Der coole Missionar: Jan Delay in Freiburg

Marius Buhl & Miroslav Dakov

Cool, stylish, näselnd: Popstar Jan Delay hat aus der etwas steifen Rothaus-Arena einen Hexenkessel gemacht. Doch wie immer hatte er zu kämpfen: gegen die Uncoolness der Gäste, gegen deren eingerosteten Tanzbeine und gegen Joachim Gauck. Welchen Kampf er verloren hat:



Der Mann, der aussieht wie Joachim Gauck, verschränkt die Arme. Die Knie drückt er durch, den Rücken ebenso. Der Kragen seines weißen Poloshirts sitzt schräg, die Brille dafür umso exakter auf der Nase. Er starrt auf die Bühne.

Der Mann, der aussieht, als wolle er das Vorurteil der schlechtangezogenen Deutschen alleine widerlegen, wirft die Arme in die Luft, tanzt, schnippt, trommelt und singt. Sein Slim-Fit-Anzug passt hervorragend zur schmalen Leoparden-Krawatte, der schwarze Stetson bestens zu den Lackschuhen. Er springt über die Bühne.

Zwei Stunden lang wird der Chefstyler/Rockstar/Hamburger Jung’ Jan Delay versuchen, das Gauck-Double zum Tanzen zu bringen.

Zwei Stunden lang wird er mit ausgestreckter ‘mano cornuta’ rocken, einfühlsam Hoffnung machen, die alten Funk-Tunes auspacken. Er wird alles so vermischen, dass am Ende unklar ist, was eigentlich Rock und was Hiphop ist. Er wird seine zwölfköpfige Band durch den Abend leiten. Die Deladies und die Johnny Blazer zum Tanzbattle antreten lassen. Das Publikum freezen lassen. Dazwischen amtlich näseln. Er wird schwitzen bis sein weißes Herr-von-Eden-Hemd komplett durchsichtig ist, er wird Witze über Freiburg und Gentrifizierung machen (“da hinten links da sind bestimmt die Bio-Supermärkte und die Kitas - hier vorne rechts aber ist euer neues Szene-Viertel, also kommt hier her”).

Er wird das machen, was er seit zwanzig Jahren tut: Kartoffeln bekehren. Seit damals, als er in der linksalternativen Szene Hamburgs unterwegs war. Seit er mit den Beginnern gegen die Fäule ankämpfte. Seit er versuchte, aus Bielefeld Manhattan zu machen. Er wird zeigen, wie man lässig durch einen Abend groovt. Wie man tanzt. Wie man deutsch und cool ist. Wie man voll Bürgertum ist (Eigenheim/Nikes) und trotzdem Ikone der roten Flora (“Ich sag: Bomben bringen nix, aber Verluste/Und darum spar'n wir euch zu Brei”.) Wie man coolen Schweinerock macht.

Am Ende wird er wieder erfolgreich sein, dieser größte deutschsprachige Popstar seit Koks-Legende Falco und Panikmann Lindenberg. Er wird aus einem Haufen Vierzigjähriger (ehemaliger Sportlehrer des Autors inklusive) eine Bande johlender Groupies machen. Wird ein wenig seiner Coolness verbreiten. Dem alten Traum von einem coolen Deutschland wieder etwas näher kommen. Er wird das alles tun, es aber aussehen lassen, als wäre es nebenher passiert.

Nur eines wird dieser coole Missionar nicht schaffen. Joachim Gauck zu bewegen. Der steht auch nach der zweiten Zugabe, nachdem die Partyjungs neben ihm aus vollem Hals "Disco, Disco" geschrien haben, still auf seinem Platz, die Ellbogen ein bisschen zu weit nach außen geschoben. Aber immerhin: Er wird lächeln.

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Foto-Galerie: Miroslav Dakov

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