Interview

Von Freiburg nach Lanzarote: Wie ein Musikerduo den Lockdown erlebt hat

Charlotte Wagner

Das Musikerduo Jan & Jannike lebt seit Januar 2019 auf der spanischen Insel Lanzarote. Zuvor haben sie in Freiburg Musik studiert. fudder hat sie gefragt, wie sie den Lockdown auf Lanzarote erlebt haben und worum es in ihrer neuen Single geht.

Jan & Jannike – das klingt nach dem perfekten Dream Team. Wie und wo ging das alles los mit euch?

Jannike: Die Musik hat uns zusammengeführt. Eigentlich wollte ich auf eine Musikuni nach England gehen, aber auch Hamburg und Mannheim standen zur Auswahl. Kurzerhand habe ich den Anfang dann doch in Freiburg gemacht. Jan hatte bereits etwas anderes in Marburg studiert, bis ihn die Liebe zur Musik letztlich auch nach Freiburg gebracht hat, wo wir uns im Musikstudium an der Hochschule Macromedia, wie sie heute heißt, kennengelernt haben.



Ihr habt auch eine Zeit lang in Dublin gelebt. Was habt ihr dort gemacht?

Jan: Wir haben unser Musikstudium weitergeführt und beendet. Die Uni in Dublin war komplett jazzorientiert, was uns gereizt hat. Wir hatten die Möglichkeit nach bestandener Aufnahmeprüfung quereinzusteigen.

Dann ging die Reise weiter: Anfang 2019 hieß es für euch: Auf nach Lanzarote! Wie kam es dazu?

Jannike: Ich kenne die Insel durch alljährliche Familienurlaube schon mein ganzes Leben lang. Nach drei Jahren in Irland mit viel Dauerregen und Großstadtgetummel haben wir uns nach mehr Ruhe und Sonne gesehnt. Wir fühlen uns beide sehr wohl und mit der Insel verbunden.

Jan: Es ist eine sehr eigene, besondere Natur: Überall Vulkane, sehr karg, mystisch, dazu der wilde Atlantische Ozean, schwarze Strände. Ein magischer Ort, perfekt für Muse und Inspiration. Das Besondere ist auch, dass wir erst auf der Insel so richtig mit der gemeinsamen Musik begonnen haben.

"Das typische Liebeslied wird man nicht bei uns finden." Jannike

Kommen wir zum Wichtigsten: Eure Musik. Denn Anlass des Interviews ist auch die Veröffentlichung eures Videoclips zur Single-Auskopplung "MVAS", Teil der EP "Winter", welche Anfang nächsten Jahres erscheinen soll. Auf eurer Homepage heißt es: "Ihre Kunst vollzieht einen Tanz zwischen zwei Welten; der städtischen und der naturverbundenen, der gleichermaßen Großstadtvibes und dunkle Melancholie hervorzurufen vermag". Kommt das hin?

Jan: Wir haben bereits an vielen verschiedenen Orten gelebt; ich bin zum Beispiel auf dem Land aufgewachsen direkt am Waldrand. Das ist eine ganz spezielle Stimmung und wiederum konträr zum Großstadtflair. Diese verschiedenen Einflüsse sind ein Teil von uns und spiegeln sich natürlich auch in unserer Musik wider. Unser Genre lässt sich daher nicht gut kategorisieren.



Welche Themen behandelt ihr in eurer Musik?

Jannike: Wir beschäftigen uns viel mit dem Dasein des Menschen in unserer heutigen Zeit. Daher sind unsere Texte sehr psychologisch und philosophisch, manchmal politisch, aber nicht gewollt, sondern weil eines mit dem anderen verbunden ist. Das typische Liebeslied wird man nicht bei uns finden.

Und wofür steht "MVAS"?

Jannike: Die Abkürzung steht für "My Voicings Are Shit" ("voicings" nennt man im Musikfachjargon verschiedene Varianten, einen Akkord zu spielen). Im Studium habe ich mit dem Klavier angefangen und hatte nicht viel Ahnung von Musiktheorie, sondern habe bis dato vieles nach Gefühl gespielt. Es war also eine Menge an akademischem Unwissen, mit dem ich konfrontiert wurde. Das war natürlich sehr frustrierend und hat mich an meine Grenzen gebracht. Dazu der ständige Vergleich mit anderen, vermeintlich "besseren" Pianisten. Aber letztlich ist jeder etwas Besonderes, man muss nur den Mut haben, es zu leben. Ich wollte das Handwerk des Klavierspielens besser erlernen, sodass das, was sowieso schon in mir brodelt, noch besser zum Vorschein kommt. Eine wichtige Veränderung, die ich vorgenommen habe, war, dass ich nach drei Jahren Klavierstudium zum Fach Gesang gewechselt habe. Ich hatte mir eine gute handwerkliche Basis am Klavier aufgebaut, lief aber Gefahr, meine Leidenschaft zum Klavierspielen durch den trockenen Unterricht zu verlieren. Es war für mich eine Wende und genau der richtige Zeitpunkt für Veränderung. Darum geht es bei "MVAS": Die Überforderung, die Selbstzweifel, aber auch der Weg, damit konstruktiv umzugehen und dabei nicht die eigene Intuition zu unterdrücken. Die Balance ist wichtig.

"An einem Abend hatten wir noch einen Auftritt und am nächsten war plötzlich alles dicht." Jan

Apropos Balance: Habt ihr diese in Zeiten von Corona behalten können?

Jan: Natürlich war das eine krasse Veränderung: Weil die Insel zu Spanien gehört, hieß es ab Mitte März kompletter Lockdown. Wir haben uns also nur noch in unserem Apartment aufgehalten. An einem Abend hatten wir noch einen Auftritt und am nächsten war plötzlich alles dicht. Die Zeit wurde uns geschenkt und wir haben sie genutzt, um kreativ zu arbeiten, ohne verlorenem Geld hinterherzutrauern. Abgesehen von der Single, die übrigens in Zusammenarbeit mit unserem befreundeten Produzenten Matt Vukos entstanden ist, haben wir zudem in der Quarantäne auch das Musikvideo erstellt. Die Mittel waren begrenzt, Außenaufnahmen waren natürlich nicht möglich. Also haben wir uns mit Greenscreening beschäftigt und somit selbstgedrehte Szenen mit Videoloops kombiniert.

Könnt ihr sagen, ihr "habt es geschafft" und wie sehen eure Zukunftspläne aus?

Jannike: Wir lassen es auf uns zukommen und versuchen so zu leben, wie es uns im Moment richtig erscheint und möglich ist. An der Pandemie sieht man ja gerade ganz deutlich, dass Pläne manchmal einfach im Sand verlaufen können. Natürlich haben wir Visionen, wo es mit unserer Kunst hingehen soll, können aber die Frage "habt ihr es geschafft" nicht so einfach in einem Satz beantworten. Wir machen schließlich nicht Musik, um am Ende irgendwo anzukommen. So gesehen, haben wir es nie geschafft und gleichzeitig schaffen wir es jeden Tag.


Die Single "MVAS" ist seit dem 26. Juni auf Spotify, Apple Music, etc zu hören.