Erfahrungsbericht

Ein Jahr Studium, ohne die Uni je betreten zu haben

Greta Zieger

Wie kommt man in einer fremden Stadt zu Corona-Zeiten an? Wo findet man Freunde, wenn alles digital abläuft? Die 21-jährige Greta Zieger berichtet über ihre Erfahrungen als Studienanfängerin in Freiburg während einer Pandemie.

"Wie, du warst noch nie in der Uni?" - Immer die gleiche Reaktion, wenn ich von meinen ersten Online-Semestern an der Uni Freiburg berichte. Dieses Mal ist es in meiner Heimat Aachen, dieses Mal sind es die Nachbarn. Nachdem sie sich wieder erinnern, dass ich inzwischen in Freiburg studiere, erzählen sie mir freudig, dass sie selbst vor einigen Jahrzehnten dort gelebt haben. Wie ich den Campus fände, fragen sie? Ich zucke mit den Schultern, erkläre wieso - und prompt kommt die erstaunte Frage. Unwillen steigt in mir auf. Das Mitleid in der Betonung, der erschrockene Blick, wenn ich erkläre: "Ich war noch nie in einem Hörsaal" – es nervt mich. Ich bin eben "Corona-Ersti", wie alle Studierenden, die seit dem Sommersemester 2020 ihr Studium begonnen haben. Einige waren in Seminarräumen oder Hörsälen – für ein Tutorium oder eine Klausur. Ich noch nie. Damit bin ich nicht allein. Für mich ist das meine ganz eigene Normalität.

Am 18. Oktober beginnt mein drittes Semester. Zumindest für einen Teil der Veranstaltungen ist Präsenz geplant. Meine Hoffnung zwischen Homer und Aristoteles ins KG I zu schreiten, ist groß. Ich will endlich richtig studieren. Aber tue ich das nicht schon? Inzwischen laufe ich wie selbstverständlich über den Campus, zur Mensa, zum Café Senkrecht oder in die Bibliothek. Im Oktober 2020 hätte mir das schon gereicht. Es fehlt nur noch die Präsenz-Lehre.

Zu Beginn meines Studiums befand sich das ganze Land mitten in der Pandemie. Es war nur natürlich, dass die Ersti-Woche nicht so möglich war wie geplant. Ich fand das in Ordnung. Trotzdem bleibt der Mythos "Ersti-Woche" im Kopf: Wilde Partys, Kneipentouren, die Ersti-Hütte, Stadtrallys. Alle erzählen davon: meine großen Schwestern, Bekannte, die Fachschaft. Aber ich habe das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Die Online-Abende in meiner Ersti-Woche mit unangenehm schweigsamen Breakout-Rooms oder der digitalen Kneipentour als Powerpoint-Präsentation haben mich nicht so ganz überzeugt. Damit will ich die Mühen der Fachschaft nicht kleinreden. Fast alle meiner Freunde traf ich aber bei über WhatsApp geplanten Treffen.

Der Seepark wurde dabei zum Standard-Treff. Irgendwer schrieb in eine Gruppe, ob jemand Lust hätte, sich dort zu treffen und dann kamen mal drei, mal zwanzig Leute vorbei. Manche brachten Bier mit, andere nicht, wir unterhielten uns oder spielten Flunky Ball. Es ging nicht darum, Party zu machen, sondern darum, sich kennenzulernen und abseits der Kamera zu sehen. Ob das so legal war – ich weiß es nicht. Für mich war es okay, ich lebte allein und riskierte niemanden. Mir war es wichtiger, Leute kennenzulernen. Das galt nicht nur für die Ersti-Woche, sondern auch für danach. Es kann sehr einsam sein, in eine Stadt zu ziehen, wo man kaum jemanden kennt. Jemanden über WhatsApp anzuschreiben oder auf der Straße anzuquatschen, weil ich die Person aus einer Vorlesung kannte, fand ich also nicht komisch, sondern normal. Letztendlich suchten wir als Studienanfänger doch alle den Kontakt.

Nicht so förderlich für mein Ankommen war, dass ich im Oktober in eine Ein-Zimmer-Wohnung gezogen war. Mit der Wohnungssuche hatte ich spät begonnen und obwohl ich eine WG gesucht habe, war ich einfach froh, überhaupt etwas gefunden zu haben. Dass das sehr einsam sein kann, wurde mir schnell bewusst: Am Samstag nach der Ersti-Woche musste ich in Quarantäne. In meinem Zimmer stand nur mein Koffer, eine Luftmatratze und eine Schreibtischlampe als einzige Lichtquelle, wenn es dunkel wurde. Der Nachbar schenkte mir noch einen Nachttisch, die Nachbarin lieh mir einen Gartenstuhl. Bekannte aus der Ersti-Woche und meine Vermieterin erklärten sich bereit, für mich einkaufen zu gehen. Das festigt manche Freundschaft, wenn man sich gegenseitig versorgt.

Aber auch nach der Quarantäne fiel es mir schwer, mich Zuhause zu fühlen. Ich fühlte mich wie eine Fremde. Bis auf die Uni, den Seepark und die Wohnungen von ein paar Freunden kannte ich nichts. Für jeden Weg schmiss ich das Navi an. Und auch die Uni schien anonym. Ich weiß nicht, ob es einen Unterschied gemacht hätte, wenn es in Präsenz gewesen wäre. Aber bei der Online-Uni fühlte ich mich oft, als sei ich die Einzige, die ein wenig überfordert ist. Oft genug fühlte ich mich dumm wie Brot. Wenn ich mit jemanden darüber redete, bemerkte ich oft, dass ich nicht alleine damit war. Allein in meinem Zimmer vergaß ich das aber oft.

Dabei lief die Uni im ersten Semester ganz gut. Es war viel, aber die Kurse, die ich wählte, interessierten mich. Die digitale Lehre bereitete nur wenig Schwierigkeiten. Im zweiten Semester dagegen war eine gesamte Vorlesung kaum zu verstehen, weil es immer Probleme mit dem Ton gab. Und auch meine Motivation ließ nach. Es fiel mir schwer, mich an den Computer zu setzen und mir Folien anzuschauen, die später genauso gut auf mich warten würden. Umso lockerer die Maßnahmen wurden, desto weniger verstand ich, warum Präsenz-Lehre nicht möglich sein sollte. Das aussichtslose Online-Format, an dem scheinbar niemand etwas ändern wollte, entmutigte mich zeitweise sehr. Im Sommer konnte man dann immerhin die Stadt und das Umland erkunden. Vor allem im Winter-Lockdown schlug die Online-Uni aber ordentlich auf die Stimmung.

Als danach die Impfungen begannen und wir Studierenden ganz hinten auf der Warteliste standen, merkte ich zum ersten Mal leichte Zweifel in mir aufkommen. Bisher hatte ich die Maßnahmen akzeptiert und kein Problem gehabt, mich zum Wohle aller Beteiligten zurückzunehmen. Da meistens alle immer nur über die Schule redeten und nie über die Uni, fühlte ich mich das erste und letzte Mal vergessen. Ich weiß noch, wie ich mit zwei Freundinnen darüber redete. Sie hatten für meine Zweifel nur bedingt Verständnis. Schließlich seien Kinder durch Corona in vielen Entwicklungen eingeschränkt und nicht jeder könne gleich geimpft werden. Sie hatten recht. Es kann schnell passieren, dass man sich als Opfer sieht. Das heißt aber nicht, dass es stimmt. Corona belastet jeden.

Gegen schlechte Stimmung halfen Lerngruppen. Parallel verfestigten sich Bekanntschaften zu sehr guten Freunden. Leute zu finden, mit denen man sich austauschen oder, wenn nötig, auch mal ablenken kann, war und ist die beste Stütze.

Wie gut das gelingt, kommt aber auch auf die Kommilitonen an. Alle meine Freunde kenne ich aus einem meiner zwei Studienfächer. Ich glaube, ich hatte Glück, in meinem Studiengang auf viele offene Menschen zu stoßen. Trotzdem laufe ich immer noch an vielen aus meinem Studiengang vorbei, ohne sie zu erkennen. Jetzt bin ich gut angekommen, aber in den Winter-Monaten fühlte ich mich ziemlich einsam. Um Neujahr verbrachte ich zwei Monate bei meiner Familie. Mir war meine Freiburger Wohnung zu leise.

Besser wurde das im Frühjahr. Ich zog in eine WG und die Maßnahmen wurden gelockert. Das begann, ganz banal, mit der Eröffnung der Bibliothek gegen März. Wir trafen uns regelmäßig, büffelten gemeinsam und gingen in den Pausen in die Mensa. Da bekam ich das Gefühl, Studentin zu sein. Ich lief jetzt über den Campus – so wie ich mir das vorgestellt hatte, in kleinen Grüppchen schwatzend. Zusätzlich öffneten Eisdielen und Cafés. Abends machten Bars wieder auf, die ersten großen Treffen der Studiengänge wurden vereinbart; dann die ersten Konzerte, Museumsbesuche, Wanderungen, warme Tage am See. Freunde aus der Heimat besuchten mich und ich konnte ihnen wirklich etwas zeigen. Letztens war ich das erste Mal in einem Club in Freiburg. Im Frühling fiel eine Last von mir ab, von der ich vorher nichts wusste. Auch wenn ich inzwischen sehr gute Freunde gefunden hatte - es war ein komisches Gefühl gewesen, die Stadt, in der ich lebe, so wenig zu kennen.

Ich weiß nicht, ob Präsenz-Lehre so viel ändern wird. Klar, dann lerne ich noch mehr Leute kennen und höre die Vorträge in echt. Aber ich fühle mich inzwischen angekommen. Vielleicht werde ich aber zum aufgeregten Ersti mutieren. Schließlich kenne ich bisher die Uni nur so: Folien und Online-Vorträge. In Präsenz kann man nicht mehr auf Pause drücken, auf "schneller" oder zurückspulen. Trotzdem wünsche ich mir, einfach mal in die Uni zu gehen. Das soll meine Normalität werden.