Bandporträt

Die Freiburger von Dr. Bær machen Metal, den sich auch Hippies anhören

Matej Snethlage

Experimentelle Metal-Musik mit lyrischen Texten: Dafür stehen die Freiburger der Band Dr. Bær rund um Sänger Sebastian Heieck. Gerade veröffentlichten sie ihre neue Single. Warum ihre Musik auch was für Hippies ist?

Wenn man hundert Menschen sagt, sie sollen sich eine Metal-Band vorstellen, haben 99 von ihnen das gleiche Bild im Kopf: Testosterongeladene Männer mit verfilzten Haaren und Bierdose in der Hand. Auf der Bühne vollziehen sie satanische Rituale (mitsamt Tieropferung), in der Freizeit wird die nächstgelegene Kirche angezündet.


Aber auch 99 Menschen können sich irren: Denn Metalmusik ist längst ihrem Klischee entwachsen. Die Freiburger Band Dr. Bær ist eine Metal-Band, die längst nicht mehr in diese Schublade passt. Ihre Musik ist experimentell, die Texte lyrisch und die Musiker normale Menschen. Zwei Alben haben sie bereits veröffentlicht, jetzt ist die neue Single "The day I invented the rain" erschienen. Die Musik klingt anders, die Lieder sind lang und unkonventionell, die Texte persönlich.

"Unsere Musik – seien es die Reime oder die Sprache – ist stilistisch von meiner Vorliebe zu Lyrik geprägt." Sebastian Heieck

Mitverantwortlich dafür ist Sebastian Heieck. Er ist Sänger und Texter der Band; er schreibt die Lieder, die er später singt. Während er auf der Bühne energiegeladen auftritt, ist er im echten Leben eine liebe und zuvorkommende Person. "Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch, der so gut wie nie wütend wird. Aber Metal ist eine Gelegenheit, die Negativität herauszulassen, die man sonst unterdrückt", sagt er über sich.

Selbst hört er kaum Metal, eher Country und Klassik. Als Kind wollte Sebastian gegen seine musikverrückte Familie revoltieren und beruflich in eine ganz andere Richtung gehen. Doch die Musik zog ihn wieder zurück: Erst ein E-Bass-Studium in Freiburg, dann mehrere Band-Projekte. Seine Miete bezahlt er unter anderem mit einem Nebenjob in der Werkstatt eines Freundes, wo er Äxte schmiedet.

Trotz gegen äußere Umstände

"Unsere Musik – seien es die Reime oder die Sprache – ist stilistisch von meiner Vorliebe zu Lyrik geprägt", sagt er. Die Themen in den Liedern sind ernst und sprechen tiefpsychologische Gefühle an. Es geht von Verlustangst über Trauer zu dem meist überwiegenden Trotz gegen die äußeren Umstände. Der Text steht immer als erstes; erst dann wird die Musik um ihn herum geschrieben.

Und auch dort werden immer wieder ungewöhnliche Dinge ausprobiert. Die offenen Songstrukturen, die unkonventionelle Länge und die Benutzung von exotischen Musikinstrumenten heben die Band vom Durchschnitt ab. In einem Lied verwenden sie eine türkische Hirtengitarre, die Saz, in einem anderen eine chinesische Geige, die sogenannte Erhu. "Wir schauen immer, welche Klänge passen und dann können wir ihn erweitern, um uns von der Masse abzuheben", sagt Sebastian. Das mache es zwar schwerer, Fans aus dem Mainstream abzugreifen, aber die, die kommen, seien dann auch treuer.

In der aktuellen Besetzung spielt die Band seit 2018

Diese neue Art der Musik zieht auch Fans aus metaluntypischen Lagern an: "Unsere Zuhörer sind nicht nur die Metalheads, die zwei Stunden lang zu den Konzerten headbangen, sondern auch eine Hippie-Community, die mit der Musik auf persönlicher und spiritueller Ebene connectet."

So komisch es auch klingen mag: Dr. Bær macht Metal, den sich auch Hippies gerne anhören. Und das auch nicht erst seit ein paar Wochen. Dr. Bær gibt es schon lange, in der aktuellen Besetzung jedoch erst seit 2018. Seitdem ist auch Merwyn Christopher, Gitarrist und Musikliebhaber, dabei. Er ist das Gegenteil eines Klischee-Metal-Gitarristen: Zum Treffen trägt er ein weinrotes Langarm-Hemd, spricht leise und überlegt, wirkt zurückhaltend.



Seine Faszination zur Musik fing bereits mit neun Jahren an. "Eigentlich wollte ich Geige lernen, im Nachhinein irgendwie lächerlich." Dann wurde es doch Gitarre: "Slash war damals mein Lieblingsmusiker, dazu Guns’ n Roses, ich liebte Rock." Aus der Liebe wurde die Überzeugung, aus dem Instrument noch mehr rausholen zu können und so zog er prompt nach Freiburg, um Musik zu studieren.

Er lernte Sebastian kennen und schon war er Teil von Dr. Bær. Jetzt ist er Gitarrenlehrer, Musikstudent und Gitarrist einer Band. Seine Reflektion des Karrierewegs: "Musiker zu sein, ist schon geil. Das kann man eigentlich nur empfehlen." Das Label Metal findet er für Dr. Bær jedoch nicht so ganz passend: "Wenn du sagt, dass du in einer Metalband spielst, dann wirst du sofort in eine Schublade gesteckt. Wir versuchen immer neue Dinge auszuprobieren, vor allem im Ethno-Bereich. Vor allem, was man stereotypisch nicht im Genre findet."

Der Traum: Groß rauskommen

Das zweite Album wurde bereits mit der neuen Besetzung produziert. Es ist ein Konzeptalbum, ideenreich und ungewöhnlich. Das konnte nur entstehen, weil man in der Band kreative Dynamiken fördere, sagt Merwyn: "Wenn Sebi und ich eine verrückte Idee haben und sie den anderen Mitgliedern zeigen, sind die immer von Anfang an dabei und wollen sie weiterführen." Der Traum ist es natürlich, mit Dr. Bær groß rauszukommen. "Wir wollen irgendwann mal dahinkommen, dass man von dem, was man liebt, auch tatsächlich leben kann, ohne wirkliche Kompromisse einzugehen", sagt Sebastian. Dass das verdammt schwer ist, weiß er aber auch: "Bis man es mit Musik, vor allem Metal, finanziell zu etwas bringt, ist es ein weiter Weg." Der altmodische Traum vom Bandbus, mit dem man die Welt bereist und vor Fans spielt, bleibe aber. "Und ich denke, wir sind im Rahmen unserer Möglichkeiten auf einem guten Weg dorthin", denkt Sebastian.

"Wenn du mit deiner eigenen Musik connecten kannst, gibt dir das eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit." Merwyn Christopher

Der Antrieb für die Musik ist das aber nicht. "Der erste Gedanke sollte sein: Ich habe etwas auf der Seele und daraus will ich Musik machen", sagt Sebastian und Merwyn stimmt ihm zu: "Wenn du mit deiner eigenen Musik connecten kannst, gibt dir das eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit."

Dabei müsste der Traum des Erfolgs gar nicht einmal so weit weg sein. Denn Metal ist längst nicht mehr das nischige Underground-Genre, was es einst war. Er ist gesellschaftstauglicher geworden, irgendwie normaler. Aber auch beliebter. "Metal wird gerade ganz schön gefeiert. Und das wird nicht enden, solange es die Gitarre gibt", sagt Merwyn.
Durch Corona musste Dr. Bær in letzter Zeit pausieren, Konzerte durften sie nicht spielen.

Auf dem ZMF hätten sie gerne gespielt, ebenfalls bei "Freiburg stimmt ein". "Immer, wenn man auf einer Bühne steht, ist das eine krasse Erfahrung. Es geht nicht darum, ob man perfekt performt oder nicht. Es macht Spaß und allein dadurch wird der Gig geiler", sagt Merwyn. Bald wird man auch als Zuschauer wieder Konzerte erleben dürfen: Im September soll Dr. Bær wieder auf der Bühne spielen.
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