von Sina und Marius alman_memes2.0 hat mittlerweile über 600.000 Abonnenten und zählt damit zu den größten Meme-Accounts in Deutschland. Dort posten sie seit April 2019 täglich zwei Memes und persiflieren deutsche Stereotype. Ihr Buch "Noch 3 Treuepunkte bis zum Pfannen-Set", in dem die Figuren aus ihren Memes die Hauptrollen spielen, erschien an diesem Dienstag, 23. März.