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Der Eishockey-Torwart, der mir von seinem Suizidversuch erzählte

Gina Kutkat

Menschen und ihre Geschichten kennenlernen – das war als Journalistin schon immer mein Antrieb. Was EHC-Torwart Ben Meisner mir alles aus seinem Leben anvertraute, werde ich niemals vergessen.

"Du kannst mich alles fragen", sagt Ben Meisner an einem Wintertag im Jahr 2019. "Ich bin ein offenes Buch." Der kanadische Torwart des EHC-Freiburg sitzt vor mir in einem Café in der Freiburger Innenstadt und ist bereit, mir alles über seine Depression und den Suizidversuch zu erzählen. Normalerweise sind solche Sätze Musik für das Journalistenohr. Wir lieben es, Geschichten zu hören, bei jedem kleinen Detail nachzuhaken und somit alles über ein Thema oder eine Person zu erfahren.

Doch ich bin zunächst gehemmt. Die Offenheit überfordert mich, sodass ich erst einmal um das Thema Depression herumwandere und ihn zu dem Artikel befrage, den er im August 2018 auf der Internetplattform "The Player’s Tribune" veröffentlicht hat. In "I’m not Connor McDavid" berichtet er, wie schwer es für ihn als Sportler war, seine Depression öffentlich zu machen. Und wie verzweifelt er war, sodass er sich eines Tages suizidieren wollte. Nur der Gedanke an seine Familie hielt ihn davon ab.Was seitdem alles in seinem Leben passiert ist, will ich danach ich von ihm wissen – und Ben fängt an, zu erzählen.

Sätze, die mich sprachlos machen

Am Ende habe ich seine komplette Lebensgeschichte gehört. Ich habe Fragen gestellt, die sehr persönlich sind – er hat sie alle beantwortet. Wir haben uns am ersten Tag zwei Stunden unterhalten. Und dann noch zwei Mal getroffen, weil Ben immer noch mehr zu erzählen hatte. Ich habe erfahren, welche Unsicherheiten ihn als Kind geplagt haben, dass er Außenseiter in der Schule war. Wie ihn der Selbstzweifel immer tiefer in eine Depression stürzen ließ, die durch den sportlichen Stress in der Eishockey-Liga immer schlimmer wurde. Dass es Tage gab, an denen er heulend in seinem Bett lag und nicht aufstehen konnte. "Meine Beine fingen plötzlich an zu zittern, meine Oberschenkel kribbelten und mir wurde schwindelig," erzählt er.

Auch von seinem Suizidversuch spricht er, und zwar ganz sachlich. "Ich ging in einen Gebrauchtwarenladen, kaufte ein Seil, befestigte es an einem Treppengeländer und schob einen Stuhl zurecht." Sätze wie diese können einen sprachlos machen. Aber Ben Meisner tut alles dafür, dass die Themen Depression und Suizid aus der Tabuzone geholt werden. Wie er sich als "Mental Health Advocat" für alle Betroffenen stark macht, wie er mit dem Thema umgeht – das beeindruckt mich bis heute. Er will nie aufhören, seine Geschichte zu erzählen, um anderen Mut zu machen und ihnen zu helfen. "Jedes Mal, wenn ich über meine Depression rede, rette ich vielleicht ein Leben."

Zur Geschichte:
Eishockey-Torwart mit Depressionen: "Ich lebe nur, weil ich mir Hilfe geholt habe"

Hilfe in Krisen!
Notfall
Bei drängenden und konkreten Suizidgedanken wenden Sie sich an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter der Telefonnummer 112.
Telefonseelsorge
Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie bei der Telefonseelsorge Hilfe.
Robert-Enke-Stiftung
Die Robert-Enke-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik RWTH Aachen eine Beratungshotline ins Leben gerufen. Sie bietet Leistungssportlern als auch Personen, die nicht aus dem Sport kommen, Hilfe.
Hotline Tel.: 0241 – 80 36 777, Sprechzeiten: Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr und 13 bis 16 Uhr.

Hier gibt es im Internet Hilfe bei Depressionen:
Bündnis gegen Depression
Stiftung Deutsche Depressionshilfe

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