fudder-Interview

Bahar Kizil: "Meinungsfreiheit und Beleidigungen haben nichts miteinander zu tun"

Selma Leipold

Sängerin und Content Creatorin Bahar Kizil äußerte sich vergangene Woche in ihrer Instagram-Story kritisch zu Hate-Nachrichten und Body-Shaming auf sozialen Medien. fudder-Autorin Selma hat sich mit der Künstlerin getroffen und ihr Fragen dazu gestellt.

Du hast dich in deiner Story auf Instagram zu Hate-Nachrichten per Direktnachricht geäußert. Was kann man sich darunter vorstellen und wer schreibt solche Nachrichten?

Bahar Kizil: Tatsächlich sind es immer sehr unterschiedliche Personen, die einem schreiben. Das ist auch nicht immer direkt "Hate", sondern es sind oftmals total banale Dinge. Zum Beispiel habe ich letztens nachts noch eine Story gepostet, in der ich mich super fertig von meinem anstrengenden Tag gezeigt habe. Ich zeige mich dann auch so - müde und ungeschminkt – einfach, weil es ehrlich, authentisch und menschlich ist. Und dann gibt es Menschen, die einem Nachrichten wie "Du siehst aber fertig aus" schreiben. Das gibt einem nicht gerade ein gutes Gefühl. Ich bin eine relativ selbstbewusste Person, aber ich sehe die Gefahr darin, dass es auch Menschen gibt, die das nicht sind. Es gibt Menschen, die vielleicht instabiler, labiler sind und mit solchen Dingen nicht so gut umgehen können. Und wenn sich so etwas dann häuft, kann das gravierendere Auswirkungen haben.

Ein zweites, größeres Beispiel war erst neulich. Da wurde ich dafür angeprangert, warum ich denn das Bild eines Rappers geliked hätte, der mutmaßlich eine Frau vergewaltigt haben soll. Ich war in dem Moment total perplex, weil ich mich natürlich gegen Missbrauch ausspreche und die Vorwürfe in der Nachricht als starken Angriff empfunden habe. Ich folge knapp 2000 Leuten und gehe davon nicht täglich alle durch und schaue, was ich eventuell mal vor langer Zeit geliked habe. Ich weiß also auch nicht immer, wer wann was getan hat. Solch eine Kritik nehme ich deshalb natürlich an, man kann mich gerne auf so etwas aufmerksam machen. Ich finde, der Ton macht die Musik. Wenn man direkt blöd angemacht wird und die Person sich nicht mal die Mühe macht ein "Hallo" an den Anfang der Nachricht zu setzen, sondern einen direkt anschuldigt etwas getan zu haben, ist das einfach respektlos. Viele Menschen verstehen es leider nicht nett und höflich zu sein; Kritik zu äußern und dabei trotzdem respektvoll zu sein.

"Die Menschen vergessen leider oft, dass die Personen hinter dem Bildschirm eben auch Menschen sind. Menschen, so wie du und ich und er und sie." Bahar Kizil

Wie gehst du mit solchen Nachrichten um?

Ich versuche generell immer höflich und respektvoll zu antworten, auch dann, wenn die Nachricht, die ich bekommen habe, nicht respektvoll formuliert ist. Ich versuche auch logisch und klug auf die Dinge zu reagieren, aber trotzdem sag ich offen und ehrlich meine Meinung, ohne dabei unhöflich zu werden. Wenn ich dann selbst merke, dass es mich zu sehr belastet oder wütend macht, schreibe ich lieber gar nichts mehr zurück als unfreundliche Nachrichten zu schreiben. Bei stumpfen Beleidigungen habe ich mir schon lange angewöhnt, dass ich solche Nachrichten direkt lösche oder die Menschen blockiere. Denn wieso sollte ich meine Stimmung von einer Person runterziehen lassen, die ich nicht kenne?



In deiner Story hattest du erwähnt, dass die Aussage "Du stehst im öffentlichen Leben, du musst das ertragen können" für dich keine Entschuldigung für solche Nachrichten ist. Hast du diesen Satz schon öfter zu hören bekommen und was stört dich daran besonders?

Ja, diese Ausrede bekommt man leider echt häufig zu hören. Immer wieder argumentieren die Leute auch mit der Meinungsfreiheit, die wir in Deutschland haben. Sie verkennen dabei allerdings, dass Meinungsfreiheit und Beleidigungen wie "du bist hässlich" oder "du bist fett" nichts miteinander zu tun haben. Die Menschen vergessen leider oft, dass die Personen hinter dem Bildschirm eben auch Menschen sind. Menschen, so wie du und ich und er und sie. Dass das Menschen sind mit Gefühlen und mit Emotionen. Man kennt so viele Beispiele, dass Künstler drogenabhängig sind oder psychische Probleme haben und ich denke, das liegt unter anderem auch oftmals daran, dass sie einfach mit diesem enormen Druck und dieser Verantwortung, die man ihnen zuschreibt, nicht umgehen können.

Gerade zu Zeiten von Monrose hieß es auch immer wieder "Ihr seid berühmt, ihr habt eine Vorbildfunktion. Deshalb müsst ihr dies, deshalb müsst ihr jenes." Ja, ich stehe in der Öffentlichkeit und ja, ich habe eine gewisse Verantwortung. Ich passe immer auf, was ich mache, wie ich mich verhalte und was ich sage. Aber ich tue das, weil das meine Aufgabe als Mensch ist, nicht als Künstlerin. Ich denke, die Leute müssen anfangen, an ihren eigenen Erwartungen zu arbeiten, statt immer davon zu reden, was andere tun müssen. Es ist sehr viel einfacher, mit dem Finger auf andere zu zeigen anstatt auf sich selbst.
"Lasst die Menschen sein wie sie sind und respektiert sie so wie sie sind!"

Du hast gerade deine Zeit in der Girlband Monrose erwähnt. Damals waren die sozialen Medien noch nicht so präsent wie sie es heute sind. Gab es trotzdem vergleichbare Hate-Nachrichten wie es sie heute eben per Instagram gibt?

Ich glaube, dass dieser Hate leider irgendwo schon immer in den Menschen verankert war. Das ist ein generelles Problem unserer Gesellschaft und das war es auch schon früher. Auch in einer Gesellschaft, in der es noch gar keine TV-Formate und Medien gab, gab es ja schon den Dorftratsch. Bei Monrose gab es das Internet schon und YouTube und Facebook haben eine Rolle gespielt. Damals wurden auch noch Foren genutzt. Da wurde auch viel gelästert und ja, auch damals gab es Shitstorm. Heute geht alles noch schneller, ist noch anonymer und hat vor allem eine viel größere Reichweite. Niemand muss sich rechtfertigen, jeder kann sich hinter einem Fake-Profil verstecken. Kommentare sind heutzutage so schnell geschrieben, wie sie teilweise auch wieder gelöscht werden.



Es ist wirklich schlimm, dass man sich jahrelang mit Hate-Kommentaren auseinandersetzen muss, bloß weil man im öffentlichen Leben steht. Würdest du denn sagen, dass du dir nach all den Jahren ein dickes Fell angelegt hast?

Definitiv! Ich habe mit 17 angefangen bei Popstars, sprich ich feiere dieses Jahr mein 15. Jubiläum seit dem ersten Album von Monrose. Allerdings war man während der Monrose-Zeit ein bisschen wie in einer Blase. Man hat nur wenig mitbekommen, weil man die ganze Zeit "on the run" war und sich wenig damit konfrontieren musste. Ich habe erst später damit angefangen, mich so richtig damit auseinandersetzen und zu gucken, wie Menschen auf gewisse Dinge reagieren oder wie schnell man in den Köpfen von Menschen sein kann und wie schnell man eben auch wieder raus sein kann.
"Ich war früher sportlich schlank und hab vor ein paar Jahren irgendwann angefangen zuzunehmen und das auch wirklich offensichtlich. Das hat nicht immer tollen Anklang gefunden, es gab auch ganz viel Blödsinn."

Direkt nach deiner Message zu privaten Hate-Nachrichten hattest du dich außerdem noch gegen Bodyshaming geäußert und auch Posts von anderen Künstlern, die sich gegen Bodyshaming aussprechen, geteilt. Wieso ist es dir wichtig, auf diese Thematik aufmerksam zu machen?

Ich teile so etwas immer sehr gerne, weil ich die Message einfach wichtig finde. Niemand hat das Recht jemanden schlecht zu reden, vor allem nicht, wenn es um das Aussehen oder den Körper anderer Personen geht. Es ist jedem selbst überlassen, wie er sich wohl fühlt, wie dick oder dünn, ungeschminkt oder geschminkt er sein möchte. Oder wie eben Andreas Bourani, in dem Post, den ich geteilt habe, sagt, ob man als Frau behaart oder nicht behaart sein möchte. Eins kann einem besser gefallen als das andere, aber diese Meinung interessiert niemanden. Es gibt nicht "das Perfekte" und es gibt auch nicht "normal", "richtig" oder "falsch". Es gibt nur du, ich, er, sie, es.

Klar, ich habe natürlich auch schon Hate-Nachrichten wegen meines Körpers bekommen. Ich war früher sportlich schlank und hab vor ein paar Jahren irgendwann angefangen zuzunehmen und das auch wirklich offensichtlich. Das hat nicht immer tollen Anklang gefunden, es gab auch ganz viel Blödsinn. Auf Instagram lösche ich das direkt und blockiere solche Leute. Auch dieses Vorurteil, dass Menschen, die dick sind alle krank sind, ist völliger Schwachsinn. Nicht genug recherchieren und dann irgendeinen Blödsinn in die Welt raustragen, das ist das, was mich wirklich nervt. Deshalb versuche ich mit solchen Stories dagegen anzugehen. Auch wenn ich dadurch 20.000 Leute verlieren würde, wäre mir das egal. Ganz ehrlich, solche Leute will ich auf meiner Seite auch gar nicht haben.

Was möchtest du den Lesern und Menschen, die soziale Medien nutzen, mitgeben?

Es sind drei Begriffe, die jeder versuchen sollte, für sich zu manifestieren: Respekt, Toleranz (da gehört auch Akzeptanz mit dazu) und als drittes Verständnis. Wenn wir alle versuchen, das für uns ein bisschen zu befolgen, dann ist die Online-Welt eine etwas bessere. Lasst die Menschen sein wie sie sind und respektiert sie so wie sie sind! Wir können nicht nach so vielen Jahren immer noch darüber reden, wer wen lieben darf, wie dünn ein Körper und wie dick Lippen zu sein haben. Bei vielen Nachrichten handeln die Menschen leider häufig im Affekt und denken nicht daran, höflich und respektvoll zu bleiben. Es gibt leider viele Beispiele, wo man sieht, dass Personen einfach mit einem gewissen Druck nicht klarkommen und dann vielleicht schneller dazu tendieren sehr unglücklich zu werden und an Depressionen zu leiden. Das ist doch etwas, was wir anderen nicht antun wollen, oder? Grundsätzlich möchte ich Instagram und Co natürlich auch nicht schlecht reden, ich finde es ganz toll, wie diese Plattformen es ermöglichen, wichtige Themen anzusprechen und aktivistischen Bewegungen eine gewisse Kraft zu geben. Dafür sollte man es nutzen, nicht um sich gegenseitig zu beleidigen. Seid nett, seid höflich und respektvoll!

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