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Briefeschreiben bietet eine Chance innezuhalten

Claudia Füßler

Eine WhatsApp ist schnell verfasst und kommt in Echtzeit an. Doch warum nicht mal tiefer graben und zu Stift und Papier greifen? Das Innehalten beim Briefschreiben ist eine gute Übung, Geduld zu lernen.

Eine Rechnung über die Müllgebühren, neue Geschäftsbedingungen der Bank, das Finanzamt, das Detailfragen zur Steuererklärung hat – und dazwischen selten, wirklich ganz selten, lugt der Exot hervor: ein handgeschriebener Brief.

Während der nach wie vor zunehmende Onlinehandel für eine stetig wachsende Paketflut sorgt, sind sowohl Umsätze als auch Sendungsmengen im Briefmarkt seit Jahren rückläufig. Die Bundesnetzagentur meldet: Die Deutsche-Post-Gruppe und ihre Wettbewerber haben im Jahr 2016 insgesamt 15 Milliarden Sendungen im Briefbereich befördert, 2019 waren es noch 14,2 Milliarden.

Dass der Rückgang nicht wie in anderen Ländern deutlich stärker ist, liegt allerdings nicht etwa an einem ausgeprägten Hang der Bundesbürger zum Briefgruß. Sondern daran, dass der physische Brief in Deutschland als Garant für rechtsverbindliche Kommunikation – insbesondere mit Behörden und Gerichten – sehr bedeutsam ist. Bei genauem Hinsehen jedoch offenbart sich die ganze handschriftliche Briefödnis: "Etwa fünf bis acht Prozent der Briefsendungen sind private, handgeschriebene Zeilen", sagt ein Sprecher der Deutschen Post.

Briefe schreiben erfordert Nachdenken

Das mag auch daran liegen, dass kaum noch einer weiß, wie das eigentlich geht, dieses Briefschreiben. Kein Wunder, die Hürden liegen hoch. Da ist zunächst einmal der Schmerz. Finger, die sich an die Tastatur von Laptop und Smartphone gewöhnt haben und es allenfalls noch schaffen, mit dem billigen Kugelschreiber der Hotelrezeption hastig ein "Wetter top, Essen hervorragend, leider gestern kaum Netz auf der Akropolis" auf die Postkarte zu krakeln, nehmen es übel, wenn sie mal länger am Stück einen Stift halten sollen. Doch: Mit genügend Pausen tut es nur halb so weh.

Das Innehalten ist zudem bei einem zweiten Briefproblem äußerst nützlich: dem Inhalt. Worüber bitte soll man schreiben, was man nicht längst per E-Mail, Nachricht auf Whatsapp oder einer Sprachnachricht mitgeteilt hat? Das fordert durchaus einiges Nachdenken. Und verleitet – vielleicht, hoffentlich – zum tieferen Graben, zum Ausholen, zu dem, was den Brief ausmacht: dem Erzählen. Über Gefühle, Sorgen, Begebenheiten. Statt einem Foto im WhatsApp-Status mit "Hach! Heute nochmal die Sonne genossen und mit Günter auf den Belchen." laden Papier und Stift dazu ein, den Wandertag – und womöglich auch Günter – detaillierter zu schildern.

Briefe schreiben braucht Geduld, Briefe empfangen ebenso

Aber Achtung, hier lauert schon die nächste Schwierigkeit: ohne Emojis. Kein Grinse-Smiley, keines mit verliebten Herzchen in den Augen, keines, das sich grün erbricht. Heißt: Falls man nicht gerade grandios zeichnen kann, müssen eigene Worte her. Solche, die beschreiben, was man fühlt, wie man etwas findet. Eine prima Übung zum Reinhorchen in sich selbst und zum Erweitern des aktiven Wortschatzes.

Ist das geschafft, kommt die schwerste Übung von allen. Mit großer Geduld muss der Briefeschreiber ertragen, dass es mitunter Tage dauert, bis sein Werk beim Empfänger ankommt. Dadurch aber, das ist versprochen, steigt die Wahrscheinlichkeit enorm, selber demnächst eine solche Rarität zwischen Rechnungen und Werbeschreiben zu finden. Halten Sie die Augen auf!