Letzte Chance

Der Fußball und ich – eine unerwiderte Liebe

Florian Schmieder

Dass viele Menschen mit Fußball nichts anfangen können, kann unser fudder-Autor verstehen. Spiele sind selten spektakulär, es fallen wenig Tore, Fußballfans agieren oft impulsiv, aggressiv und irrational. Trotzdem ist Fußball seine erste und am längsten währende Liebe.

Dieser Text hätte eigentlich nicht geschrieben werden sollen. Noch vor einem Jahr hatte ich mit meiner Liebe zum Sportclub und dem Fußball generell mehr oder weniger abgeschlossen. Ein letztes Mal Dreisamstadion sollte es zum Abschied vor dem Umzug aber schon nochmal sein. Passenderweise ein 0:2 gegen Fortuna Düsseldorf, kein Spektakel, kein bejubeltes Tor und doch waren viele der heißgeliebten Dinge noch da.

Liebe auf den ersten Besuch

Der Fußball war gefühlt schon immer in meinem Leben. Mit vier in den Verein, im Sommer nach der Schule direkt auf den Bolzplatz. Anfangs noch Fan des großen FC Bayern – wie alle damals –, jahrelang kannte man mich nur als den Jungen mit der Bayern-Mütze. Dann zum ersten Mal im Dreisamstadion zu Besuch – wumms, verliebt. In den Charme dieses Stadions direkt am Fluss und den zum Greifen nahen Schwarzwald, dazu junge talentierte Fußballer aus der eigenen Jugend.
Fußball während Corona: Freiburger Fans im Einsamstadion
Fußball während Corona: Was bleibt neben dem Platz?
Fußball während Corona: Wird die Nord noch einmal beben?

Von da an galt es Geld zu sparen, um die 70 Kilometer nach Freiburg an so vielen Spieltagen wie möglich zu bewältigen. Es folgten sommerliche Fußballfeste mit anschließendem Bad in der Dreisam, eiskalte Auswärtsniederlagen in unromantisch modernen Arenen und vor allem unvergessliche Spieltage in Sevilla, Dortmund oder Ljubljana. Doch das Erwachsenwerden machte auch vor der doch so kindlichen Verbundenheit zum Fußball keinen Halt. Mit der Zeit konnte ich die Unsummen in den Transfergeschäften, korrupte Verbandsstrukturen oder gar von vielen Fans mitgesungene gekünstelte Werbesongs nicht mehr ertragen.

Das Besondere geht verloren

Die omnipräsenten und vielschichtigen Probleme des Profifußballs wirken vor den nackten Tribünen noch einmal klarer. Die Wettbewerbe werden Jahr um Jahr mehr, im November ist es durch die Gruppenspiele in den europäischen Pokalen möglich, jeden Tag in der Woche ein Profifußballspiel mit deutscher Beteiligung zu schauen. Was anfangs wie der Traum aller Fans klingt, entpuppt sich eher als das Gegenteil, denn das Besondere geht somit komplett verloren. Die Anstoßzeiten der Spiele wurden bereits längst von den Bedürfnissen der Fans in den Stadien entkoppelt, was meist in zusätzlichen Urlaubstagen für die Auswärtsfans endete. Und in den langen Wintermonaten des Lockdowns, in denen Dienstage wie Samstage waren, hätte ein althergebrachter Profifußball, der einem das Besondere zur Vorfreude am Wochenende verspricht, sicherlich gut getan.

All die Absurditäten der letzten Jahre münden 2022 in der Weltmeisterschaft in Katar. Für mich persönlich gab es schon genug Zwischenstufen auf dem Weg dahin, an denen ich mich entschieden habe, dieses System nicht länger tragen zu können. Aber die Gesamtheit von klimatisierten Stadien in einer Wüste, welche durch den Tod von bereits mehr als 6500 Arbeitern in prekären Beschäftigungsverhältnissen erkauft wurden, in einem Staat, der Homosexualität bestraft, Frauen systematisch benachteiligt und die freie Meinungsäußerung einschränkt, lässt mich nicht als Fußballfan, sondern schlicht und ergreifend als Menschen fassungslos zurück. Und doch scheint es mir wie die logische Schlussfolgerung eines Fußballs, von dem ich mich entfremdet habe.

"Die Dauerkarte habe ich abgegeben, die Spiele des Sportclubs nur noch sporadisch verfolgt"

Natürlich ist Fußball in Freiburg weit von Katar entfernt und erst recht nicht damit zu vergleichen. Vielmehr sind es die Nuancen, die verschiedenen Graustufen, die mich bereits beim Fußballschauen an der Dreisam aufschrecken ließen. Meine Probleme vor Ort lagen an gesponserten Fansongs und das Fehlen der Farbe weiß im Heimtrikot. So fortschrittlich ich mich gerne sehe, beim Fußball bin ich wohl eher der rückwärtsgewandte, in Erinnerungen schwelgende alte weiße Mann. Erwähnt sei natürlich, dass früher im Fußball eben nicht alles besser war, meine verklärten ersten Erinnerungen an Fußball als Kind stammen aus einer Zeit, wo im Bundesligafußball in Wirklichkeit eher Kreisligagekicke und Affenlaute auf den Rängen noch absolut gängig waren. Doch eben auch in Freiburg war es lange nicht mehr der reine Fußball, wie ich ihn mir gerne gewünscht hätte. Die Dauerkarte habe ich abgegeben, die Spiele des Sportclubs nur noch sporadisch verfolgt.

Fußball hat unleugbar etwas verbindendes

Und dann kam der erste Lockdown, vorsichtshalber mit Quarantäne. Damals waren jene Einschränkungen und Eindrücke, die uns nun bereits wieder seit einem halben Jahr begleiten, noch viel neuer, viel intensiver. Und in der damaligen Enge, in der viele wieder so schnell wie möglich in Clubs oder auf Festivals wollten, merkte ich, dass auch ich etwas vermisste. Der Geruch von warmem Bier, das am Unterarm klebt, das Ruckeln des nicht mehr ganz so neuen Regionalzuges und das Stimmengewirr von dutzenden Menschen. Morgens waren sie noch als Ärztin, Hausmann oder Tischlerin aufgewacht, nun stehen und sitzen sie da, haben alle das gleiche Ziel. Noch warten sie eine halbe Stunde auf das einzige, verstopfte Zugklo für vier Abteile, in wenigen Stunden stehen sie gemeinsam im Gästeblock in Bremen, Frankfurt oder Augsburg. So hat der Fußball unleugbar etwas verbindendes.

"Vielleicht habe ich zu früh aufgegeben?"

Mit der Zeit kam auch die Einsicht, dass es nicht nur mir so geht. Im Zuge der Berichte über das Fansein zu Corona-Zeiten konnte ich mit Vertreterinnen und Vertretern aus der aktiven Szene, aber auch klassischen Fans sprechen. Dabei bemerkte ich, wie es all jenen geht, die nicht wie ich bereits vor Jahren den Bezug zum Fußball verloren hatten. Es war die Sprache davon, noch einmal alles reinzuwerfen, sich für einen besseren Fußball einzusetzen, um erst danach sagen zu können, dass man alles versucht habe. Vielleicht habe ich zu früh aufgegeben?

Eine Zwiespältigkeit bei der Beantwortung dieser Frage zieht sich nun durch das letzte Jahr. Ich freue mich wieder auf die Stadionerlebnisse in einem Fußball, den es in meiner gewünschten Form nicht mehr geben wird. Und ob ich es aushalte, noch einmal über so lange Zeit enttäuscht zu werden, kann ich nicht sagen. Was ich weiß: All das will ich wieder genießen, das schale Bier an einem Samstagmorgen, das dichte Gedränge im Block, den lautstarken Support und den Torjubel, nach dem man sich vier Stufen weiter unten wiederfindet. Und wenn ich auch weiß, dass dies ein verklärtes Bild eines Fußballs zeichnet, so gibt es mir dennoch Hoffnung und ein Ziel in dieser verschwommenen Situation.