Das letzte Gruscheln: Abgesang auf StudiVZ

Konstantin Görlich

Es ist nur eine Frage der Zeit: StudiVZ, das erste weitverbreitete Social Network in Deutschland, steht vor dem Untergang. fudder-Autor Konstantin sagt zum Abschied leise Servus.



Erinnert sich noch jemand an 2006? Es war das Jahr des großen Aufstiegs von StudiVZ, dem im November 2005 gestarteten sozialen Netzwerk, dem damals schon nachgesagt Wurde, sein einziger Unterschied zu Facebook sei die rote statt blaue Farbe. Heute sind wir schlauer, denn der Unterschied zwischen Facebook und StudiVZ ist inzwischen viel größer. Während ersteres weitgehend den Alltag erobert hat, gleicht StudiVZ eher einem Fitnesstudio: Man ist zwar noch angemeldet, geht aber nicht mehr hin.


Das sagt nicht nur die Alltagserfahrung, sondern auch die Nutzungszahlen. Der Blogger Martin Vogel entdeckte das erstaunliche Phänomen im Dezember letzten Jahres. Er schreibt:

"Was im Moment bei den VZ-Netzwerken abgeht, habe ich noch nie gesehen. Seit 15 Monaten sinken die Besuchszahlen fast linear. [...] Zieht man die gerade Linie bis zur x-Achse durch, ist spätestens im März Schluss."

Mittlerweile gibt es sogar wannstirbtstudivz.de, inklusive Countdown. Demnach endet die Ära StudiVZ am Donnerstag kommender Woche. Spätestens. Wenn es nicht doch zu dem Verlauf kommt, den man eigentlich erwarten würde, und der sich in aktuellen Daten auch schon abzeichnet: die Annäherung an einen stabilen, wenn auch - im Verhältnis gesehen - sehr niedrigen Wert:



Das war es also mit den VZ-Netzwerken, und dies ist so etwas wie ein Abschiedsbrief.

Es war schön mit Dir, StudiVZ, neu und aufregend. Mit Dir wurde das deutschsprachige Internet in seiner ganzen Breite zu dem, was man damals als „Web 2.0“ hypte: Eine Struktur mit von ihren Nutzern erzeugten Inhalten.

Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, lernten viel von einander. Zum Beispiel, daß es irgendwie auch ein Stück weit problematisch sein könnte, private Daten und Ereignisse im Internet einem nicht ohne weiteres überschaubaren Personenkreis zugänglich zu machen. Verballhornungen Deines Namens wie „StalkerVZ“ oder gar „StasiVZ“ sind Erinnerungen, die bleiben.

Stefan Fehling - Inzwischen Gruscheln wir...

Quelle: MyVideo


Als unsere Beziehung noch frisch war sahen wir uns täglich. Ständig kamen neue Freunde  aus der realen Welt auch im StudiVZ dazu. Aber auch längst vergangene Bekanntschaften  wurden reaktiviert. Du warst Abbild unseres sozialen Netzwerks, noch bevor wir wußten, was ein Soziales Netzwerk ist. Wir schrieben sogar Lieder für Dich! Im Herbst 2006 kürten wir in einem StudiVZ-Liedermacherwettbewerb drei Finalisten aus 13 Teilnehmern. 13! Diese Zahl hätte uns stutzen lassen müssen. Zu einem Finale kam es aus nach wie vor ungeklärten Gründen nicht mehr.

Die Band von Alex' Bruder - Deine Freunde... -

Quelle: MyVideo


Ungefähr hier hatte unsere Beziehung einen toten Punkt erreicht, wir interagierten nur noch routiniert, ohne Feuer, beinahe statisch. Deine Expansion in andere europäische Länder floppte völlig und für unsere internationalen Freund- und Bekanntschaften, die man als Student spätestens beim ersten Auslandssemester zwangsläufig bekommt, hatten wir schnell eine neue Basis gefunden: Facebook.

Du warst unser Erstes Mal – was Soziale Netzwerke angeht – aber nun wurdest Du langsam aber sicher ersetzt. Bei Facebook gab es ständig etwas neues, und so sahen wir uns erst nur noch wöchentlich, dann immer seltener. Und je seltener wir uns sahen, desto weniger gab es Neuigkeiten bei Dir zu sehen. Ein Teufelskreis. Dabei kann man nicht mal sagen, Du hättest Dich nicht angestrengt: Inzwischen hast Du sogar eine Art Dislike-Button. Sowas wird bei Facebook von vielen vermisst!



Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Unser Internetalltag hat sich durch das, was wir Social Media nennen, so sehr verändert, daß uns ein Besuch bei Dir wie eine Zeitreise in die jüngste Internetvergangenheit vorkommt. Zwar zeigst Du uns mittlerweile auch die Statusupdates unserer Freunde auf der Startseite an, aber im Vergleich zum Minutentakt des unaufhörlichen Neuigkeitenbombardements auf Facebook und Twitter fühlt sich ein Besuch bei Dir an wie ein Kuraufenthalt auf einer einsamen Insel.

Das StudiVZ-Profil als digitale Isolationszelle, so weit ist es also gekommen. Sollten wir diese Farce beenden, bevor es zu spät ist, bevor unsere Profildaten in die Insolvenzmasse der VZ-Netzwerke eingehen? Oder sollen wir mit dem sinkenden Schiff untergehen? Eins ist klar: Der Niedergang des StudiVZ ist wie ein schwerer Autounfall: Es ist furchtbar, aber man kann einfach nicht wegsehen.

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[Bild 1: dpa]