fudder fragt nach

Eventmanager Daniel Schmitt: Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?

Anika Maldacker

Wie verbringen die Menschen in Freiburg die Krise? Was macht es mit ihnen und wie lenken sie sich ab? fudder fragt bei Studierenden, Sportlern und Gastromenschen nach. Folge 17: Eventmanager Daniel Schmitt.

Daniel, wie geht's dir?

Ich bin froh, im Moment noch ein Dach über dem Kopf zu haben. Aber ich bin auch wütend über das, was gerade passiert.

Wie hast du den Lockdown verbracht?

Unmittelbar nach Erlass des Veranstaltungsverbots habe ich Freiburg verlassen. Ich war mir nicht sicher, ob Freiburg eventuell zu einer Sperrzone erklärt wird und ich nicht mehr raus komme. Ich habe die Zeit bei meiner Familie in Rheinland-Pfalz verbracht. Ich habe versucht, mich mit Tontechnik und Software zu beschäftigen, die ich mir im Frühjahr zugelegt hatte, mich darin einzuarbeiten und meine Fähigkeiten zu verbessern.

Irgendwann habe ich angefangen, im Garten Gemüse und Kräuter anzupflanzen und zu recherchieren, was mir dort so an Insekten, anderen Tieren und Pflanzen ins Auge fiel. Das hat mir geholfen, den Stresslevel etwas zu senken.

Du hast vor dem Lockdown Partys, zum Beispiel im Harmonie Gewölbekeller, veranstaltet und hast als DJ gearbeitet. Beides kannst du gerade kaum umsetzen. Was machst du stattdessen?

Ich betreibe einen DJ-Service für Veranstaltungen aller Art, bin aber auch als Veranstalter im Clubbereich tätig gewesen. Anfang August bis Mitte September konnte ich zum Glück noch ein paar übrig gebliebene private Feiern durchführen.
Leider herrscht jetzt wieder Flaute.
Zur Person:

Daniel Schmitt, 39 Jahre, veranstaltet in Freiburg seit mehr als zehn Jahren Club-Partys von Mainstream-Veranstaltungen wie der 90er-Party in der Harmonie bis zum Drum&Bass-Rave mit internationalen DJs. Daneben betreibt er seit zwei Jahren einen DJ-Service mit Schwerpunkt auf Privatfeiern wie Hochzeiten, aber auch Firmenfeiern. Die Leistungen umfassen DJ-Bookings und Technikverleih. Bis Anfang März 2020 war Schmitt hauptberuflich als Veranstalter und DJ tätig. Als DJ kennt man ihn unter dem Namen Rusty.

Daniel Schmitts DJ-Service: Website

Wie war das, als du realisiert hast, dass du erst einmal keine Partys mehr veranstalten kannst?

Ich habe bereits Ende Januar vermutet, dass ich mit dieser Situation rechnen muss. Daher hat es mich nicht überrascht. Meine letzte Veranstaltung hatte ich am 12. März. An dem Tag hatte ich bereits angefangen, meinen Plakatierkeller zu putzen und Veranstaltungstechnik einzulagern. Am Folgetag wurde dann ein allgemeines Veranstaltungsverbot ausgerufen.

Wie bist du mit der Krise zurechtgekommen?

Die Krise ist nicht vorbei. Wir befinden uns mittendrin. Meine Familie gibt mir Rückhalt. Ich habe Menschen um mich, die voll hinter mir stehen und die sich auch auf mich verlassen können.

Wird die Party- und Clubszene die Corona-Pandemie überleben?

Offensichtlich spielt diese Szene keine Rolle in der Politik. Ich denke, dass viele Veranstaltungsorte, insbesondere diejenigen, die keine Fördergelder erhalten und nicht bereits mit der Politik und den Kulturämtern vernetzt waren, verloren gehen werden.
Die Musik und die Subkultur als solche wird aus meiner Sicht nicht völlig verschwinden. Egal, was passieren wird. Die Leute werden irgendwann aus dem Untergrund heraus agieren. Man sieht ja in Frankreich oder auch Großbritannien, dass trotz allem illegale Raves stattfinden.
Ich hielte es für sinnvoller, den bestehenden Clubs wieder die Möglichkeit zu eröffnen, Partys durchzuführen. Diese bieten wenigstens einen sichereren Rahmen mit Security und gegebenenfalls einer Kontaktnachverfolgung und so weiter an. In Basel gibt es seit Monaten wieder Clubbetrieb.

Tut die Politik genug für das Nachtleben in der Corona-Krise?

Absolut nicht! Eine ganze Branche wurde auf Null gefahren, um die Gemeinschaft zu schützen. Wo ist die Solidarität für die Leute, die zum Schutz anderer vor dem Aus ihrer Existenz stehen? Ich habe eine Karikatur gesehen, in der ein Cocktailschirmchen als Rettungsschirm für die Clubs vorgestellt wurde. Das trifft es auf den Punkt. Viele Betroffene fühlen sich verhöhnt.

Interessiert sich die Gesellschaft genug für die Situation der Veranstalter?

Meiner Meinung nach fehlt nicht nur das Interesse an der Situation der Veranstalter, sondern generell an allen betroffenen Berufsgruppen. Ich habe mit einigen Selbstständigen in den letzten Wochen gesprochen. Neben der Angst, das eigene Geschäft zu verlieren und sich zu verschulden, wird man mit Aussagen konfrontiert wie: "Mit der Soforthilfe kannst Du einen schönen Urlaub machen" , "Jetzt bekommst Du auch was vom Kuchen ab" oder "Wenn Du wieder eine Veranstaltung machst, werf ich Dir auch extra was ins Partykässchen".
Ich finanziere aus diesem "Partykässchen" meine Wohnung, meine Krankenversicherung und zahle davon Steuern. Einigen scheint der Ernst der Lage nicht klar zu sein und dass sie bisher einfach nur das Glück hatten nicht betroffen zu sein. Natürlich gibt es auch eine Menge Menschen, die sich der Situation bewusst sind. Der Corona-Rabatt meiner Friseurin aus Solidarität mit mir hat für mich einen höheren Stellenwert als die staatliche Soforthilfe.

Wie ist deine finanzielle Situation?

Die Luft wird dünner. Fast mein gesamtes Jahreseinkommen wurde vernichtet. Die meisten Aufträge wurden gecancelt. Mittlerweile habe ich über 70 geplante Veranstaltungen, die im März schon standen, verloren. Darunter fallen öffentliche Partys, Hochzeiten, Geburtstage, Firmenfeiern, Promotion-Events wie der Mega-Samstag, aber auch Fasnachtsveranstaltungen im nächsten Jahr. Folgeaufträge und Kundenkontakte habe ich dadurch ebenfalls eingebüßt. Von daher kann ich den Gesamtschaden mittlerweile nicht mehr beziffern. Jetzt ginge eigentlich die Clubsaison wieder los. Wir haben durchkalkuliert, ob wir Sitz-Disko-Veranstaltungen als Ersatz an den Start bringen können. Aber unter den Auflagen ist das nicht wirtschaftlich durchzuführen. Fördermittel erhalten wir keine. Meine Hoffnung lag auf privaten Feiern.
Allerdings sind die Leute dermaßen verunsichert wegen der ständig wechselnden Verordnungen, dass Planungssicherheit nicht mehr gegeben ist.
fudder fragt nach
fudder möchte in dieser Serie junge Menschen aus Freiburg und der Region vorstellen und sie fragen, wie es ihnen in der Krise geht. Dabei möchte die Redaktion einen Querschnitt der Gesellschaft zeigen. Seit Mai stellen wir regelmäßig eine Folge von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?" online.

Übersicht: Alle Folgen von "Wie geht’s und wie geht’s jetzt weiter?"

Hast du die Corona-Soforthilfe bekommen?

Ich habe Mitte Mai einen Antrag gestellt. Den Betrag habe ich erhalten. Allerdings ging allein ein Viertel für meine Veranstalterhaftpflichtversicherung drauf. Die Soforthilfe hat nicht mal die elementarsten Lebenshaltungskosten abgedeckt für drei Monate. Von Mitte März bis August hatte ich einen totalen Einkommensausfall. Das wird sich nun fortsetzen. Bei der zweiten Coronahilfe habe ich wie viele andere auch keinen Antrag mehr gestellt. Ich habe versucht einen Steuerberater aufzutreiben, da der zweite Antrag nur über einen solchen einreichbar war. Allerdings schlägt sich keine Kanzlei um Soforthilfe-Neukunden.
Nach langem Hin- und Her habe ich jemanden über die Steuerberaterkammer gefunden. Allerdings meinte dieser Berater, dass ich mit 600 bis 800 Euro Eigenbeteiligung zu rechnen hätte. Er konnte mir auch keine Auskunft zu dem fiktiven Unternehmerlohn, der für die meisten Solo-Selbstständigen in Baden-Württemberg die eigentlich relevante Hilfe ist, geben. Mir wurde gesagt ich solle ihn informieren, wenn ich was erfahren würde.
Nach meiner Abwägung kam ich zu dem Schluss, dass die Kosten und das Risiko einer Rückzahlung höher sind als der Nutzen.
Mittlerweile haben diverse Unternehmer Rückzahlungsaufforderungen erhalten. Ein Gastronom aus meinem persönlichen Umfeld hatte im März, April und Mai massive finanzielle Verluste. Im Juni hat er es mit aller Kraft geschafft wieder etwas ins Plus zu kommen. In der Folge musste er den kompletten Betrag seiner Soforthilfe zurückzahlen.

Wie hast du den Sommer verbracht?

Ich bin Ende Juli wieder nach Freiburg gekommen um den letzten verbliebenen Rest meiner Veranstaltungen abzuarbeiten. Ansonsten habe ich mich viel mit Freunden und Kollegen getroffen. Zwischenzeitig habe ich ein tägliches Frühstück mit einem betroffenen DJ-Kumpel abgehalten, sozusagen eine DJ-und-Veranstalter-Selbsthilfegruppe.

Wann rechnest du mit der ersten Party nach dem Lockdown?

Das kann ich bei bestem Willen nicht abschätzen. Mittlerweile schließe ich nichts mehr aus. Ich denke für diejenigen, die über größere Flächen verfügen, geht es nun wieder los in Form von reduzierten Kapazitäten und Sitzplatzzuweisung. Gleiches gilt für die, die an Fördergelder rankommen. Da ich zu keiner dieser Gruppen gehöre, wird es wohl sehr lange dauern, wenn die aktuell geltenden Verordnungen nicht aufgehoben werden.

Wie geht es nun für dich weiter?

Ich habe 25 Jahre Veranstaltungen organisiert, Musik gemacht und Menschen zusammen gebracht. Es ist unfassbar bitter für mich das Geschehen mit ansehen zu müssen. Ich versuche mental und körperlich fit zu bleiben, werde mehr auf meine Ernährung achten und wieder Sport machen in der Hoffnung, dass es irgendwann weiter geht.