Release

Das Freiburger Duo Willman macht Sozialkritik tanzbar und mitsingbar

Maya Schulz

Das Musikerduo Julia Lauber und Felix Birsner macht als Willman zusammen Musik. Die beiden studieren in Freiburg und sind hauptberuflich Musikerin und Musiker. Im September erschien ihre erste Single.

Von drauß vom Schwarzwald kommt es her… das Musikerduo Julia Lauber (21) und Felix Birsner (26), die zusammen die Band Willman bilden. Die beiden studieren in Freiburg und sind hauptberuflich Musikerin und Musiker. Im September 2020 erschien ihre erste Single und für ihr erstes Album haben sich Willman etwas Besonderes überlegt. fudder hat die Band im Online-Interview getroffen und dabei eine Menge über Metaphernschatzkisten, das spannende 12-Monate-Album-Konzept und Ohrwürmer erfahren.

Willman, das ist keine Kombination aus euren Nachnamen, oder?

Nein, der Bandname ist aus dem Gedankenspiel "Will man… will man nicht?" entstanden. Denn ob Veränderung passiert, hängt oft von der Frage ab, ob "man" etwas will und auch wie viele etwas wollen oder nicht. Wenn man sich diese Frage stellt, wird einem der eigene, individuell-unterschiedliche Handlungsraum bewusst. Es geht also gar nicht darum, dass jede/r alles perfekt machen muss, sondern, dass jede/r den eigenen Handlungsraum nutzen kann.

Eure Musik gibt es noch nicht so lange, was kommt da auf uns zu?

Ja, im September hat unser Startprojekt angefangen als wir am 4. September unsere erste Single "Wie soll dein Morgen sein?" veröffentlicht haben. Wir haben uns überlegt, dass wir nicht direkt am Anfang ein Album herausbringen wollen, sondern dass wir in den nächsten zwölf Monaten jeweils einen neuen Song veröffentlichen. Es ist also ein Album, das über das ganze Jahr verteilt erscheint. Der Vorteil ist, dass man auf diese Weise die Stimmung des Jahres in die Musik mit einfließen lassen kann, bestimmte Themen, mit denen man sich beschäftigt oder die die Welt gerade bewegen. Außerdem bewirkt der Step-by-step-Release hoffentlich auch, dass man die einzelnen Lieder mehr wertschätzen kann, weil es nicht zu viel auf einmal ist.
Zusätzlich zu ihrem Song "Wie soll dein Morgen sein?" haben Willman ein bewegendes Video auf Youtube veröffentlicht, in dem sie diese Frage vielen unterschiedlichen Freiburgern stellen. Bei der Frage nach dem Morgen geht es nicht darum, wie man den Kaffee morgens am liebsten trinkt, sondern um die Frage, was jeder sich individuell für die eigene oder kollektive Zukunft wünscht. In den Antworten der Befragten war von "Noch lange Schneemänner bauen zu können", über "Liebe und Selbstliebe", "Lebensfreude" bis hin zu "Mehr Platz für Fahrräder" alles dabei. Das Video haben die beiden komplett selbst produziert.

Julia: "Der Videodreh war schon eine tolle Erfahrung. Besonders beeindruckend war, dass wir zwar viele Menschen befragt haben, dabei aber niemals dieselbe Antwort erhalten haben. Es gibt also immer etwas Neues, was man noch nicht bedacht hat."
Mit ihrem Video wollen Willman zeigen, wie vielfältig unser Morgen sein muss und wie viele Thematiken es gemeinsam zu verwirklichen gilt. Dabei soll das Video vor allem Hoffnung machen, denn wir sind viele und es mangelt nicht an Ideen und Power. Und damit ist die Annahme, bei der Frage gehe es um den Beginn eines Tages, gar nicht so falsch: Denn schließlich bietet jeder Tag die Chance dazu, etwas im eigenen Handlungsraum anders oder neu zu machen.



Kann man in Zeiten von Corona aktiv sein, wenn alles stillzustehen scheint? Was kann man tun?

Julia: Ziemlich viel tatsächlich. Man kann sich darauf konzentrieren, sich intensiv mit Themen zu beschäftigen und sich zu informieren. Die Blacklivesmatter-Bewegung hat mir zum Beispiel gezeigt, dass ich mich bislang noch viel zu wenig mit dem Thema auseinandergesetzt hatte. Aktivismus muss nicht heißen, jeden Tag auf die Straße zu gehen, sondern kann auch bedeuten, viel mit Leuten zu sprechen und zuzuhören. Es geht darum, das eigene Bewusstsein in Alltagssituationen zu schärfen und darum, dass man zum Beispiel den etwas schwierigen Onkel doch mal auf seine rassistische Äußerung auf der Familienfeier anspricht. Genauso kann jeder durch seine Kaufentscheidungen aktiv sein.
Felix: Uns geht es aber vor allem um einen positiven Aktivismus und nicht um "den bösen Zeigefinger". Wir wollen Mut machen für Aufmerksamkeit und Achtsamkeit im Alltag.
Julia: Oft empfindet man ja auch eine Art Ohnmacht angesichts der Themenflut und der vielen Bereiche, die eine positive Veränderung nötig hätten. Um Hoffnung zu machen und dieser Ohnmacht entgegenzuwirken, wollen wir zeigen, dass alles zusammenhängt und nichts klein ist, also jeder durch sein Handeln Wirkungen erzielen kann.



Wie entsteht eigentlich eure Musik? Bei Willman schreibt Julia die Texte und singt, Felix ist Schlagzeuger und Produzent.

Felix: Ich mag es, mich überall und von verschiedenen Musikstilen inspirieren zu lassen. Vor allem möchte ich klassische Pop-Elemente mit unkonventionellem Sound verbinden. Vieles ist auch ein Herumprobieren und schauen, was sich gut anhört. Trotzdem ist es natürlich eine Gemeinschaftsarbeit. Vor allem bei kritischen Themen müssen wir uns entscheiden: Was will man (!) ansprechen und was nicht? Dazu ist der gemeinsame Austausch sehr wichtig.
Julia: Wenn es warm ist, sitze ich oft auf dem Balkon und schreibe, Felix überprüft die Textideen und dann wird alles passend auf die Melodie geschnibbelt. Musik bietet die Chance, auf einer ganz anderen Ebene zu berühren, weil Musik alle Menschen erreicht. Indem wir Sozialkritik in unseren Texte einbauen und sie tanzbar machen, wollen wir Aufmerksamkeit ohne den bösen Zeigefinger schaffen, zum Nachdenken anregen, Probleme angenehm unbequem machen. Für unsere Textideen arbeiten wir mit einer "Metaphernschatzkiste", in der wir Textschnipsel und Ideen sammeln, die wir zum Beispiel in Gesprächen oder sogar in Vorlesungen bekommen. Es ist sehr praktisch, die Ideen dann schnell ins Smartphone zu tippen und sich Zuhause genauer damit auseinanderzusetzen, weil man solche Einfälle sonst viel zu schnell wieder vergisst.

Habt ihr manchmal einen Ohrwurm von eurer eigenen Musik?

Manchmal schon! Besonders dann, wenn wir gerade intensiv an einem Song arbeiten. Wir konzentrieren uns aktuell ja immer einen ganzen Monat lang auf einen Song. Nach einer gewissen Zeit braucht man dann auch mal Pause davon. Aber ein Stück weit ist das doch auch gut so, man muss seine Musik schließlich auch mögen und feiern!

Eine neue Single von Willman kommt immer zum Wochenende am 1. Freitag des Monats raus. Zwei Singles gibt es schon, die nächste erscheint am 6. November 2020.