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Liebe in Zeiten von Corona: Wenn der Lockdown zusammenschweißt

fudder-Redaktion

Christina und Marco lernten sich auf einer Internetplattform kennen – und verliebten sich gleich ineinander. Wegen des Lockdowns haben sie viel Zeit auf engem Raum miteinander verbracht und gemerkt: Sie passen ganz gut zusammen.

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Ich heiße Christina, wohne in Freiburg. 2018 habe ich mich auf einem dieser Internetportale angemeldet, um einen Partner kennenzulernen. Im November 2018 schrieb mir dort Marco. Wir schrieben eine Woche und trafen uns dann in Freiburg. Er lebt in der Schweiz, nahe der Grenze, und ist auch Schweizer. Wir haben uns sofort ineinander verliebt und verbrachten von nun an jedes Wochenende, freie Tage und Urlaube miteinander. Sofort zusammenziehen kam für uns zunächst nicht infrage, da wir beide eine lange Ehe hinter uns hatten. Wir sind beide ungefähr 50 Jahre alt. Wir wollten es erst so miteinander versuchen, ohne gleich zusammen zu leben. Also blieb uns diese Wochenendbeziehung und die große Sehnsucht aufeinander unter der Arbeitswoche.

Kurz vor Schließung der Grenzen im März dieses Jahr sollte Marco ins Homeoffice wechseln, also blieb er nach einem Wochenendbesuch bei mir einfach in Freiburg. Er hätte zwar zurück in die Schweiz gehen können, wäre dann aber nicht mehr zu mir gekommen und ich hätte ihn auch nicht besuchen können. Aus einer Woche wurde ein Monat und noch länger.

Wir waren nun in meiner kleinen Einzimmerwohnung plötzlich auf engstem Raum zusammen.Verbringen seither 24 Stunden am Tag miteinander. Von "null auf Hundert" quasi. Wir harmonieren echt gut miteinander, er macht Homeoffice, ich gehe arbeiten, koche und backe, denn das ist meine Leidenschaft. Ich achte darauf, dass wir gut und gesund essen. Wir bekommen oft Besuch von meinen Kindern und laden sie oft zum gemeinsamen Essen ein. So können sie und Marco sich besser kennenlernen. Bisher funktioniert alles super. Es gab nicht einmal die Frage, ob wir uns denn irgendwie auf die Nerven gehen, so auf engstem Raum,ob es überhaupt funktioniert mit uns im Alltag.

Mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team. Die Beziehung festigt sich, wir sind eng verschweißt, haben uns in jeglichen Alltagssituationen immer besser kennenlernen können. Wir streiten nicht, wir reden miteinander. Für uns ist es ein Glück und wir sind glücklich miteinander. Unser Alltag sieht so aus: Während er arbeitet, kümmere ich mich um das Essen, den Haushalt, dann fahre ich zur Spätschicht. In unserer freien Zeit lernen wir Spanisch. Er ist Musiker, Saxophonist, und hat sich im Musikhaus Freiburg ein Saxophon ausgeliehen, zunächst für ein halbes Jahr. Außerdem ein Keyboard online bestellt, mit dem er Noten schreiben kann für seine Band in der Schweiz. Die Proben finden online statt.

Wir fahren sehr viel Fahrrad. In unserer schönen Gegend im Schwarzwald, gibt es viel zu entdecken und sehr schöne Radwege. Wir genießen es im Moment sehr, dass es weniger Verkehr gibt, weniger Leute unterwegs, diese Ruhe in den Straßen, kein Konsum-Gehetze. Es scheint, als wären alle Leute entspannt, spazieren und genießen die warmen Frühlingstage. Wenn wir mit dem Rad unterwegs sind, haben wir immer ein Bierchen dabei und ein Vesper.
Liebe in Zeiten von Corona: Vom Glück im Unglück zusammen zu sein

Mit einer Astro-App beobachten wir Sterne, Satelliten, die Stellung von Mond und Venus zueinander. Wir lernen viel gemeinsam und auch jeder für sich. Ich bin besser in meiner Internetnutzung geworden, habe eine ganze Menge am PC dazu gelernt. Eigentlich kann man alles von daheim aus machen. Schön ist es auch, gemeinsam zu essen, miteinander zu reden und auch mal zu schweigen, einfach die Nähe zu genießen, die Zärtlichkeiten und die Wärme. Jeder hat seine Eigenarten, aber so auf engstem Raum, mit viel Zeit, können wir uns gut aufeinander einstellen, verstehen den anderen immer besser. Wir sind auch nicht mehr die Jüngsten, jeder hat schon Einiges mitgemacht, was uns prägte, aber wir finden immer mehr zusammen. Die Pflanze unserer Liebe wird größer und stärker, weil wir sie pflegen und auf sie achten, da sie sehr kostbar ist.


Im April 2020 planten wir nach Marokko zu reisen. Seit Januar zählten wir die Tage dahin. Ab Ende Februar hörten wir auf zu zählen und waren sehr enttäuscht, dass es nicht klappt. Ein Sardinienurlaub im Sommer findet wohl auch nicht statt und die rund zweijährige Weltreise, in die wir im November starten wollten, müssen wir wohl verschieben. Das ist für uns sehr schmerzlich, aber ein Trost: Wir haben eine wundervolle, gemeinsame Zeit geschenkt bekommen, dafür sind wir sehr dankbar. Zwar immer mit etwas bitterem Beigeschmack, denn anderen Menschen geht es sehr schlecht – das wissen wir. Aber wenn man verliebt ist, sieht man nur sein eigenes Glück und genießt.
Christina und Marco heißen nicht wirklich so. Da sie anonym bleiben wollten, haben wir ihre Namen geändert. Ihre richtigen Namen sind der Redaktion bekannt.

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