Uni Freiburg

Digitales Semester 2020: Wie war’s und wie solls werden?

Sarah Rondot

Das erste digitale Semester an der Uni Freiburg geht zu Ende. Was lief gut, was nicht? Und wie soll es weitergehen? fudder-Mitarbeiterin Sarah Rondot hat bei Studierenden, Dozierenden und Professoren nachgefragt.

Das Sommersemester 2020 in Freiburg geht zu Ende. Es war ein durchgängig digitales Semester und auch das Wintersemester 2020/21 wird laut Informationen der Universität für die meisten Studierenden überwiegend digital stattfinden.

Voraussichtlich sollen Erst- und Zweitsemester Studierenden zweimal wöchentlich in die Uni gehen können. Doch wie hat das digitale Sommersemester geklappt? Wie hat es sich angefühlt und was waren besondere Herausforderungen? fudder hat mit Studierenden, Dozierenden und Professoren gesprochen, wie sie die Situation erlebt haben und wie sie sich das Wintersemester wünschen würden.

Wie war’s?

Die meisten Befragten finden: "Wir kamen besser zurecht als erwartet." Germanistik Student Marcus Brock sagt zum Beispiel, dass er noch nie so viel aus den Vorlesungen mitgenommen habe wie in diesem Semester. Die meisten sind sich einig, durch die digitale Inhalte flexibler zu lernen. "Man kann das Tempo erhöhen oder die Vorlesung anhalten, das ist praktisch", findet Peter Horstkotte, der Jura im zweiten Semester studiert.

"Die Bibliotheken schließen früh und nur die UB hat samstags offen, sonntags ist dann alles geschlossen." Amrei Schmidt, VWL-Studentin

Theologie- und Lateinstudentin Magdalena Fries hat sich gefreut, wie viel Mühe sich einige Professoren bei den Vorlesungen gemacht haben. "Einer hat sogar Orgel-Musik eingespielt!" Die Lehrenden zeigen sich sehr zufrieden, wie positiv und aktiv die Studierenden mit digitalen Angeboten umgegangen sind. Steffen Minter, Akademischer Oberrat und Dozent der Mathematik für Wirtschaftswissenschaftler, Mikroökonomik und Spieltheorie war positiv überrascht, "dass Inhalte wieder stärker eigenständig mit Hilfe von Lehrbüchern und ergänzender Literatur erarbeitet werden." Auch Cita Wetterich, M.A Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Master- und Lehramtskoordination Seminar für wissenschaftliche Politik findet, dass die Studierenden sehr gut mit den digitalen Formaten und auch persönlichen Herausforderungen umgegangen sind.

Negativ: Keine Interaktion, keine sozialen Kontakte

Dennoch haben die Befragten das digitale Semester nicht als durchweg positiv erlebt. BWL-Studentin Sophia Winkel fand es nicht gut, dass in ihrem Studienfach alle Inhalte aufgezeichnet waren, interaktive Tutorate oder Lerngruppen gab es nicht. Sie findet: "Es anstrengend, ewig vorm Laptop zu sitzen und vor allem hat mir die Interaktion gefehlt." Fragen von Studierenden oder Einwände habe es bei diesen Formaten nicht gegeben. Sie ergänzt: "Interaktion finde ich sehr wichtig, sie macht die Vorlesung nicht nur unterhaltsamer, sondern regt auch zum Nachdenken an!"

VWL-Studentin Marie-Sophie Dinsel ergänzt: "Es gibt kaum persönliche Interaktionen, Feedback oder Betreuung." Dieses Semester habe sie sogar von ihrem Fach entfremdet, weil es keinerlei sozialen Bezugspunkte gab. Amrei Schmidt, die ebenfalls VWL studiert, ist unzufrieden mit den beschränkten Öffnungszeiten der Bibliotheken: "Sie schließen früh und nur die UB hat samstags offen, sonntags ist dann alles geschlossen." Das stellt viele Studierenden vor allem in der Klausurenphase vor die Schwierigkeit, einen guten Ort zum Lernen zu finden.

Hoher Aufwand, keine Exkursionen

Student der Geowissenschaften Dennis Wölbert findet es enttäuschend, dass keine richtigen Exkursionen stattfinden können, nicht mal mit 20 Leuten. "Für Naturwissenschaften ist es einfach sehr essenziell, im Feld zu arbeiten." Da sieht er keine Verhältnismäßigkeit: "Die Leute fahren doch auch in den Urlaub!" Biologie Student Felix Niederberger kritisiert, dass der Arbeitsaufwand in diesem Semester deutlich höher war und manche Dozenten "einfach unglaublich unversiert in den digitalen Medien" waren.

Auch die Lehrpersonen sehen bei der Durchführung nicht alles rosarot. Cita Wetterich findet, "dass viele Beschlüsse getroffen wurden und dann umgesetzt werden mussten, ohne darauf einzugehen, dass dies mit erheblichem Mehraufwand verbunden ist." Sie betont, dass viele Lehrende selbst Kinder hätten, zur Risikogruppe gehörten oder krank waren. Wetterich ergänzt: "Das hat viele Lehrpersonen – mich eingeschlossen – an die Belastungsgrenze geführt."

Einer Fremdsprachendozentin des ZfS fehlte die schnelle gezielte Unterstützung des Rechenzentrums, sie spricht von einem riesigen Aufwand und Zeitdruck. Steffen Minter bezeichnet den Umstieg auf digitale Lehre auch dadurch als herausfordernd, dass digitale Strukturen davor zum Großteil gefehlt haben.

Das gemeinsame Unileben fehlt am meisten

Lehrende und Studierende sind sich einig: Am meisten hat die soziale Interaktion gefehlt. Dr. Marcus Obrecht, Professor der politischen Theorie, erklärt, "dass die Apparaturen zunächst eine Hürde aufbauen, die überwunden werden muss, was nie vollständig gelingt." Und er umschreibt: "Das aktive Miteinander denken lässt sich digital nicht reproduzieren." Marie-Sophie Dinsel sieht ihr Sozialleben jetzt zunehmend unabhängig von der Uni. "In vorherigen Semestern ging ich gemeinsam mit meinen Freunden in die Vorlesungen, zur Mensa, in die UB und dann noch einen Kaffee trinken im Café Senkrecht." Das alles fällt jetzt weg.

Alle Befragten haben das gemeinsame Unileben dieses Semester vermisst. Zum Studieren gehört eben nicht nur der Inhalt der Vorlesung, sondern das aktive Unileben auf dem Campus, wo Studierende und Lehrende sich begegnen und austauschen.

Wie soll es im Wintersemester weitergehen?

Die meisten Studierenden sind von der Ankündigung, dass für alle ab dem dritten Semester das Wintersemester überwiegend digital ablaufen soll, nicht begeistert. Amrei Schmidt findet: "Es erfordert natürlich Organisation und Aufwand, Konzepte zu entwickeln, die eine eingeschränkte Präsenzlehre im Wintersemester ermöglichen, aber dieser Aufwand ist sehr wichtig." Das sieht VWL Dozent Minter genauso, der sich eine "intelligente Kombination aus Präsenz- und Onlinelehre" wünscht.

Sophia Winkel ist der Meinung, dass vor allem kleinere Kurse stattfinden sollten. Magdalena Fries findet, dass in Seminaren mit sieben Leuten die Online-Lehre keinen Sinn macht. "Die Kommunikation funktioniert viel besser, wenn man sich wirklich in die Augen gucken kann!" Biologiestudent Felix Niederberger stimmt ihr zu: "Ich würde, wenn ich es mir aussuchen könnte vor allem die Übungen und Tutorate in Biologie nicht online stattfinden lassen oder in anderen, besser geplanten Formaten als bisher. Die Vorlesung würde ich am liebsten offline und online angeboten bekommen, dann würden sowieso nicht so viele Studierende in den Hörsaal kommen." Und auch die Fremdsprachendozentin findet, dass es unbedingt persönlichen Kontakt braucht. Die Befragten sind sich einig, dass zumindest kleinere Formate in Präsenz stattfinden sollten. Eine zusätzliche digitale Übertragung schließt sich dabei nicht aus.

"Die Kommunikation funktioniert viel besser, wenn man sich wirklich in die Augen gucken kann!" Theologie- und Lateinstudentin Magdalena Fries
Amrei Schmidt bringt ihre Wünsche bezüglich des Wintersemesters auf den Punkt. Sie findet, dass ohne Präsenzlehre der ganze Universitätscharakter zu Grunde geht und das dann schon für zwei Semester. Es sei etwas anderes, ob man sich von aufgenommenen Vorlesungen berieseln lasse oder Dinge im Austausch mit Kommilitonen direkt hinterfragen könne. "Wenn der Austausch sich auf ein Internetforum beschränkt, kann man das nicht mehr wirklich eine interaktive akademische Ausbildung nennen."

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