Mit dieser App kannst Du Politiker live bewerten

Konstantin Görlich

Ministerpräsident Kretschmann traf im Fernsehduell auf seinen Kontrahenten Wolf. Bei einem Public Viewing in Freiburg konnten die Zuschauer mit einer neuen App live bewerten, welchen Kandidaten sie besser finden. Wie das funktionierte und was dabei rauskam:



Die Landeszentrale für Politische Bildung und die Teams um Freiburger Politikprofessor Uwe Wagschal und Marko Bachl von der Uni Hohenheim haben zum ersten Mal ihr "Debat-O-Meter" an echten Wahlberechtigten ausprobiert. "Wahrscheinlich unser spannendster Termin des Jahres", hieß es in der Einführung am Donnerstagabend. Über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich im großen Physik-Hörsaal im Institutsviertel eingefunden, um das erste Fernsehduell zwischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und seinem Herausforderer Guido Wolf (CDU) live zu verfolgen - und zu bewerten, ebenfalls live, per Smartphone oder Tablet und in einer etwa 50-köpfigen Vergleichsgruppe per Drehregler.




Star des Abends war die App, ausgeführt als Web-App im Browser, um unterschiedlichsten Geräten gerecht werden zu können. Die eigens erweiterte Internetverbindung im Hörsaal per WLAN funktionierte einwandfrei, der Server der Informatik war aber zeitweise nicht für alle Nutzer erreichbar - 10 Minuten vor Beginn des Fernsehduells. So nahmen dann auch nur 110 Zuschauer am Smartphone-Voting teil, 155 hatten den Vorab-Fragebogen abgegeben und hätten teilnehmen können.



Das Debat-O-Meter selbst ist für den Nutzer maximal einfach gestaltet: Mit einem einzigen Slider gibt man an, wo die Zustimmung gerade liegt: Kretschmann, Wolf, oder irgendwo dazwischen. Spricht der Moderator, soll der Regler in der Mitte stehen - gegen SWR-Mann Bratzler voten kann man nicht.



Mit Beginn der Sendung haben sich die Server wieder erholt. Als Guido Wolf zum ersten Mal in Großaufnahme gezeigt wird, lacht der Saal. Die Mehrheiten im Saal sind klar verteilt: "Verhältnisse wie im Vauban", wird Uwe Wagschal später sagen, und damit noch untertreiben, denn nach einem Meinungsbild per Handzeichen gibt es mehr Unentschlossene als Wolf-Anhänger. Die Frage nach der Direktwahl des Ministerpräsidenten beantworten 11 Teilnehmer mit Wolf und 100 mit Kretschmann.

Selbst als Kretschmann den belehrenden Landesvater gibt und Wolf an der Grenze zur Überheblichkeit zurechtweist, erntet er beinahe Szenenapplaus beim jungen, studentischen Publikum, spätestens jetzt wandern etliche Regler ganz auf Kretschmanns Seite. Man sieht allerdings vereinzelt auch Regler, die dauerhaft ganz auf Kretschmanns Seite stehen. "Solche Ausreißer sehen wir in der Auswertung und können dann entscheiden, ob wir sie rausrechnen", sagt Thomas Waldvogel von der Landeszentrale für politische Bildung, der am Lehrstuhl von Professor Wagschal promoviert und das Projekt mit betreut. "Wir wissen ja nicht, ob es an einer Fehlfunktion der App liegt."



Die Server zeichnen jede Veränderung der Position jedes Reglers in Echtzeit auf und damit, welcher Satz, welche Bemerkung, vom Publikum wie aufgenommen wird. Als Wolf Kretschmann dafür zu kritisieren versucht, dass die Grünen in ihrem Wahlprogramm eine bessere Gesundheitsversorgung für "illegalisierte Menschen", wie es im Wahlprogramm heißt, fordern, zeigt der unerschütterliche Gelassenheit: "Wenn jemand krank ist, muss er zum Arzt."

Ein klarer Ausschlag Richtung Kretschmann ist hinterher in den Diagrammen zu sehen - über alle Partei- und Kandidatenpräferenzen hinweg. Die wurden vorher abgefragt und machen eine noch differenziertere Auswertung möglich. Beim der Frage nach dem Umgang mit der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) gewinnen beide Kandidaten Zustimmung bei ihren jeweiligen Anhängern: die Kurven gehen auseinander.



Die Auswertung der Smartphone-Messung, präsentiert von Professor Wagschal, ist beinahe spannender, als das Fernsehduell selbst. "Es war cool, besonders weil es so ausführlich ausgewertet wurde", sagt Felix Göttler, 23, nach Ende der Veranstaltung. "Man versucht, dem Gespräch genauer zu folgen", sagt der Englisch- und Politikstudent. "Zuhause hätte ich eher weggezappt", wirft Andreas Haßmann, ebenfalls 23, ein, der Englisch und Spanisch studiert. Bei beiden habe Kretschmann an Sympathie hinzugewonnen, Wolf hatte es eher schwer, die Tendenz vorher war klar. "Ich wollte objektiv sein, aber das ist schwer", sagt Felix abschließend.

Der erste Test war ein Erfolg, findet Thomas Waldvogel. Jetzt werden die Nachher-Fragebögen ausgewertet. Dann zeigt sich, ob Kretschmann auch beim Freiburger Testpublikum insgesamt an Sympathie gewonnen hat. Außerdem wird bereits der nächste Test vorbereitet: Am 28. Januar ist es so weit, bei einer Live-Debatte mit den Kandidatinnen und Kandidaten aus Freiburg - und einer neuen Version der App.

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[Fotos: Konstantin Görlich]