Zwischen/brise: Festival für junge Literatur am Alten Wiehrebahnhof

Nadja Röll

Die "Zwischen/miete" - eine Lesereihe in Freiburger WGs - bekommt am Wochenende neuen Wind: Sieben Autoren präsentieren hinter dem Alten Wiehrebahnhof druckfrische, anrührende und verstörende Texte. fudder-Autorin Nadja hat mit Bachmann-Preisträger Leif Randt über Parallelen zwischen Freiburg und seinem Wohlstands-Romanort "CobyCounty" gesprochen und mit der Dichterin Nancy Hünger darüber, dass kaum noch jemand Gedichte liest.

„Wer wenig Interesse an ausschweifenden Festen und sommerlichen Romanzen hat, dem würde ich davon abraten, in dieser Gegend hier ein Apartment zu mieten.“ Mit diesem Zitat aus Leif Randts „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ überschreibt das Literaturbüro Freiburg das Lese-Fest "zwischen/brise.


Hat der Autor beim Schreiben der sonnenverwöhnten Wohlstandsgesellschaft in der fiktiven Stadt CobyCounty etwa auch an die Breisgauperle gedacht? „Der Roman war immer auch als Freiburg-Roman angelegt“, sagt Leif Randt (Bild rechts).

Wie ernst er es damit meint? - „Ich habe noch nie in Freiburg Station gemacht. Aber es gibt Idyll-Zuschreibungen zu Freiburg, die den Idyll-Zuschreibungen zu CobyCounty sehr ähneln. Aber in Wahrheit ist CobyCounty vielleicht doch eher ein Brighton-Roman. Oder ein Lindau-Roman. Die Definition dessen, was es ist, bleibt in Bewegung. Ich halte es für möglich, dass sich das Buch beim Vorlesen am Sonntag wie ein Freiburg-Roman anfühlen wird.“ Klar ist, er freut sich auf die Lesungen in der sonnigen Stadt, und „auf ein Barbecue mit der goldenen Generation“.

Sein Roman ist auf jeden Fall ein Volltreffer, ein satirisches Stück Wellness-Kultur, leicht zu lesen, wie ein Mischgetränk, das die Protagonisten zu Beginn des Romans auf der Dachterrasse schlürfen.

Leicht zu lesen, gut weg zu snacken, das wünschen sich wohl die meisten Menschen, wenn sie zu einem Buch greifen. Und obwohl Lyrik mit ihrer Kürze und Würze eigentlich sehr gut in unsere Zeit passen müsste, lesen die wenigsten zu Gedichten. „Das war nie anders“, sagt die 31 Jahre alte Dichterin Nancy Hünger. „Schon Goethe hat Schiller in einem Briefwechsel geklagt, dass Menschen kein Ohr mehr für Gedichte haben.“

Am Samstagabend liest sie zusammen mit der Lyrikerin Nadja Küchenmeister – „ein Wagnis“, wie sie selbst lachend sagt. Mit 31 zählt sich Nancy Hünger selbst eigentlich nicht mehr zu der jungen Generation von Schriftstellern, die sich durch „experimentellen Wagemut“ auszeichnet. „Es gibt wieder auch Mut, üppig zu sein, viele Adjektive zu verwenden, und einen Rückgang zur strengen Form.“

Nach dieser Definition passt sie mit ihren Gedichten „Deshalb die Vögel“ dann doch sehr gut in die Lyrik von jetzt. Ihr neustes Buch „Halt dich fern“ ist zwar ein Prosaband, aber auch der ist sehr lyrisch: eine Geschichte über das Reisen in die Fremde, ans Ende aller Gewissheiten und über das Schweigen über die eigene Geschichte. - Diese Lesung findet nicht hinter dem Wiehrebahnhof statt, sonder im klassischen Zwischen/miete-Format in der Maienstraße 2.

Sechs Germanistik-Studierende der Uni Freiburg haben die drei Autoren für das Festival ausgewählt, dazu noch Judith Zander, Sebastian Polmans und Ann Cotten. Andrea Hanna Hünninger wird leider krankheitsbedingt ausfallen, es wird noch auf den letzten Drücker nach Ersatz gesucht.

Veranstalter von Zwischen/brise ist das Literaturbüro Freiburg, in dessen Räumen das Festival am Samstag auch mit einem Schreibworkshop beginnt. „Natürlich kann der nur einen kurzen Einblick in schreiben geben, und Anregungen zum Lesen und Schreiben geben“, erklärt Ann-Christin Bolay, eine der Organisatorinnen. Und danach geht es dann vor allem ums Zuhören, darum, neue Ideen aufzusaugen. „Wir haben versucht möglichst unterschiedliche Autoren einzuladen, die neue, ungewohnte Blicke auf bereits Bekanntes werfen. Ob sie dann doch alle etwas gemeinsam haben, das werden wir am Wochenende hören.“

Das Programm

Samstag, 7. Juli 2012, 15-18 Uhr, Alter Wiehrebahnhof
Schreibwerkstatt für Studierende mit Paul Brodowsky

Samstag, 7. Juli 2012, 20-21:30 Uhr, Maienstraße 2, 3 Euro (inklusive Brötchen und Bier)
Zwischen/miete mit Nadja Küchenmeister und Nancy Hünger

Sonntag, 8. Juli 2012, Alter Wiehrebahnhof, Außengelände; Festivalpass 5 Euro

15 bis 15:45 Uhr Lesung: Judith Zander
16 bis 16:45 Uhr Lesung: Sebastian Polmans
17 bis 17:45 Uhr Lesung: Andrea Hanna Hünninger
19:30 bis 21 Uhr Lesung: Leif Randt und Ann Cotten

Bei schlechtem Wetter finden die Veranstaltungen in den Räumen des Alten Wiehrebahnhof statt.

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[Autorenfoto: Simon Vu]