Gysi am Rotteck - Mann, ist der süß!

Johanna Schoener

Gregor Gysi, das Sandmännchen, der Rinderzüchter, der Beckenbauer der Linken, der kleine Mann mit der großen Klappe. Bei "Nachgefragt", der Schüler-Talk-Show am Rotteck, ging es nicht nur um Politik, sondern auch ums Privatleben des Fraktionschefs der Linkspartei im Bundestag. Die Schüler Malte Siemers und Julian Jürgenmeyer löcherten ihren Stargast nicht nur mit Fragen, sondern animierten ihn auch zu Spielen à la "Zimmer frei". Johanna Schoener hat euch Gysis schönste Anekdoten und eine Fotogalerie mitgebracht.



"Mann, ist der klein", tuschelt einer im Publikum, der Gregor Gysi hinter den dunklen Laken, mit denen das vom Rest des Foyers abgetrennt ist, schon erspäht hat. 14.15 Uhr, Musik ertönt, die ehemaligen Planschbecken, aus denen das Podium gebaut wurde, fangen an zu leuchten. Malte Siemers (Foto unten: mitte) und Julian Jürgenmeyer (rechts), Zwölftklässler des Rotteck-Gymnasiums, betreten die Bühne und kündigen ihren Gast an: Gregor Gysi, Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag. Gysi lässt sich auf einen der drei blau-weißen Drehstühle plumsen. Im Magen hat er ein Rumpsteak, das er beim Mittagessen mit den Moderatoren-Schülern im "Grünen Baum" in Merzhausen verdrückt hat. "Ha'm denn hier alle keine Schule mehr oder was?", richtet er sich ans Publikum. Lacher und Applaus.



Thema Berlin, Gysis Heimat. "Der Kennedy-Satz 'Ich bin ein Berliner' trifft auf wenige Menschen so zu, wie auf Sie", eröffnet Julian das Gespräch. Der Politiker widerspricht nicht, im Gegenteil: "Berlin ist eine spannende große Stadt, warum hätte ich da weg gehen sollen?" Schnell ist er bei der deutschen Kleinstaaterei: "Deuschland kennt keine Hauptstadt, das ist ein Fehler", und dann schweift er ab, ist schließlich bei Bismarck, bei der Weimarer Republik. Da wird es Malte zu bunt. Der 15-Jährige fällt dem Politiker ins Wort: "Wir möchten gern mehr über Sie erfahren." Gysi bedauert: "Schade - ich würde lieber über Berlin reden." Malte: "Aber Sie sind der Stargast des Abends." Gysis blickt auf die Uhr und kontert trocken: "Wann beginnt denn hier der Abend?"   

Wie ist es, als Beckenbauer der Linken bezeichnet zu werden? Warum kehrt er immer wieder zurück auf die politische Bühne? Aufmerksamkeitsdrang oder Gefühl der Unersetzbarkeit? Meinung zu Schröder in der Elephantenrunde? Lieber Regierung oder Opposition? Naher Osten? Neoliberalismus? Marx? Kapitalismus? Die Schüler befragen Gysi quer durch sein Leben und durch das politische Zeitgeschehen. Er selbst antwortet noch querer zurück. Er redet über Schröder und Merkel, über die Wahlen von linken Präsidenten in Lateinamerika und über Bildung und Privatwirtschaft und und und. Sätze wie "Ich glaube nicht, dass Kapitalismus die letzte Antwort der Geschichte ist, weil Geld allein die Welt nicht regieren kann" und "Ich bin für Demokratie, deshalb muss die Politik über die Wirtschaft die Macht haben und nicht anders herum", fallen. Wenn er sich in Rage redet und sich dann besonders über den letzten pointierten Satz freut, lehnt er sich zurück, streckt die kurzen Beine aus, faltet die Hände über dem Bauch, macht eine halbe Drehung zum Publikum und guckt triumphierend.

"Das ist ja alles sehr interessant", sagt Malte ironisch. Wechsel vom Du zum Sie, verkomplizierte Satzbauten: Manchmal vergisst der Politiker, dass er hauptsächlich Schüler vor sich hat, die zum Teil zu tuscheln beginnen. "Wie kommst du eigentlich in die 12. Klasse, Malte?", frotzelt Gysi. Weiter geht's mit unterhaltsameren Aktivitäten. Gysi soll eine Sandmännchen-Folge synchronisieren. Mit knarziger Stimme, die Hände in den Hosentaschen vergraben, spricht er den Fuchs und sorgt für großes Gelächter. Danach geht es zur "Angreif-Bar", wo Gysi in fünf schwarzen Säckchen Gegenstände ertasten muss, die etwas mit seinem Leben zu tun haben. Ein Kuscheltier (der Frauenheld), ein goldenes Mikro (der begnadete Rhetoriker), ein Zollstock, bei 164,5 Zentimetern abgebrochen (der "zu kurz Geratene"), ein Beschwerdebrief an den Kulturminister, den er als Achtjähriger verfasst hat (der Querulant) und eine Schokolade mit Milkakuh (der Facharbeiter für Rinderzucht).  

15.45 Uhr, Gysi muss in einer halben Stunde an der Uni sein. Mit drei Flaschen Wein als Präsent und unter großem Applaus und Pfiffen wird er verabschiedet. Das Fazit der meisten Schüler: positiv. "Er ist sehr sympathisch, sehr eloquent, sehr souverän", findet Florian Faessler (18). Gudrun Kaiser (17) allerdings störte, dass "er sehr stark versucht hat, als Entertainer die Leute auf seine Seite zu ziehen." Bei den meisten scheint ihm das gelungen zu sein - spätestens als er mit dem "etwas schweinischen" Zitat seiner Großmutter ankam: "Mach dir nichts draus, dass du klein bist, Hauptsache in der Mitte passt's."

Foto-Galerie: (Bilder: Johanna Schoener)