Tocotronic in Freiburg: Das Konzert am Eingang zur Hölle

Alexander Ochs

Mit "Freiburg" hat alles angefangen: erste Platte, erstes Lied. Eine Hasshymne auf die selbst ernannte Schwarzwaldmetropole. Haben Tocotronic dieses brisante Stück auch gestern Abend im E-Werk bei ihrem ersten Freiburg-Konzert in diesem Jahrtausend gespielt? Alex berichtet:



„Freiburg“. Das war 1995, gut ein Jahr nach Gründung der Band. Damals, in der zweiten Hälfte der 90er Jahre, sind sie öfter hier aufgetreten, sei es im Jazzhaus, im Theater oder – legendärer Gig – in der alten KTS. Doch seit ihrer Theatertournee 1999 haben sie nie mehr in Freiburg auf der Bühne gestanden. Eigentlich unfassbar, für eine Institution des deutschsprachigen Indie- und Diskursrock und für absolute Kritikerlieblinge.

Doch gut zehn Jahre danach sind sie wieder zu Gast in der Stadt, "die ja bekanntlich der Eingang zur Hölle ist“, so Sänger Dirk von Lowtzow, zum ersten Mal in diesem Jahrzehnt und Jahrtausend, dort, wo er zumindest kurzzeitig studiert und zumindest die Band-Diskografie angefangen hat. Eine kleine Breitseite gegen sein anscheinend immer noch verhasstes Freiburg oder einfach nur eine Anspielung darauf, dass das Höllental vor der Haustür liegt? Es ist wie immer bei den Tocos: Zweideutigkeit gehört eindeutig dazu.

Mit ihrem hervorragenden Album Schall & Wahn im Gepäck müsste es ein großartiger Abend werden, Anlass zu großer Hoffnung und überdimensionierter Vorfreude also. Und die spannende Frage: Spielen Sie das Freiburg-Lied? Vielleicht als Zugabe?

Seit einer Generation fast schon machen Tocotronic zusammen Musik – und eine Konstante setzt sich auch im 17. Bandjahr fort: Wie von den Toco-Konzerten in den 90er Jahren gewohnt, fällt es Dirk von Lowtzow mitunter schwer, den richtigen Ton zu treffen. So oft liegt er dermaßen daneben, dass die weniger Wohlmeinenden im Publikum sich fragen, wie die Band eigentlich so weit kommen konnte.

Gestelzt und manieriert wie eh und je kommt Dirks eigentümlicher Gesang daher, aber genau so nölig und nasal, wie ihn die Fans im Ohr haben – und in ihr Indie-Herz geschlossen haben. Wie das so ist: Die Gratwanderung zwischen gekonnt und dilettantisch ist kein Selbstläufer, zumindest live. Denn im Studio sitzen die Songs perfekt. Live blitzt da der Charme der frühen Tocotronic durch, als es noch der schrammelige Jan-Arne-Dirk-Kosmos war.

Musikalisch stemmen sie die Songs mit viel Elan auf die Bühne, Rick McPhail und von Lowtzow lassen ihre Gitarren immer wieder lange und zünftig kreisen und kreischen. Dabei liefert das Vierergespann einen bunten Mix aus ihrem Schaffen.

Ein Dreierblock vom aktuellen Album eröffnet den Abend, darunter der grandiose Opener „Eure Liebe tötet mich“, ein melodisch-schwelgerischer 8-Minuten-Song mit sägenden Gitarren gegen Ende. Auch am Ende ihres Sets spielen sie noch mal drei Songs von der Schall & Wahn, zu Schluss wieder ein überlanges Lied: „Gift“. Damit schließt sich der Kreis.



Zwischendrin servieren die Enddreißiger Songs von nahezu allen Alben, so ist es fast schon ein nostalgischer Abend fürs studentische und ex-studentische Publikum. Das freute sich wie kleine Schulkinder, als die Band die alten Slogan-Songs aus der Hamburger-Schule-Schublade holt, so zum Beispiel „Jungs, hier kommt der Masterplan“ und auch die frühe Hymne „Drüben auf dem Hügel“.

Bei „Ich werde nie mehr alleine sein“ und „Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“ wechselt Rick McPhail an die Drums und Schlagzeuger Arne gibt inbrünstig den Zänkelsänger. Der schrammelige Punkrock steht der Band nach wie vor besonders gut. Zugleich wird im Vergleich mit den neuen Stücken deutlich, wie sehr sie sich mittlerweile weiterentwickelt hat. Man sieht aber auch, dass die Fanbasis mit den letzten Magisterabsolventen bröckelig wird.

Nachwuchssorgen müssen sich die Vier dennoch nicht machen, sie spielten vor ausverkauftem Haus. Die Freiburg-Hymne bleibt aus. Dafür bringen sie einen alten Klassiker, „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“. Insgesamt eine runde Sache mit unrunden Momenten. Als Rausschmeißer vom Band ertönt nach 100 Minuten das schöne Chanson „Die großen weißen Vögel“ der Fassbender-Muse Ingrid Caven. Auch die mittlerweile über 70-Jährige hat bei ihren letzten Auftritten den Ton nicht so ganz getroffen.

Setlist

01: Eure Liebe tötet mich
02: Ein leiser Hauch von Terror
03: Die Folter endet nie
04: Die Grenzen des guten Geschmacks 2
05: Verschwör' Dich gegen Dich
06: Schall & Wahn
07: Aber hier leben, nein danke
08: Imitationen
09: Jenseits des Kanals
10: Medley: Ich werde nie mehr alleine sein – Bitte gebt mir meinen Verstand zurück
11: Jungs, hier kommt der Masterplan
12: Let there be rock
13: Macht es nicht selbst
14: Drüben auf dem Hügel
15: Keine Meisterwerke mehr
16: Stürmt das Schloss
17: Gift

18: Mein Ruin
19: Ich bin viel zu lange mit Euch mitgegangen
20: Sag alles ab

21: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit

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Foto-Galerie: Carolin Buchheim


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