Tristesse im Außenbereich

Nightlife-Guru: Das Samstagskonzert im Abendrot

Nightlife-Guru

Der Guru ist am Samstag losgezogen, um seine Sehnsucht nach Livemusik zu stillen. Gelandet ist er beim Samstagskonzert im Abendrot. Gefühlt hat er sich wie im Pub. Ein wenig depressiv ist er auch geworden.

Die Dämmerung legt sich sanft über die spätsommerliche Stadt und so ist es für den Guru wieder mal Zeit, sich in das – zugegebenermaßen sehr eingeschränkte Nachtleben – zu stürzen. Nach Monaten ohne Livemusik-Beschallung entwickeln sich beim basshungrigen Guru langsam Entzugserscheinungen, weswegen er eine Einladung zum Samstagskonzert Abendrot mehr als dankend annimmt. Der zu Corona-Zeiten neu eröffnete Laden hat sich scheinbar innerhalb kürzester Zeit mit mittwöchlichen Open Jam-Sessions und Livemusik am Wochenende zu einem Anlaufpunkt der Freiburger Musikerszene gemausert.


Atmosphäre

In den Hinterhöfen der Eisenbahnstraße, zwischen Thai und Tipico liegt das Abendrot und strahlt dem Besucher mit rötlicher Wärme einladend entgegen. Die Deko im Innenbereich kann sich sehen lassen, der Name wird auf jeden Fall ernst genommen: von der schimmernden Tapete über den goldenen Deko-Gorilla leuchtet alles im satten Glanz eines romantischen Sonnenuntergangs. Auf einer Bühne sind Gitarren aufgestellt, doch das heutige Abendprogramm wird draußen stattfinden. Fast ein wenig schade eigentlich, denn der Guru ist kein Fan von Außenbereichen. Warum vermitteln diese, außer in Biergärten, eigentlich immer diese leicht leblose Tristesse? Ist es die Funktionalität des wetterbeständigen Hartplastiks? Das Design, das zwar für die Ewigkeit, aber nicht fürs Auge gemacht ist? Offene Fragen ohne Antwort. Aber auch egal, denn alles in allem ist das Ambiente "sehr sympathisch", wie von der Begleitung bekundet wird. Dazu tragen auch die Bedienungen bei, die mit ihrem charmantem englischen oder amerikanischem Akzent schon bei der Begrüßung ein Pubfeeling aufkommen lassen.

Das Publikum

Fast alle Tische sind besetzt, zwischen 30 und 40 Personen sind heute gekommen, um sich an diesem warmen Septemberabend dem hedonistischen Herdentrieb des Wochenendes hinzugeben. In Maßen natürlich, es ist noch nicht wieder die Zeit für Exzess. Die Zuhörerschaft ist ziemlich durchmischt, an den Tischen sitzen alte und junge Menschen in Grüppchen zusammen, die meisten scheinen englischsprachig zu sein, was das Pubgefühl nochmals verstärkt. Alle wirken entspannt und genießen mit sichtbarer Freude ihre dicken Steaks auf Schieferplatte oder andere der deftigen Soul-Food-Gerichte der Karte, während sie zur Musik mitwippen und das Besteck für den Zwischenapplaus brav aus der Hand legen. Alles angenehm unaufgeregt.

Die Musik

Eigentlich wäre heute Andamalu für die musikalische Untermalung des Abends vorgesehen gewesen, diese sind wohl aber spontan abgesprungen. Als Ersatz sind nun Ben Meech und seine Partnerin Kilia Vogel mit Gitarre und Geige als dynamisches Duo aus dem kleinen Wiesental angereist: er lässig im Hemd, sie im Rockabilly-Kleidchen. Im Gepäck haben sie Selbstgeschriebenes und Cover unterschiedlicher Art, dazu jede Menge Geschichten aus ihrem Leben, bei denen man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. In dem anderthalb stündigen Auftritt geht es unter anderem um Großtante Dorothy, die im Gefängnis saß, um einen Bagger, der bei der Hausgeburt draußen Rabatz macht, um zu hohe Wasserrechnungen, um die Mutter, die eine Affäre mit dem Milchmann hatte. Ist das Britischer Humor, den der Guru nicht versteht oder ist das eine Lebensbeichte, ein Einblick in die manchmal harte und traurige Realität eines Musikerlebens? Der Guru ist verwirrt und wird ein bisschen depressiv von so viel musikalisch verpacktem Alltagsschmerz, dem er doch eigentlich entfliehen wollte. Dabei sind die melancholischen Songs mit ihrer folkig-gefühlvollen Spielweise und den teilweise schmissigen Gitarrenriffs durchaus mitreißend und erinnern an schunkelige Abende, in den schon vor Jahren untergegangenen Flaggschiffen der irischen Gemütlichkeit, wie Dubliners oder Isle of Innisfree. Die Verschwörungstheorie des Abends verfestigt sich so immer mehr: Das Abendrot ist eigentlich ein Pub in Disguise. Nur warum tarnt es sich als Restaurant und Café? Am Ende eigentlich egal, der Guru ist ja kein Freund der Schubladen und schiebt sich stattdessen lieber das nächste Getränk ins Glas, da steigt die Laune gleich wieder und das Grübeln wird nebensächlich.

Aufheiterle

In der Pause dudelt drinnen "White Christmas" aus den Lautsprechern. Erstmal hä, dann okay. Warum auch nicht, die ersten Lebkuchen stehen ja auch schon in den Supermarkt-Regalen. Das muss man dem Abendrot lassen: Man schafft es, ungewöhnliche Dinge zu kombinieren, ohne dass es befremdlich wirkt. Man ist vielleicht kurz erstaunt, zuckt dann aber mit den Schultern und kann sich dann mit entspannter Gelassenheit auf das Neue einlassen. Guru sagt: gut so!

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