FireChat im App-Check: Chatten ohne Internet

Konstantin Görlich

Messenger bevölkern unsere Smartphones und jeder kann etwas Besonderes. FireChat ist anders: Die App kann die Welt verändern. Weshalb sie auch die Protestierenden in Hong Kong nutzen:



Noch ein Messenger? Ja. Mit der Verbreitung von Smartphones wächst auch die Zahl der Kurznachrichten-Apps auf den meisten Geräten stetig. Dabei können all diese Programme das selbe: Kurznachrichten verschicken. Und dann hat jeder Messenger noch irgendein Alleinstellungsmerkmal. Der eine ist verschlüsselt, der andere speichert angeblich nichts, wieder ein anderer hat die niedlichsten Katzen-Sticker.


Der in einer ersten Version bereits im April erschienene FireChat reiht sich da ein. Seine Besonderheit: Er benötigt keine Mobilfunkverbindung. An Stelle des Handynetzes funktioniert er über Bluetooth. Der Kurzstreckenfunk befindet sich zum Beispiel in Autoradios, mobilen Lautsprechern und Computermäusen - und in jedem Smartphone. Die FireChat-Entwickler von OpenGarden.com nutzen Bluetooth recht clever, um alle Smartphones innerhalb der Reichweite von bis zu 70 Metern zu vernetzen. Sie kommunizieren entweder direkt miteinander, oder sie nutzen mehrere andere Geräte als Zwischenstationen.

So kann die App auch größere Flächen abdecken - wenn sich denn genug Teilnehmer darin befinden. Festivals, bei denen gerne mal das Handynetz zusammenbricht, kommen einem da in den Sinn, oder große Vorlesungen an der Uni, in denen das örtliche WLAN kapituliert. Diese Netze sind zentralisiert, alls läuft über einen Router oder Handymast. Ein FireChat-Netz hingegen ist dezentral, hier bilden alle Endgeräte zugleich die Infrastruktur. Es gibt keinen zentralen Knoten, der ausfallen kann.

Und es gibt auch keinen zentralen Knoten, der abgeschaltet werden kann. Das klingt wie Hexerei und versetzt tatsächlich manche Leute in Angst und Schrecken. Mächtige Leute, vor allem. Das chinesische Pendant zur deutschen Stasi kann FireChat zum Beispiel gar nicht leiden, denn die Massendemonstrationen für mehr Demokratie in Hongkong wurden und werden auch weiterhin darüber koordiniert. Selbst wenn die Polizei das Handynetz abschaltet oder zensiert, funktioniert FireChat noch.



Die Geräte bilden einen Chatraum "Nearby" - "In der Nähe", in dem alle Personen vor Ort lesen und schreiben können. Das lässt sich wie eine Lautsprecheranlage auf Demonstrationen einsetzen - nur, dass potentiell jeder ein Mikrofon hat. Es nutzt der Polizei also wenig, einzelne Handys zu beschlagnahmen. Die Bluetooth-Frequenzen flächig zu stören dürfte auch nicht ganz einfach sein. Und doch ist FireChat in dieser Anwendung nicht ganz ungefährlich.

Es ist unverschlüsselt und unsigniert, jeder kann alles lesen und schreiben, auch die Behörden. Zwar will der Hersteller eine Verschlüsselung nachliefern, aber in der total offenen Anwendung in Protestsituationen liefe diese Maßnahme ins Leere. Hauptkritikpunkt in den AppStore-Kommentaren zur neuesten Version ist jedoch die Anmeldung: Nutzer müssen jetzt eine E-Mailadresse angeben, um firechatten zu können. Das wird als Widerspruch zum ursprünglichen Anonymitätsversprechen wahrgenommen. Auch wird kritisiert, daß die App auf das Adressbuch zugreife, obwohl das für die Funktion nicht notwendig sei.

Und dann ist da, zumindest in der aktuellen Version, noch die Sache mit der Zuverlässigkeit. Im fudder-Test erschienen zunächst nur diverse Chats in diversen Sprachen auf dem Display. Der Hongkonger Raum "Occupy Central - English" war gar nicht zu finden. Auch der Nearby-Chat funktionierte erst beim zweiten Versuch. Dann faszinierte er aber sofort: WLAN aus, Handynetz aus, Bluetooth bereit, aber nicht gekoppelt - und doch erscheinen und verschwinden die Leute je nach Entfernung im Chat, kommen die Nachrichten praktisch sofort an. Automagisch!



Die Entwickler haben noch viel Arbeit vor sich und können noch viele Fehler machen. Vielversprechend ist vor allem die Weise, auf die OpenGarden mit FireChat die technischen Möglichkeiten von Bluetooth und den Handy-Betriebssystemen iOS und Android nutzt. Egal, ob damit Diktaturen ausmanövriert werden oder die Telekom: Die Vision, die hier greifbar wird, ist ein dezentrales, praktisch nicht zu störendes, nicht zensierbares und obendrein kostenloses Netz!

Mehr dazu:

[Fotos: dpa / Screenshot]