fudder-Interview

Die Freiburger All-Female-Band The Klitters: "Wir sind alle Krawallbarbies"

Laura Wallenfels

The Klitters ist eine vierköpfige All-Female-Punkband aus Freiburg. fudder-Mitarbeiterin Laura Wallenfels hat mit Furious, The Babe, Mono und Karry über ihre Musik, Sexismus und das Bandleben in Zeiten Coronas geredet.

Das Interview findet auf einer Dachterrasse in der Wiehre statt. Hier wurden auch schon ein paar Acoustic-Sessions abgehalten, erzählt Frontsängerin Furious. Gemeinsam mit The Babe an der Gitarre, Karry am Schlagzeug und Mono am Bass bildet sie die Band The Klitters.

Wie ist eure Band entstanden?

Wir hatten alle einfach schon immer Lust, Musik zu machen und haben uns nach und nach zusammengefunden. Den Wunsch nach einer All-Female-Band gab es schon von Anfang an. Offiziell gibt es The Klitters jetzt seit dem 21. Januar 2018.Keine von uns hatte davor wirklich Erfahrung, auch die Instrumente haben wir uns teils selbst beigebracht. Aber das macht es ja auch irgendwie besonders. Wir haben zusammen diese Erfahrung gemacht, konnten uns gegenseitig helfen und sind gemeinsam daran gewachsen.

Was steckt hinter eurem Bandnamen?

Wir waren gemeinsam auf einer Lesung zu dem Buch "Wege zum Nein". Hauptsächlich geht es da um den Umgang mit sexualisierter Gewalt. In einem Kapitel ging es darum, dass die klitorale Masturbation immer noch ein großes Tabuthema in unserer Gesellschaft ist und sich das auch in unserer Sprache widerspiegelt. Beispielsweise, dass es für Männer beziehungsweise Menschen mit Penis viel mehr Begriffe für die Selbstbefriedigung gibt als für Frauen Menschen mit Klitoris. Masturbation. Das klingt ja schon ganz abschreckend und irgendwie medizinisch, oder? Die beiden Autorinnen haben dann eine Umfrage von einer Uni aus Schweden vorgestellt, in der über ein neues Wort für klitorale Masturbation abgestimmt wurde. Heraus kam dabei, dass Klittern jetzt das neue Wort ist, abgeleitet von der Klitoris. Wir fanden das cool und haben uns deswegen so genannt.
"Die meisten Themen, die wir in unseren Songs behandeln, sind explizit feministisch oder tangieren zumindest das Thema Feminismus."

Warum ist weibliche Masturbation immer noch so ein Tabuthema und wie könnte man das ändern?

Am wichtigsten ist es, darüber zu sprechen und es zu normalisieren. In diesem binär gedachten System geht es meisten immer nur um die männliche Lust. Männer sollen natürlich auch Lust empfinden dürfen, aber bei Frauen wird Lust ganz schnell als etwas Abwertendes und Schmutziges angesehen. Oder es wird komplett negiert, dass Frauen oder Personen, die weiblich gelesen werden, überhaupt Lust empfinden. Und das führt ja auch dazu, dass man die Lust versteckt oder es gar nicht erst benennt und weiterhin tabuisiert. Da versuchen wir auch mit unserer Musik ein bisschen gegenzusteuern, in dem wir solche Themen offen ansprechen.



Der Titel eures Debütalbum lautet "Become a fucking feminist". Eine ziemlich eindeutige Message. Wieso habt ihr das Album so genannt?

Die meisten Themen, die wir in unseren Songs behandeln, sind explizit feministisch oder tangieren zumindest das Thema Feminismus. Wir haben auch einen gleichnamigen Song auf dem Album. Es hat sich einfach richtig angefühlt, unser erstes Album so zu nennen. Das Album haben wir mit Freunden von uns – "Seafood Records" aus Freiburg – im Bandproberaum aufgenommen. Das war ein ziemliches DIY-Projekt, und wir sind stolz auf das Ergebnis.

In einem eurer Songs singt ihr "Ich bin ne Krawallbarbie, das ist ne Krawallparty" und lasst eure Wut und Frustration heraus. Was genau ist eine Krawallbarbie?

Der Neologismus ist tatsächlich nicht von uns. Bei den Protesten während des G20-Gipfels 2017 in Hamburg veröffentlichte die Bild-Zeitung ein Fahndungsfoto und titelte "Polizei sucht diese Krawallbarbie". Das Bild zeigte eine junge Frau mit bauchfreiem Top, die während des G20-Gipfels randaliert haben soll. Das fanden wir zuerst natürlich bescheuert und sexistisch, aber wir dachten uns: Drehen wir den Spieß einfach um und nennen uns selbst so. Wir haben uns damit natürlich auch einer Bewegung angeschlossen und solidarisieren uns mit denen, die immer noch unter den Repressionen und Auswirkungen der Proteste leiden. Im Internet kreisten damals bereits Hashtags à la "Je suis Krawallbarbie" und wir dachten uns gut, dann sind wir eben alle Krawallbarbies! Tatsächlich ist das aber auch ein bisschen unser Schlagerhit geworden.

Ihr macht ja Musik auf Englisch und auf Deutsch.

Genau, am Anfang dachten wir, dass wir nur auf Englisch Musik machen wollen, aber bei manchen Liedern, wie zum Beispiel bei "Krawallbarbie", passt es auch einfach vom Kontext viel mehr, auf Deutsch zu singen. Aber zum Großteil machen wir Musik auf Englisch.

"Dass wir keine Konzerte mehr spielen dürfen, trifft uns und fehlt uns wirklich sehr."

Oft sprecht ihr in euren Texten auch sensible Themen an, wie beispielsweise sexuelle Belästigung im Nachtleben. Sprecht ihr da aus eigener Erfahrung?

Ja, die Inspiration holt man sich größtenteils schon aus dem eigenen Alltag. Wir behandeln in unseren Texten aber auch Dinge, die uns am Herzen liegen und uns beschäftigen. In dem Lied "Feminist" sprechen wir beispielsweise zum einen Teil von eigenen Erfahrungen oder Gefühlen, die man im sexistischen Alltagszustand der Gesellschaft empfindet, aber auch über Feminizide. Wir möchten auf die feministische Bewegung und Themen auch im Raum Freiburg aufmerksam machen, aber auch ein Sprachrohr für andere zu sein. In Freiburg ist oft das Problem, so empfinden wir es zumindest, dass Aktionen, die auf feministische Themen aufmerksam machen wollen, in der medialen Berichterstattung ein bisschen untergehen und deswegen versuchen wir, die Sichtbarkeit und das Bewusstsein durch unsere Musik zu steigern.

Auch ihr habt mit den Corona-Maßnahmen zu kämpfen. Für das Frühjahr war eigentlich eine Tour geplant, die ihr absagen musstet.

Wir hatten einige Sachen in Freiburg und Umgebung geplant und für das Frühjahr war die Tour vorgesehen mit Auftritten in Freiburg, Zürich und Marseille. Das alles mussten wir natürlich absagen. Weil wir keine Bookingagentur haben und alles selbst organisieren, ist es natürlich richtig schade. Aber wir versuchen, für nächstes Jahr wieder eine Tour auf die Beine zu stellen. Da würden wir es auch echt gerne wieder mit Marseille probieren.

Auch regelmäßige Bandproben konnten wir nicht mehr machen. Normalerweise proben wir vor Konzerten ein bis zweimal die Woche in einem Proberaum in Freiburg, den wir uns mit einer anderen Band teilen. Dass wir keine Konzerte mehr spielen dürfen, trifft uns und fehlt uns wirklich sehr. Das macht eine Band ja schließlich aus.

Bekommt ihr manchmal auch Kritik für das, was ihr auf der Bühne macht?

Eigentlich kaum. Die meisten kommen nach Konzerten zu uns und erzählen, wie cool sie es finden, dass wir uns auf die Bühne stellen und über klitorale Masturbation singen. Das ist ein so schönes Gefühl. Der häufigste Vorwurf, den wir bekommen? "Warum seid ihr nicht einfach eine Band? Damit degradiert ihr euch doch nur selbst, indem ihr betont, dass ihr eine feministische All-Female-Band seid die über klitorale Masturbation singt!"

Da diese Kritik meistens von Cis-Männern kommt, können wir darüber herzlichst lachen. Gerade, weil sich Personen daran stören, zeigt es uns, wie wichtig es ist, uns so zu betiteln, weil eine All-Female-Band die feministische Themen anspricht einfach noch kein Normalzustand ist. Es zeigt uns auch, dass es mehr Raum für Frauen* braucht, um sich auszuprobieren und die Hürden sich auf die Bühne zu stellen einfacher zu überwinden.
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