Rassismus

6 Dinge, die ich als nicht Schwarze auf der Black-Lives Matter-Mahnwache gelernt habe

Anna Castro Kösel

Auf der Mahnwache für George Floyd haben sich am Samstag bis zu 10.000 Menschen versammelt. fudder- Mitarbeiterin Anna Castro Kösel hat als nicht Schwarze Demonstrationsteilnehmerin ihre persönlichen, sechs wichtigsten erlernten Punkte zusammengefasst.

1. Solidarisierung fängt bei der Selbstreflexion an

Niemand würde sich selbst als rassistisch bezeichnen. Dennoch sollte sich jede und jeder jetzt selbst beginnen zu fragen: Wie halte ich es selbst mit meinen Vorurteilen und Rassismen? Wie drücke ich mich aus? Gibt es Dinge, die ich unterbewusst denke, die ich dringend ablegen sollte? Dabei sollten wir wirklich ehrlich mit uns selbst sein.
Schwarz ist eine Selbstbezeichnung und beschreibt eine von Rassismus betroffene Position. Schwarz wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen,dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt.

2. Nicht Schwarze Menschen werden nie den Schmerz nachvollziehen können, die eine rassistische Handlung bei der betroffenen Person auslöst.

Viele Menschen kennen es nicht, rassistisch angegangen zu werden. Als nicht Schwarze Person, ist es nahezu unmöglich, sich eine Vorstellung darüber zu machen, dass Schwarze Menschen Tag für Tag rassistischen Kommentaren und Handlungen ihrer Mitmenschen ausgesetzt sind. Wir wissen nicht, wie es sich anfühlt, zu hören: "Geh’ doch wieder zurück in dein Land. Wir brauchen dich hier nicht."

Wir wissen nicht, wie es ist, wenn uns unsere Eltern sagen, dass wir es aufgrund unserer Hautfarbe automatisch schwerer haben werden, in der Gesellschaft unseren Platz zu finden. Vor allem, wenn wir uns vor Augen führen, dass wir im Jahr 2020 leben. Es gibt oft keine Worte dafür, wie ungerecht das ist. Aber wir können darüber nachdenken, welche Privilegien wir besitzen und andere nicht – ohne jeglichen Grund. Und wir können darüber sprechen und andere darauf aufmerksam machen, was schief läuft und was geändert werden muss. Das fängt im Freundeskreis und in der Familie an.
People of Color/Menschen of Color ist eine internationale Selbstbezeichnung von/für Menschen mit Rassismuserfahrungen. Der Begriff markiert eine politische gesellschaftliche Position und versteht sich als emanzipatorisch und solidarisch.

3. Sich seine Privilegien vor Augen zu führen, macht einem klar, wie ungerecht Schwarze Menschen noch immer behandelt werden. Auch in unserem unmittelbaren Umfeld.

Am offenen Mikrofon sprachen viele People of Color von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Eine Mutter erzählte, wie ihr Kind nach Hause komme und erzähle, man habe es in der Schule "Nigger" genannt. Ein anderer Redner erzählte, dass er in seiner Schulzeit von der Lehrerin gefragt worden sei, ob sein Verhalten dort, wo er herkomme, normal sei. Ein Mädchen berichtete, ein Busfahrer habe nie an der Bushaltestelle gehalten, da sie der einzige Fahrgast gewesen wäre und der Fahrer sie aufgrund ihrer Hautfarbe nicht mitnehmen wollte.

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Freiburger_innen erinnern auf dem Platz der Alten Synagoge bei einer Mahnwache an George Floyd - und beziehen Stellung: #blacklivesmatter!

Ein Beitrag geteilt von Neuigkeiten aus Freiburg (@fudder_de) am Jun 6, 2020 um 3:03 PDT



Andere erzählen, dass ihnen ungefragt ins Haar gegriffen werden und Kommentare wie: "Das ist ja wie Wolle" fallen würden. Die Liste der rassistischen Erfahrungen ist endlos. Als weiße Personen, die kaum mit solchen Erlebnissen konfrontiert werden, können wir dies zwar nicht wirklich begreifen, aber dennoch realisieren, dass Rassismus nicht nur die USA betrifft, sondern auch hier stattfindet, tagtäglich.

4. Sich über Rassismus zu informieren ist wichtig, um das zu verstehen, was als nicht Schwarze Person unbegreiflich ist.

Bücher wie "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" von Alice Hasters oder "Exit Racism" von Tupoka Ogette können helfen, einen Einblick in eine Welt zu verschaffen, die uns als nicht Schwarze Person vollkommen verborgen bleibt. Wenn wir diesen Einblick erhalten, können wir empathisch werden und uns und andere sensibilisieren.

5. Rassismus aufdecken ist eine Pflicht

Auch, wenn es unhöflich erscheinen mag und die Stimmung kaputt macht: Wir, als nicht Schwarze Menschen müssen Rassismus anprangern, egal in welcher Form er sich äußert. Wie auf der Demo am Samstag oft auf Schildern zu lesen war: Our Silence is Violence.

6. Eine Faust ist nicht viel, aber egal ob weiß oder schwarz, ein wichtiger Teil im Kampf gegen Rassismus

Als bis zu 10.000 Menschen auf dem Platz der Alten Synagoge niederknieten, um George Floyd und anderer Opfer von rassistischer Polizeigewalt zu gedenken, hätte man eine Stecknadel fallen lassen hören können. Alle sind bei sich, reflektieren ihre Gedanken und ihr Verhalten. Auf einmal stehen alle wieder auf und strecken die Fäuste in die Luft.

Dieses Gefühl, was tausende von Fäuste erzeugen, schenkt Hoffnung und macht Mut. Nicht nur für den Moment, sondern auch für die Zukunft. Es zeigt, dass es zu schaffen ist, wenn die Zivilgesellschaft auf der ganzen Welt auf die Straße geht, zusammenhält und die Politik auffordert zu handeln und gleichzeitig bei sich selbst anfängt.