Ein Flüchtling und sein Smartphone

Konstantin Görlich

So gut wie alle Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, haben ein Smartphone. "So schlecht kann es denen dann ja gar nicht gehen", heißt es deshalb oft in Stammtisch- und Facebookdebatten. Dabei sind die Geräte für geflüchtete Menschen kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Der Syrer Mannan erzählt, warum sein Smartphone so wichtig für ihn ist:



Mannan Jawish ist im Sommer aus Syrien geflohen. Er sagt: "Ohne Smartphone wäre die Flucht aus Syrien nach Deutschland nicht möglich." Er muss es wissen. Der 26-jährige Maschinenbau-Ingenieur aus Aleppo hat die gefährliche Odyssee über Mittelmeer und Balkan im Hochsommer hinter sich gebracht.


Sein wichtigstes Gepäckstück: ein HTC Desire. Neben dem 5 Jahre alten Handymodell mindestens genauso wichtig: ein starker Zusatzakku. "Man weiß schließlich nie, wie lange einen die verdammten Schlepper im Niemandsland warten – und im Zweifelsfall verdursten lassen. Bei mir war es eine Woche, keine Smartphone-Batterie hält so lange."

Aber das Gerät muss funktionieren, zum Beispiel um die Treffpunkte mit den Schleppern zu finden. Die Kontakte gibt’s in Facebook-Gruppen. "Gerade in größeren Städten ist es einfach, einen Schlepper zu finden: Die Schlepper finden dich, machen Angebote. Aber Du kannst ihnen nicht vertrauen. Das sind Hurensöhne."

Mannan stammt aus Aleppo. Dort hat er studiert, dort ist Krieg, dort lebt seine Familie. Um mit ihr während der Flucht Kontakt zu halten, ist das Gerät unverzichtbar. "Du bist auf einer sehr gefährlichen Reise und kannst jeden Moment ums Leben kommen." Da können Notrufe das Leben retten. "Die Nummern sollte man natürlich vorher parat haben, dann ist das völlig unproblematisch. Außer in der Türkei kam ich mit Englisch überall zurecht. Sogar beim kleinen Bäcker, irgendwo in Griechenland."



Die wichtigste Funktion während der Flucht ist die Ortung per GPS. "Natürlich um die Küstenwache darüber zu informieren, wo das Boot sinkt, aber auch zur Sicherheit an Land. Ich habe meiner Familie vor jedem Schritt meine Position und mein nächstes Ziel geschickt. Damit sie wissen, von wo aus sie suchen müssen, falls ich nicht mehr auftauche."

An Land besonders wichtig: Karten-Apps, die ohne Datenverbindung funktionieren – und zwar mehrere davon als Reserve, für den Fall, dass eine doch versagt. Die Prepaid-Karten haben meist sehr wenig Datenvolumen, funktionieren aber erstmal ohne Registrierung, in der Regel eine Woche. "Man braucht sie aber auch höchstens eine Woche und kauft eh in jedem Land eine Neue. Ganz normal im Laden, ohne Ausweis."

Auf der Flucht war das Smartphone wichtig, um der Familie regelmäßig Lebenszeichen zu schicken. Jetzt, in Deutschland, in Sicherheit, hat sich das umgedreht: "Jeden Tag sagen wir 'Guten Morgen' zu unseren Familien. Nicht nur, um 'Guten Morgen' zu sagen, sondern um zu wissen, ob sie noch leben."

Inzwischen hat Mannan das alte Desire gegen ein neueres Smartphone ausgetauscht, wieder ein HTC. Und es sind einige Apps hinzugekommen, die er als Flüchtling besonders benötigt: Wörterbücher, Übersetzungsapps und Deutschkurse. "Der – die – das, das ist so kompliziert!" Aber es sind auch Apps wie der DB-Navigator oder Blablacar darauf, Badoo, WhatsApp, YouTube, E-Mail und Maps, Facebook, Musik, die Kamera – wie auf den meisten anderen Smartphones in Deutschland auch.



Unterwegs diente das kleine HTC Desire auch als eine Art Schatztruhe. Mannan hat seine Flucht mit Fotos dokumentiert. Zum einen zu Beweiszwecken, falls ihm etwas zugestoßen wäre, aber in erster Linie als Erinnerung. Die Bilder von der Flucht hat er gesichert. "Das war der Trip meines Lebens! Die Bilder werde ich niemals verlieren und für immer sichern. Dann kann ich sie eines Tages meinen Kindern zeigen, damit sie sehen, wie schwer es war, nach Europa zu kommen."

Er wird ihnen einige Selfies zeigen können, die auf den ersten Blick so aussehen, als ob sie auf einer Wanderung im Schwarzwald entstanden wären. Aber sie zeigen Mannan auf einem Fußmarsch irgendwo im Busch, irgendwo in Mazedonien, erschöpft, halb hoffnungsvoll, halb verzweifelt. Mannan in Griechenland, auf der Straße übernachtend. Mannan fröhlich, angekommen an diversen Bahnhöfen. Zwischenstationen.

Ob er sie sich jemals anschaut? "Manchmal. Auf den Bildern versuche ich zu lächeln, aber jetzt erinnere ich mich daran, wie hart jeder einzelne Schritt war. Manchmal wünschte ich, vergessen zu können."



Mannan blättert die Bilder durch. Stille. Mit einigen Swipes ziehen nicht einfach nur die Fotos auf dem Bildschirm vorbei, sondern die Erinnerungen werden wieder lebendig. An die Flucht, an den Krieg, an die Familie in Aleppo sowieso.

"Die Welt ist so riesig, es ist genug Platz, damit wir alle in Frieden leben können. Warum müssen wir uns gegenseitig umbringen?", fragt Mannan. Der Krieg findet nicht am anderen Ende der Welt statt. Für einen Moment erreicht er dieses friedliche kleine Schwarzwaldtal.

WLAN für Geflüchtete

Ein funktionierender Internetzugang über WLAN ist für Geflüchtete besonders wichtig – und kein Luxus. Viele kommen aus Ländern, in denen das Smartphone der erste und einzige Zugangsweg zum Internet ist. In der provisorischen Unterbringung in Deutschland wäre ohnehin kein Platz für einen PC. Während des Asylverfahrens bekommen Geflüchtete keinen Handyvertrag und sind auf Prepaid-Karten angewiesen, deren Preise für Ferngespräche und Datenvolumen für sie unerschwinglich sind, so lange sie nicht arbeiten dürfen. Internettelefonie über Dienste wie Skype oder WhatsApp ist aber oft der einzige Weg, mit der Familie im Kriegsgebiet in Kontakt zu bleiben. Darum versorgen Initiativen wie Freifunk bereits einige Flüchtlingsheime und Erstaufnahmelager mit freien, kostenlosen und schnellen Zugängen zum Internet.

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[Fotos & Video: Konstantin Görlich]