Die letzte Probe von Mighty And The Jets

Johanna Berger

"No Choice But Leaving" heißt ein Song von Mighty And The Jets. Weggehen, das ist gerade ein Thema bei der Indie/Brit-Rock Band: Gitarrist Romain Souveton verlässt die Band. Ortstermin bei der letzten gemeinsamen Probe im Proberaum in Kollnau - mit reichlich Gedanken über Umbesetzungen und Bandkultur in Freiburg.



„Spiel das nochmal!“ Sänger Bernd Brand ist an diesem Nachmittag nicht zufrieden mit den Akkorden von Gitarrist Romain Souveton. Der spielt noch mal, und noch mal, und noch mal, irgendwann passt's - fast zumindest. „Ja genau so, nur ein bisschen langsamer!", sagt Bernd, der über sich selbst sagt "Ich bin zu schlecht zum Gitarre spielen."  In Bernds Kopf ist der Song, an dem seine Band Mighty And The Jets gerade arbeitet, schon längst ein Hit.

Waldkirch-Kollnau, rund zwanzig Minuten Autofahrt von Freiburg Richtung Elztal. Im Keller eines altes Autogewerbes, geht es nicht um Maschinen, um Kommerz, hier werden Songs geschrieben. Eine Menge Songs, denn, hier sind 30 Proberäume untergebracht.Eine der vielen Bands, die hier Musik macht, sind die Mightys. Sänger  Bernd Brand, Bassist Alexander Goebel, Gitarrist  Romain Souveton und Schlagzeuger Florian Reisch sind zwischen 26 und 31 Jahre alt und allesamt berufstätig. "Aber leider keine Rockstars“, wie Alex sagt; nur Schlagzeuger Flo lebt von der Musik. Alex ist Ingenieur und arbeitet in Ludwigshafen; er pendelt etwa alle zwei Wochen zum Proben nach Südbaden.

Heute ist kein normaler Tag für die Band. Es ist die allerletzte Probe in dieser Besetzung, einmal wollen sie noch gemeinsam Spaß haben. Romain verlässt die Band. Das einzige musikähnliche Geräusch, das der Gitarrist in Zukunft hören wird, wird das Läuten der Schulglocke sein, seine Bühne das Klassenzimmer. Romain tritt südwestlich von Stuttgart sein Referendariat als Lehrer an, deshalb der Ausstieg aus der Band. Obwohl es ihm große Freude macht, mit anderen Menschen Musik zu machen. Obwohl Sänger Bernd Band-Umbesetzungen wie die Pest hasst. "In den nächsten zwölf Monaten kommt da nichts mehr“, sagt Romain.



Die Band sitzt auf einem Sofa im Proberaum, über ihnen eine grüne Leuchtstoffröhre, daneben ein Kasten Bier und ein improvisierter Tisch, eine Konstruktion aus einem alten Instrumentenkoffer der amerikanischen Gitarrenmanufaktur Carvin. Darauf ein Aschenbecher, eine Rolle Klopapier und das eigene Album. „Quick And Dirty“ hat die Band 2013 in München aufgenommen. Dort ist der Musikverlag InBloom Publishings, bei dem die Band unter Vertrag ist.

Die Mightys kennen Mitgliederwechsel und Proberaumwechsel seit ihrer Gründung 2012. Zwei Wechsel gab es innerhalb der Band. Ihre  Musikinstrumente lagerten schon im E-Werk, im alten Güterbahnhof und schließlich hier, in Waldkirch-Kollnau. Ob sie darauf hoffen, dass Bob Dylan mal vorbeischaut? Angeblich soll Robert Zimmerman, wie Dylan mit bürgerlichem Namen heißt, im beschaulichen Waldkirch Verwandte gehabt haben. Sie teilen sich den Proberaum mit einer anderen Band, um Mietkosten zu sparen.

Die Songs von Mighty And The Jets entstehen in Bernds Kopf. Er schreibt die Texte und bringt  Ideen in den Proberaum. Seine Bandkollegen machen sich dann ans arrangieren - "meist interessanter, als ich es mir ausgemalt habe". Doch diesmal ist der Mann hinter dem Mikrofon nicht ganz zufrieden mit der Umsetzung des Songs der gerade entsteht. „Naja egal, ist ja auch nicht mehr wichtig“, sagt er.

Mit Romains Ausstieg hat sich die Band auf die Suche nach einem geeigneten Gitarristen gemacht. Über die Musikerinitiative „Multicore“, soziale Netzwerke und die eigene Website.

"Hallo potentielles zukünftiges Bandmitglied. Mighty And The Jets suchen einen (1), eventuell auch zwei (2) neue Gitarristen, gerne auch zu Backing-Vocals befähigt. Wir machen straighten Indie-Rock mit Melodie. Strokes, Fender und Vintage sind Stichwörter, die dich wunschig machen sollten."


Das war schwieriger, als gedacht. „Es ist nicht mehr cool, in einer Band zu spielen", sagt Bernd. "Es ist jetzt cooler DJ zu sein.“ Er findet, dass der Enthusiasmus Bands gegenüber in Freiburg besonders gering sei.



"In Freiburg haben die Leute keine Lust, mal drei Euro Eintritt für ein Konzert zu bezahlen", sagt Bernd. Und wenn sie es dann doch tun, stünden sie mit einem Bier in der Ecke und redeten, statt zuzuhören. Bloß nicht tanzen sei die Devise. Die Bandmitglieder fachsimpeln darüber, woran es liegt, dass so wenig Leute Lust haben, Musik zu machen oder Musik anzuschauen. Liegt es an einem Zuviel an Lebensqualität? Am Selbstverständnis der Stadt? "Zuviel Nebenkriegsschauplätze. Zuviel Lebensqualität, als dass man Musik machen will, weil man sonst nichts hat", ist Bernd sich sicher.

In einer Band zu sein, sei zudem aufwendig. "Das kostet sehr viel Zeit und Energie", sagt Bassist Alex. "In der heutigen Gesellschaft will man kurzfristige Erfolge erzielen." Ob das auch an der Region liegt, in der man lebt? "Klar", stimmt Romain zu. Woran kann das liegen? "Ganz viel Wald", meint Bernd. Doch in einer Band sein, das habe auch Vorteile. "Man kann seinen Enkeln später sagen: 'Ich war in einer Band, ich hab‘ nicht World of Warcraft gezockt'", sagt Alex.

Trotz aller Widrigkeiten wollen die Mightys weitermachen, gemeinsam musizieren. Ein neuer Gitarrist ist auch irgendwie schon in Sicht. Ein ehemaliger Bandkollege von Alex wohnt mit einem Gitarristen zusammen, der zur Band passen könnte. Und er hat Lust, mitzumachen. Damit der Neue die Griffe einfach lernen kann, wird Romain beim Gitarrenspiel gefilmt. Was wohl dabei herauskommt, wenn seine Kreativität auf die Ideen von Bernd und den Sound von Alex und Flo trifft?

Mighty & The Jets - Heavy Sea

Quelle: YouTube
 

Die Autorin


Johanna Berger (20) studiert Frankomedia an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen (ZfS) hat sie im Wintersemester an einem Berufsfeldorientierte Kompetenzen (BOK)-Kurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die Redakteurinnen Alexandra Röderer und Carolin Buchheim angeboten haben. Im Rahmen dieses Kurses hat sie diese Reportage konzipiert, recherchiert und geschrieben.

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