Firmenporträt

Braukollektiv Freiburg: Bierbrauen in Corona-Zeiten

Florian Schmieder

Dolly, Horst, Moe. In ganz Freiburg und darüber hinaus sind die bunten Bierflaschen bekannt. Seit sieben Jahren braut das Braukollektiv Biere fernab von Pils oder Weizen. Wie geht es ihnen als kleine Brauerei in der Coronakrise?

In den letzten Jahren haben James Tutor und Bernhard "Börn" Frenzel, das Braukollektiv Freiburg, mit Pale Ales, IPAs oder Portern für Vielfalt in den Freiburger Kneipen und Supermärkten gesorgt. Sie brauen vor allem obergärige Biere, sogenannte Ales, und experimentieren gerne mit neuen Rezepten oder Hopfensorten. So konnten sie sich bereits als Brauerei in Freiburg einen Namen machen.

Apropos Namen: die Bezeichnungen ihrer Biere sind dabei gar nicht so zufällig wie zu vermuten wäre. Ihr Flaggschiff "Dolly" beispielsweise ist in Anlehnung an das bekannte Klonschaf quasi ein geklontes Bier des gleichen Rezepts auf einer neuen Anlage. Das sehr weiche, fruchtige "Bruce" ist eine Kombination aus dem Hopfen BRU-1 und "juice".

Die Gründung

Die Brauerei hat sich 2014 aus einer kleinen Gruppe von Hobbybrauern zusammengefunden, gerade nachdem James aus den USA nach Freiburg zog. Laut Bernhard wollten sie damals "einfach ein eigenes Bier, das in einer Freiburger Kneipe ausgeschenkt wird". So brauten sie den ersten Sud per Vorkasse und mussten anschließend 2000 Liter Bier bei den Freiburger Kneipen bewerben und verkaufen. Nach anfänglichen Ressentiments gegenüber den neuen Bierstilen konnten sie jedoch viele Menschen dafür begeistern.

Seither mieten sie sich als sogenannte Kuckucksbrauer, also Brauer ohne eigene Brauanlage, in andere Brauereien ein und nutzen die dortige Infrastruktur. Die Bezeichnung als Kollektiv war dabei immer Ausdruck der flachen Hierarchien und Gleichberechtigung untereinander, aber "nie im sozialistischen Sinn gemeint", lächelt James. Anfangs waren sie noch zu viert, nachdem die Brauerei aber immer mehr Zeit beanspruchte, haben sich die Mitbrauer Gill und Chris vor etwa vier Jahren aus familiären Gründen zurückgezogen.

Das Team

Nun sind sie nur noch zu zweit, wobei James vor allem im Sudhaus steht und Bernhard die Verwaltung übernimmt. Vor der Krise hat er noch in Teilzeit als Bildungsplaner gearbeitet, durch Corona blieb das Unternehmen dann ohne Aufträge und musste die Mitarbeitenden entlassen. Die beiden bekommen viel Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld, seit letztem Jahr hilft auch Thomas De Ridder, der die Bar am Funkeneck und die Bierhandlung im Stühlinger betreibt, freiwillig bei Kleinigkeiten wie dem Vertrieb.

Natürlich wurde auch das Braukollektiv durch die Krise stark getroffen, 40 Prozent des Absatzes, der zuvor über die Gastronomie ging, ist nun weggebrochen. So blieben Bernhard und James auf mehreren Fässern sitzen, auch das Flaschenbier bekamen sie teilweise nicht an Mann und Frau. "Das ist in all den Jahren noch nie vorgekommen, dass wir das Bier nach dem MHD noch in unserem Lager hatten", bemerkt Bernhard. Der eigene Onlineshop kann dies zumindest in Teilen kompensieren, besonders im ersten Lockdown gingen hier sehr viele Bestellungen ein.

Was ihnen aber besonders fehlt, sind die Kollaborationssude, bei welchen sich zwei oder mehrere Brauereien treffen und gemeinsam ein Bier kreieren. Vor allen Dingen zum Netzwerken, Experimentieren, dem Austausch von Erfahrung und schlichtweg dem Spaß waren ihnen diese Brautage extrem wichtig. Letztes Jahr mussten sie durch den ersten Lockdown zwei Tage vor Abflug ein solches Treffen in Großbritannien absagen.

Die Brauerei

Ende 2019 haben sie angefangen, einen Teil ihrer Biere bei der Cast-Brauerei in Stuttgart zu brauen, da sie ihren Ausstoß etwas erhöhen wollten. Leider konnte die Brauerei den Druck der Corona-Krise nicht stemmen und ging im letzten Herbst insolvent, gerade als sie sich perfekt auf die dortige Anlage eingestimmt hatten. "Da sind einfach viele unglückliche Umstände zusammengekommen, uns tut es besonders für die Jungs dort leid", sagt Bernhard dazu. So brauen sie mittlerweile wieder alle ihre Biere bei Rogg in Lenzkirch.

Dort sind sie mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden, kennen sich in der Brauerei und mit der Anlage gut aus. "Wir machen heute viel mehr selbst als früher und auch im Vergleich zu anderen Kuckucksbrauern stehen wir vermutlich eher mehr am Sudkessel und im Gärkeller", so Bernhard. Kleinigkeiten werden jedoch noch von den Brauern vor Ort nach telefonischer Rücksprache erledigt, da hier ein großes Vertrauensverhältnis herrscht.

Die Region

Schon zu Beginn des Braukollektiv waren sie sich einig, dass sie Biere für die Region produzieren wollen. Meist schafft es ihr Bier deswegen auch nur dann in Kneipen und Getränkehandlungen Deutschlands, wenn diese gezielt auf sie zukommen. Zudem wollen sie "Biere brauen, die sich alle leisten können", meint Bernhard. Besonders die sehr hopfigen Biere, die ressourcenintensiver und deswegen teurer sind, werden über eine Mischkalkulation aller Biere gedeckt, damit sie für alle den gleichen Preis verlangen können. Wenn so auch einigen der Preis von um die drei Euro für ein Bier teuer vorkommt, können sie innerhalb der handwerklichen Craft Biere ein verhältnismäßig günstiges Angebot bieten. Dass sie dies aktuell immer noch gewährleisten können, erachten sie als Privileg. Das liegt vor allen Dingen auch an der guten Reputation, die sie in der Region genießen. Und "ohne Coronahilfen ginge es nicht, das muss man klar so sagen", ist sich Bernhard sicher. Der wohl größte Punkt für ihr Durchhalten bislang ist aber wohl der Fakt, dass sie eben keine eigene Brauerei unterhalten müssen.

Der Ausblick

Nun hoffen die beiden auf einen besseren Sommer, in dem die Leute draußen gemeinsam ihr Bier trinken können. Eigentlich hatten sie einige Kollaborationssude geplant, mit Freunden aus Deutschland, Frankreich, Belgien und der Niederlande, doch erscheint ihnen aktuell unwahrscheinlich, dass sie diese alle durchziehen können. So haben sie dennoch einige belgische Sauerbiere in der Holzfassreifung, von denen dieses Jahr zwei auf den Markt kommen sollen. Zudem füllen sie die nächste Charge ihres "Bruce" in Dosen ab, um zu testen, wie stark das die Konservierung der Hopfenaromen begünstigt. Auf lange Sicht haben sie auch immer noch den Traum einer eigenen Brauerei – in ihrem aktuellen Lager in der Karlsruher Straße. Ob das etwas wird, kann aktuell niemand sagen. Und so fasst James ihre Situation treffend zusammen: "Could be better, could be worse."

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