Fall Ayleen A.

Tatverdächtiger soll zuvor schon eine andere Schülerin belästigt haben

Ronny Gert Bürckholdt & Gerhard Kneier

Entgegen der Einschätzung der Polizei wurde der mutmaßliche Mörder von Ayleen A. nicht weiter überwacht. Der 29-Jährige wehrte sich juristisch dagegen. Derweil werden weitere Details bekannt.

Der im Fall Ayleen dringend Tatverdächtige 29-Jährige wurde noch bis Ende Januar als rückfallgefährdeter Sexualstraftäter engmaschig von der Polizei überwacht. Die Polizei hielt ihn für so gefährlich, dass sie die Führungsaufsicht unbegrenzt verlängern wollte. Doch ein Gericht hat anders entschieden.

Bekannt war seit Anfang der Woche: Der mutmaßliche Mörder der 14-Jährigen Ayleen A. aus Gottenheim stand noch bis Ende Januar als rückfallgefährdeter Sexualstraftäter unter Führungsaufsicht der hessischen Behörden - und damit im besonderen Visier der dortigen Polizei. Dann, ein halbes Jahr vor Ayleens Verschwinden und ihrem Tod, endete diese engmaschige Überwachung des heute 29 Jahre alten Mannes aus der Nähe von Wetzlar in Hessen. Nach Informationen von Focus online, die am Mittwoch von hessischen Sicherheitskreisen der Badischen Zeitung bestätigt wurden, geschah dies auf Anordnung eines hessischen Gerichts – entgegen der Einschätzung der Polizei.

Dauerhafte Führungsaufsicht als unverhältnismäßig abgelehnt

Die hessische Polizei soll laut Focus den Mann für so gefährlich gehalten haben, dass sie 2020 beantragt hatte, ihn dauerhaft unter Führungsaufsicht zu halten. Diese Möglichkeit besteht in Ausnahmefällen, wenn gewichtige Gründe dafür vorliegen, anzunehmen, dass von einem Straftäter eine anhaltende Bedrohung für die Allgemeinheit ausgeht, wie Hessens Landeskriminalamt (LKA) am Montag der Badischen Zeitung bestätigt hatte.

Zunächst hat nach BZ-Informationen das zuständige Amtsgericht Wetzlar 2020 der von der Polizei beantragten dauerhaften Führungsaufsicht zugestimmt, wogegen sich der Mann juristisch gewehrt habe. Dann habe ein anderes Gericht in Hessen, das der Focus nicht eindeutig benennt, die dauerhafte Führungsaufsicht als unverhältnismäßig abgelehnt.

17 Jahre altes Mädchen in Hessen belästigt

Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete, soll Jan P. kurz nach Beendigung der Führungsaufsicht ein 17 Jahre altes Mädchen in Hessen belästigt haben. Ende April soll er die Schülerin auf einem Fest angesprochen und danach per Smartphone und Besuche auf dem Schulhof zur Aufnahme einer Liebesbeziehung gedrängt haben. Das Mädchen habe sich darauf nicht eingelassen. Anfang Mai dieses Jahres sei Anzeige gegen P. wegen Nötigung erstattet worden. Dieser sei mehreren Vorladungen zur Vernehmung nicht nachgekommen. Lediglich eine Gefährderansprache habe bis Ende Juli stattgefunden, so die Zeitung weiter.

Gerichtsunterlagen auf dem Weg nach Freiburg

Die engmaschige Überwachung des Mannes durch die Polizei wurde demnach auf weitere zwei Jahre begrenzt – insgesamt also auf fünf Jahre. Sie endete am 25. Januar 2022 - ein halbes Jahr vor dem Verschwinden Ayleens aus Gottenheim. Die Gerichtsunterlagen sind nach BZ-Informationen derzeit auf dem Weg nach Freiburg, bei der dortigen Staatsanwaltschaft aber noch nicht eingetroffen.



Ayleen und der dringend Tatverdächtige, der in Untersuchungshaft sitzt, hatten sich laut den Ermittlern im Internet kennengelernt. Beide hatten demnach mindestens mehrere Wochen Kontakt zueinander. Die Leiche der seit dem 21. Juli vermissten Ayleen war am vergangenen Freitag aus dem Teufelsee nahe Bad Nauheim in Hessen geborgen worden. Eine Obduktion hatte ihre Identität am Samstag bestätigt.

Unklar ist laut den Ermittlern weiter, wie und wo sie zu Tode kam. Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus und ermittelt gegen den Mann aus der Nähe von Wetzlar, der am Freitag in Frankfurt festgenommen worden war. Es bestehe der dringende Verdacht eines Sexualdelikts.

Der Verdächtige hatte zehn Jahre seines Lebens im Maßregelvollzug einer psychiatrischen Einrichtung für Straftäter in Hessen verbracht, nachdem er laut Hessens LKA 2007 im Alter von 14 Jahren versucht hatte, eine Elfjährige zu vergewaltigen. 2017 wurde er aus der Einrichtung entlassen, kam danach unter Führungsaufsicht und wurde von Polizei, Justiz, Bewährungshilfe und Sozialbehörden in einem speziellen Programm betreut: bei der "Zentralstelle zur Überwachung rückfallgefährdeter Sexualtäter (ZÜRS)".

Deren zentrales Ziel: der Schutz der Bevölkerung vor rückfallgefährdeten Sexualstraftätern. Sowohl die Führungsaufsicht als auch die Teilnahme an ZÜRS endeten am 25. Januar 2022. Danach stand der 29-Jährige zwar weiter im Visier der Polizei, nun allerdings nicht länger als rückfallgefährdeter Sexualstraftäter, sondern als "Intensivtäter, in erster Linie wegen Eigentumsdelikten". Dieses Programm sieht eine weniger engmaschige Beobachtung durch die Behörden vor, wie Hessens LKA bestätigte.