Münster-Sanierung

Freiburger Münsterbaumeisterin: "Der Turmhelm bleibt gerüstfrei"

Anika Maldacker

Ab etwa 2024 wird am Freiburger Münsterturm wieder saniert – am Oktogon. Die Besucherplattform bleibt offen, sagt Anne-Christine Brehm, die seit einem Jahr Münsterbaumeisterin ist.

Im Juli vergangenes Jahr hat Anne-Christine Brehm als neue Münsterbaumeisterin das Zepter in der Münsterbauhütte übernommen. Seither wacht sie mit ihrem Team über die Sanierung des Freiburger Wahrzeichens. Derzeit plant sie mit der Restaurierung des Turmoktogons ab voraussichtlich 2024 ihre erste eigene große Baustelle. Anika Maldacker sprach mit Brehm über ihr erstes Jahr im Amt.

BZ: Frau Brehm, Sie sind nun etwas länger als ein Jahr im Amt. Wie ist Ihr Fazit?

Anne-Christine Brehm: Es ist eine große Herausforderung, aber eine spannende und schöne Aufgabe. Die Breite der Aufgaben ist enorm. Der Münsterbauverein ist vielschichtig und hat viele verschiedene Bereiche. Zudem ist das Münster als Bauwerk sehr groß und detailreich. Es hat viele Zierelemente, Aufbauten, kleine Türme. Genau das macht den Reiz und die Schönheit des Freiburger Münsters aus. Gleichzeitig macht es den Erhalt schwer. Es ist eine große Aufgabe, sich einen Überblick dazu zu verschaffen, welche Arbeiten zügig angegangen werden müssen und welche man zurückstellen kann. Aber ich habe große Unterstützung und Hilfe: ein super Team, das teils schon jahrzehntelang am Münster arbeitet.

BZ: Sie kommen aus Kandern, haben Großeltern aus Freiburg und kennen das Münster seit der Kindheit. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Bauwerk?

Anne-Christine Brehm: Ich war mit meiner Familie oft im Freiburger Münster, auch weil mein Vater so begeistert davon ist. Das hat mich angesteckt. Er hat mir zu allen Heiligen Geschichten erzählt. Vor allem das Böcklin-Kreuz, das älteste Kunstwerk des Münsters, hat ihn fasziniert. Damals hing es noch in der Kapelle und nicht wie heute über dem Altar. Mich hat das Gebäude an sich immer beeindruckt, vor allem die Glasfenster. Ein Highlight war, als ich mit meiner Doktorarbeit über den Baumeister Hans Niesenberger anfing und zum ersten Mal zu Forschungszwecken auf die Chorplattform durfte und unterhalb der Strebebögen entlangging. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt.

"Die Perspektive auf das Bauwerk hat sich verändert."

BZ: Durch Ihre Promotion über den spätgotischen Baumeister Niesenberger haben Sie das Münster als Forscherin kennengelernt. Nun sind Sie Münsterbaumeisterin. Was hat sich geändert?

Brehm: Als Forscherin fand ich es spannend, im Münster nach baulichen Spuren zu suchen. Ich habe mich damals gefragt, welche Spuren die Bauhandwerker hinterlassen, und was wir daraus lesen können. Nun gehe ich mit einem anderen Blick durchs Münster und denke: Da ist ein Schaden, das müssen wir ausbessern. Die Perspektive auf das Bauwerk hat sich verändert. Jetzt steht im Vordergrund, wo wir als Münsterbauhütte eingreifen müssen, um das Gebäude zu erhalten.
Anne Christine Brehm (42) ist seit Juli 2021 Freiburger Münsterbaumeisterin. Sie stammt aus Kandern-Feuerbach und war zuvor Leiterin Architektur und Hausforschung im Freilichtmuseum Ballenberg/Schweiz.

BZ: Nun blicken Sie auf mehr als 500 Jahre, die nach dem Thema Ihrer Promotion vergingen. Eine lange Zeitspanne.

Anne-Christine Brehm: In meiner Forschung habe ich den Blick auf die Zeit von 1471 bis 1491, in der Niesenberger Baumeister war, gerichtet. Jetzt habe ich auch die Jahrhunderte danach im Blick. Das ist interessant, weil am Münster seit dem Mittelalter ergänzt, ersetzt und gearbeitet wurde und wird. Man ist ein kleines Steinchen in der Restaurierungsgeschichte des Münsters.

"Das Oktogon ist sehr filigran gestaltet und dem Wetter stark ausgesetzt."

BZ: Am Turm steht voraussichtlich ab Ende 2024 eine Sanierung an. Wo genau?

Anne-Christine Brehm: 2006 bis 2018 ist die Spitze des Turms, die Maßwerkhelm-Pyramide restauriert worden. Diese Maßnahme ist abgeschlossen und bewährt sich. Jetzt müssen wir an den Bereich, der darunter liegt: das Oktogon. Das ist die Zone unter dem Helm und über dem Glockenstuhl. Das Oktogon ist sehr filigran gestaltet und dem Wetter stark ausgesetzt. Dort findet viel Verschleiß statt. Es besteht keine akute Gefahr, aber wir können keine zehn Jahre warten.

BZ: Bis wohin wird das Gerüst reichen?

Anne-Christine Brehm: Derzeit planen wir den Gerüstbau. Wir wollen am liebsten in Abschnitten sanieren. Das ist aber schwierig, denn dann kann das Gerüst nicht vom Boden aus aufgebaut werden, sondern muss zerstörungsfrei am Oktogon selbst befestigt werden. Dafür müssen wir die Statik berücksichtigen, und die ist am Oktogon nicht einfach. Der Turmhelm selbst bleibt gerüstfrei. Außerdem planen wir, dass die Besucherplattform offenbleibt. Die Freiburger mussten zwölf Jahre darauf verzichten, daher wollen wir das vermeiden. Die Baustelle am Oktogon wird sicher auch wieder Jahre andauern. Genaueres kann ich beim aktuellen Planungsstand noch nicht sagen.

"Steine aus dem Mittelalter müssen wir meist nicht ersetzen, sondern eher solche, die bereits ersetzt wurden."

BZ: Was muss konkret gemacht werden?

Anne-Christine Brehm: Die Dreiecksgiebel unterhalb des Turmhelms mit ihren auskragenden Blattwerkformen und die vielen schlanken Türmchen, die sich seitlich am Oktogon befinden, sind der Witterung stark ausgesetzt. Einige dieser Bauteile haben die Steinmetzinnen und Steinmetze bereits während der Turmhelmsanierung abgenommen, andere sind inzwischen mit Draht eingepackt, sodass nichts herunterfallen kann. Die Steine, die ein starkes Rissbild haben und nicht erhalten werden können, werden ausgebaut und in der Bauhütte kopiert. Die neuen Stücke werden wieder am Münster angebracht. Schäden, die man restaurieren kann, werden direkt am Oktogon bearbeitet. Etwa, indem Risse gefüllt werden. Steine aus dem Mittelalter müssen wir meist nicht ersetzen, sondern eher solche, die bereits ersetzt wurden. Das liegt einerseits am Material, aber auch an exponierten Stellen, die häufiger Sanierungen erfordern.

BZ: Was geschieht mit Steinen, die nicht wieder eingesetzt werden?

Anne-Christine Brehm: Mittelalterliche Steine bewahren wir auf. Einen Teil der Steine aus früheren Münster-Sanierungen verkaufen wir, um den Erlös wieder in den Bau zu stecken. Es gelangen aber nur gut dokumentierte und kopierte Stücke in den Verkauf, so dass kein Wissen verloren geht.

BZ: Wo gibt es die meisten Schäden?

Anne-Christine Brehm: An der Süd- und Westseite, da diese besonders stark der Witterung ausgesetzt sind. Extremwetterereignisse machen dem Sandstein am meisten zu schaffen.

"Die Münsterbauhütte wird die nächsten Jahrzehnte weiter Arbeit haben."

BZ: Was ist bisher das Hauptthema Ihrer Amtszeit?

Anne-Christine Brehm: Es gibt aktuell zwei Großbaustellen am Münster: Am Langhaus Nord und am Chor. Dort wird einer der Strebepfeileraufsätze komplett neu gearbeitet. Der Chor wird parallel zum Oktogon Baustelle bleiben. Die Schwierigkeit ist, verschiedene Baustellen zeitgleich zu organisieren. Die Langhaus-Nord-Sanierung begann vor 40 Jahren. Die Chorbaustelle wird während meiner Amtszeit sicher nicht mehr fertig werden – dazu ist sie zu aufwendig.

BZ: Welche Arbeiten werden in Ihrer Amtszeit voraussichtlich noch anstehen?

Anne-Christine Brehm: Der Hahnenturm Nord, also der Chorturm auf der Nordseite. Die Sanierung lässt sich noch etwas hinauszögern, aber in den nächsten Jahrzehnten wird sie nötig.

BZ: Am Münster geht es um zeitlich anspruchsvolle Dimensionen für einen Menschen. Wie gehen Sie damit um?

Anne-Christine Brehm: Man muss sich davon lösen, dass man die Sanierungen schnell beenden kann. Das musste ich auch lernen. Man muss in langen Zeiträumen denken und gut planen. Pro Jahr stecken wir ein Budget von über drei Millionen Euro in die Instandhaltung des Münsters. Die Münsterbauhütte wird die nächsten Jahrzehnte weiter Arbeit haben – das ist auch schön zu wissen.