Beim Cowboy vom Rieselfeld: Reiten ohne Trense auf Toms Ranch

Sarah Wenzel

Der Cowboy vom Rieselfeld: Seit 14 Jahren hält sich Thomas Müller im Freiburger Westen eine kleine Pferdeherde und unterrichtet dort einen ganz eigenen Reitstil - ohne Schmerzen fürs Pferd. Wie sich dieses "natürliche" Reiten anfühlt, und warum der Cowboy nicht unumstritten ist, hat fudder-Autorin Sarah Wenzel herausgefunden:



Ich sitze auf einem Pferd. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, trägt das Pferd ein lockeres Halfter um den Kopf. Sonst nichts. Zugegeben, zwischen dem Pferderücken und mir befindet sich noch ein dünner Sattel, und für diesen Luxus bin ich gerade ziemlich dankbar. "Lehn dich nach hinten!", schallt Thomas Müllers Stimme über den Reitplatz. “Du musst sitzen wie ein Kartoffelsack!"

Was für den klassischen Reitlehrer wie ein wahr gewordener Albtraum klingt, ist hier Alltag: Thomas Müller, der Besitzer des kleinen Reiterhofes "Toms Ranch", unterrichtet einen
Reitstil, den er als natürliches Reiten bezeichnet. Der Hauptunterschied zwischen natürlichem Reiten und den meisten anderen Reiststilen ist, dass beim natürlichen Reiten keine Trense verwendet wird. Die Trense ist das Mundstück, welches das Pferd beim Reiten im Mund hat und über das es größtenteils gelenkt wird. Diese fehlt hier, stattdessen wird das Pferd durch Gewichtsverlagerung und leichte Schenkelhilfen gelotst.

Warum er keine Trensen benutzt, hat Thomas Müller schnell erklärt. Wer sich in die Lage des Pferdes versetzen will, solle zwei Schnüre an den Enden eines Löffels befestigen, den Löffel in den Mund nehmen und jemanden beauftragen, von hinten zu ziehen. Das entspräche in etwa dem Gefühl, eine ungebrochene Trense im Mund zu haben.

Mit dem Rai-Reiten, einem ähnlichen Reitstil, der viel Wert auf die Psyche des Pferdes legt, aber wegen der Haltung des Reiters kritisiert wird, möchte Tom aber nicht verwechselt werden. Er benutzt zwar wie ein Rai-Reiter keine Trense und Sporen, sitze aber anders auf dem Pferd und benutze ein abgeändertes Halfter.



“Kein Pferd muss mit Gebiss geritten werden”, sagt Tom. Reitern, die ihn wegen seines gefährlichen Reitstils kritisieren, gibt er immer wieder die selbe Antwort: "Inwiefern kann es der eigenen Sicherheit zuträglich sein, dem Tier, auf dem man sitzt, Schmerzen zuzufügen?" Ob das Gebiss dem Pferd wehtut, ist nämlich gar nicht so leicht zu erkennen, denn Pferde schreien nicht, wenn sie Schmerzen haben - das tun zum Beispiel Kamele oder Schweine. Darum verwechseln viele Reiter die Schmerzsignale ihres Pferdes mit Widerborstigkeit und versuchen im schlimmsten Fall, das Tier mit Gerte und Sporen zum Gehorsam zu zwingen.

Natürliches Reiten ist zudem nicht nur für das Pferd angenehmer: Wenn die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd klappt und das Pferd dem Reiter vertrauen kann, wird Reiten zur Erholung. "In vielen Reitställen kommen die Reiter nach der Arbeit gestresst an und sind nach dem Reiten noch gestresster als davor, weil sie gegen das Pferd arbeiten", sagt Thomas Müller. "Hier kommen sie her und können sich beim Ausreiten richtig entspannen."



Seine Pferde hat Müller alle selbst zugeritten, auf die Rasse kommt es ihm nicht an. "Ich bevorzuge sensible Pferde, da sie leichter zu lenken sind", sagt er.

Rising Sun, die Stute, die ich gleich reiten werde, ist Halbaraberin. Mir wird mulmig zumute, als ich das höre: Bisher beschränkt sich mein Wissen über Araber auf die Gegebenheit, dass sie gerne rennen. Und viel. Und sollte man sie nicht stoppen können - dann rennen sie ewig.

Sun merkt man davon allerdings nicht viel an. Sie steht entspannt in der Mitte des Reitplatzes und rührt sich keinen Schritt von der Stelle, als ich wie ein nasser Sack in den Sattel plumpse. Das arme Tier. Den Grund dafür hält Thomas Müller mit der Hand hinter dem Rücken versteckt: Ein kleines Leckerli zu Belohnung.

Dann erklärt Thomas mir die grundlegenden Hilfen seines Reitstils: Eine leichte Berührung mit den Fersen an Suns Flanke, und sie läuft los, im Sattel nach hinten lehnen und die Steigbügel nach vorne drücken, sie bleibt sofort stehen. Um Sun nach rechts und links zu lenken, soll ich mein Gewicht verlagern und das Halfter über ihren Hals auf die Seite ziehen, auf die ich will.

So im Sattel zu sitzen, ist für mich ziemlich ungwohnt: Statt den Rücken gerade zu halten und die Beine zu entspannen, lehnt man sich hier zurück und hält Spannung in den Beinen. Das ist nach einer Weile ziemlich anstrengend, aber meine Motivation ist groß: Würden meine Fersen Suns Flanken berühren, wäre das für sie die Aufforderung zum Rennen.

Sun trottet etwas gelangweilt im Kreis, rupft ab und zu einen Grashalm ab, wenn ich nicht aufpasse - und reagiert profihaft auf meine dilettantischen Versuche, Toms Erklärungen nachzukommen. Ein bisschen tut sie mir leid, bis ich die Wende so eng geschafft habe, wie ich sie gerne hätte, hat sie wohl nen Drehwurm. Aber sie erträgt mich gedulig - von wildem, zügellosem Pferd keine Spur.



Thomas Müller selbst ist nicht immer so geritten, wie er es heute tut, nämlich mit nichts außer einem leichten Sattel und einer lockeren Halfterkonstruktion. Ursprünglich gelernt hat er den normalen, englischen Stil und benutzte genau das, was er heute verabscheut - Sporen, Gerte und scharfe Trensen. Nachdem jedoch seine Frau mit seinem eigenen Pferd verunglückte, fing er an, die Tiere eingehend zu studieren und entwickelte eine eigene Reitmethode, die er während eines Amerikaaufenthalts verfeinert hat. Sein Vorbild sind die Ureinwohner Nordamerikas, die selten mehr als einige Stricke hatten, um ihre Pferde zu kontrollieren, und deren Reitkünste dennoch legendär sind.

Unumstritten ist Thomas Müllers Hof nicht: Hier sieht es ein bisschen aus wie auf einer kleinen Ranch, es ist nicht alles perfekt aufgeräumt. Die Kombination aus 48 Hufen und Regen macht die Koppel, auf der seine Pferde stehen, matschig. Einmal stand das Veterinäramt vor der Tür, weil Anwohner des Rieselfelds eine Stute für krank hielten - wie eine Tierärztin bestätigte, war sie aber einfach nur uralt.

Im November letzten Jahres brannte ein Teil des Hofes komplett ab, drei Hunde und ein Pferd starben bei dem Brand. Thomas Müller vermutet Brandstiftung, nach dem Feuer hat er Anzeigen aufgegeben, dass er seine Pferde verschenken wolle. Ernst gemeint waren die nicht - anhand der Leute, die sich gemeldet hätten, wisse er aber nun, wer hinter dem Brand stecken könnte.

Dass Müller sich dadurch nicht unterkriegen lässt, zeigt der Name seines Hofhundes: Amar, der Unzerstörbare, ist der Nachfolger der Hunde, die bei dem Brand im November 2013 ums Leben gekommen sind. Teile des Hofes sind inwzwischen schon wieder aufgebaut. Einstellpferde will Thomas keine mehr aufnehmen, doch den Reitunterricht und die Ausritte um Freiburg hat er längst wieder aufgenommen.

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