Kultur

Die Ausstellung "Aufbrechen" zeigt die feministische Geschichte Freiburgs

Anna Castro Kösel

Von 1972 bis heute: Bei der Ausstellung "Aufbrechen" des neugegründeten feministischen Archivs kann man sich auf die Spuren der Freiburger Frauenbewegung machen. Am Montag fand die Eröffnung mit dem Verein der feministischen Geschichtswerkstatt statt.

Die Ausstellungsgeschichte

"Wittu Frauen austricksen, muttu du früher aufstehen", steht auf einem Flyer, den Freiburger Studentinnen in den 70er-Jahren verteilten. 1972, vor 50 Jahren, gründeten Studentinnen an der Pädagogischen Hochschule die erste Frauengruppe – eine Selbsterfahrungsgruppe nach amerikanischem Vorbild. Flyer, Plakate und Dokumente aus dieser Zeit wurden im feministischen Archiv gesammelt. Ab 2002 war es geschlossen, da es an Kapazitäten für eine Betreuung und an Geld fehlte. 2022 gründete es sich neu, als Projekt mit der Unterstützung des Kulturamts Freiburg.

"Wenn ich alte Flyer lese, ist da oft ein ganz anderer, frecher, aufmüpfiger Ton – der gefällt mir einfach total und den finde ich sehr inspirierend", sagt Veronika Ott vom feministischen Archiv. Die 40-jährige Geigenbauerin hat zusammen mit zehn anderen das Archiv neugegründet. "Mir vorzustellen, dass es keine straffreie Möglichkeit für einen Schwangerschaftsabbruch gibt, oder dass man eine Genehmigung vom Ehemann braucht, damit man arbeitet darf, ist für mich immer ein wohltuender Abgleich, dass es so wichtig war, dass diese Kämpfe stattgefunden haben", sagt sie.

Es sei wichtig Geschichte zu dokumentieren, sagt Kassandra Hammel, 30 Jahre alt und Geschichtsdoktorandin – und Teil des feministischen Archivs. "Was machen wir in der Zukunft, wenn wir keine Ahnung mehr haben, wie viele Leute in den letzten Jahren gekämpft haben? Alles, was wir heute nicht sammeln, geht verloren."

Die Eröffnung

"Es ist ganz schön voll", bemerkt eine Besucherin. Im Artik sind Jung und Alt gekommen, vor allem Frauen, um die feministische Geschichte Freiburgs nachzuvollziehen. Simone Thomas, die Frauenbeauftragte der Stadt Freiburg, bedankt sich bei dem feministischen Archiv. "Es ist der Freiburger Frauenbewegung zu verdanken, dass es meine Stelle überhaupt gibt", sagt sie. Auch Clementine Herzog vom Kulturamt lobt die Ausstellung – sie verbinde Kuratorisches mit kultureller Teilhabe. Künstlerin Séverine Kpoti sagt: "Ich würde am liebsten einziehen und mich einlesen".

Nach den Redebeiträgen knallen die Sektkorken zu den Rhythmen der DJanes Viper3000 und Pa$ha. "Es ist überraschend, wie viele Probleme immer noch aktuell sind und dass zum Beispiel Vergewaltigung so spät verboten wurde – erst knapp vor unserer Geburt", sagt Laura Eggers, 22 Jahre, die die Ausstellung mit ihren Freundinnen besucht. Die Ausstellung sei noch sehr weiblich dominiert und etwas "bubblehaft", meinen sie. Es wäre schön, wenn auch mehr Männer vor Ort wären, und von den Problemen erführen.

Veronika Köhler-Vargas, kam mit 17 Jahren 1975 als Exil-Chilenin nach Freiburg. Natürlich habe sie sich damals den Demonstrationen angeschlossen. Auf den Bildern, die auf der Ausstellung zu sehen seien, habe sie versucht Gesichter zu erkennen.

Das Ausstellungskonzept

"Aufbrechen" umfasst zwei Bausteine, so die Veranstalterinnen. An den Wänden kann man die Chronologie der Freiburger Frauenbewegung nachvollziehen, die mit Flugblättern, Flyern und Plakaten geschmückt werden. Der zweite Baustein sind die Themeninseln. Auf bunten Plüschkissen kann man sich niederlassen und über die feministische Vernetzung oder Sexpositivität und die weibliche Lust informieren. Durch QR-Codes kann man sich individuelle Geschichten zu dem Thema der Insel anhören. Die Inseln wurden danach ausgewählt, welches Gewicht sie in der Freiburger Frauenbewegung hatten. Durch die Verwobenheit der Freiburger Frauenbewegung, mit der in ganz Deutschland, können Besucherinnen und Besucher auf interaktive Weise erfahren, wie der Feminismus auch auf lokaler Ebene begann und Erfolge erzielen konnte. Eine spannende Reise für alle, die gerne mehr über die Herausforderung feministischer Bewegungen erfahren möchten.

Feministisches Archiv: Website & Instagram
Was: Ausstellung "Aufbrechen" des feministischen Archivs
Wann: bis 15. November 2022
Wo: Artik und Kommunales Kino, Freiburg

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