Zweifel an der eigenen Existenz

Anselm Müller

fudder-Autor anselm hat einen 30jährigen Freund, der unter Depressionen leidet. Über einen längeren Zeitraum hinweg hat er anselm von seiner Krankheit und ihren zermürbenden Episoden erzählt. Die Essenz dieser Berichte hat anselm im folgenden protokolliert.



„Ich möchte nur noch eins. Sterben. Irgendwann während meiner Depression war ich soweit und überlegte mir, wie ich mich am besten umbringen könnte. Da ich in einem Hochhaus aufgewachsen bin, kam ich gleich auf die Idee, mich von einem möglichst hohen Stockwerk herunterzustürzen. Die fünfzehnte Etage erschien mir dafür geeignet. Ich litt zu dieser Zeit schon über drei Monate an einer schweren Depression.


Tagein, tagaus kämpfte ich dagegen an und versuchte alles, um die Krankheit zu besiegen. Doch je mehr ich mich bemühte, desto weniger Erfolg hatte ich. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich nur noch wollte, dass es ein Ende hat. Auch wenn dieses Ende mein eigenes Leben kosten würde. Es war egal, es sollte einfach aufhören.

Episode oder Singularität

Ärzte sprechen, wenn sie über eine Depression reden, von einer depressiven Episode. Episode hört sich harmlos an, doch steckt darin die ganze Grausamkeit dieser Krankheit. Eine Episode ist nie singulär, sondern hat stets Nachfolgerinnen. Eine Depression, so sagen die Ärzte, zieht oft die nächste nach sich. Wann dies geschieht, ist unvorhersehbar.

Das Wissen, dass dies vielleicht erst die erste von vielen Depressionen sein könnte, lähmt mich. Die Situation eines Depressionskranken ist mit der eines Krebskranken vergleichbar. Auch der Krebs kann nach einer erfolgreichen Behandlung wieder kommen. Erst seit kurzem, über eineinhalb Jahre später, habe ich es dank meiner Freundin, meines Therapeuten und meiner Freunde geschafft, diese Angst der Ungewissheit auszuhalten und mich ihr nicht hinzugeben.

Sechs Kilo in zwei Wochen

Angefangen hat meine Episode mit Bauchschmerzen. Danach kamen Schlafstörungen. Ich wachte gegen 4 Uhr morgens auf und konnte nicht mehr einschlafen. Desweiteren litt ich unter Appetitlosigkeit, denn die anfangs auferlegte Diät, die den Magenschmerzen entgegenwirken sollte, ging in Appetitlosigkeit über.

Innerhalb von zwei Wochen nahm ich über sechs Kilo ab. Nachdem ich alle physischen Untersuchungen durchlaufen hatte, also Blutbild, Medikamente, Magen- und Darmspiegelung und Kernspindtomographie, alles ergebnislos, wurde ich an einen Psychiater überwiesen.



Innerhalb kurzer Zeit verschlechterte sich mein Gesundheitszustand dermaßen, dass ich mich freiwillig ins psychiatrische Krankenhaus begab.

Wenn der Zweifel alles bestimmt

Eine Depression wird meist mit Traurigkeit oder einer Niedergeschlagenheit gleichgesetzt, gemäß der Redensart „Ich fühle mich heute depressiv“. Doch diese Gemütslagen haben mit dem, was ein Depressiver erlebt, wenig zu tun. Während meiner sechsmonatigen Krankheit machte ich etwas vollkommen anderes. Ich marterte mich mit Gedanken, die ich nicht mehr aus meinen Kopf bekam. Die Ärzte nennen das Gedankenkreisen. Ich fragte mich, ob das Leben, was ich bis jetzt gelebt hatte, richtig war. Ich zweifelte an der Beziehung zu meiner Freundin, an der Qualität meiner Arbeit und an meinem Lebensweg im Allgemeinen.

Eine Depression zu haben, hieß für mich, alles und jeden in meiner Umgebung anzuzweifeln, keinen Halt mehr zu haben. Der französische Philosoph René Descartes bestimmte den Ausgangspunkt seiner Philosophie darin, dass er alles anzweifelte, bis er zu der Formel kam: „Ich denke, also bin ich". Doch für mich gab es diese Formel nicht mehr. Ich wusste zwar, dass ich existiere, doch war meine Existenz durch den Zweifel bestimmt. Jeder Gedanke, jede Entscheidung wurde von mir immer wieder angezweifelt. Das Ergebnis war eine Denk- und Handlungsunfähigkeit.



Ich saß tagelang herum und versuchte mich abzulenken. Bücher zu lesen, Sport zu treiben, im Park des Krankenhauses spazieren zu gehen. Doch nichts half. In meinem Kopf ratterte es unaufhaltsam. Die Gedanken und das Denken lassen sich nicht abstellen, genau dies war mein Problem.

Froh um jeden Tag

Diesen Zustand meiner Familie und meiner Freundin begreiflich zu machen, war äußerst schwierig. Jemand, der nicht beruflich mit dieser Krankheit zu tun hat oder selber krank war, wird nur schwer nachvollziehen können, was es bedeutet, depressiv zu sein. Seit der Krankheit habe ich mich sehr verändert. War ich früher sehr optimistisch, bin ich heute eher ängstlich und pessimistisch. Auch in Bezug auf einen möglichen Rückfall.



Die Angst davor wird wohl immer da sein, auch wenn ich gelernt habe, damit umzugehen. Doch mein ganzes Denken und Handeln ist seit der Krankheit verändert. Ich bin, auch wenn sich das kitschig anhört, froh um jeden Tag, den ich gesund und glücklich verbringen kann. Auch verschwende ich keine Gedanken mehr an die fünfzehnte Etage. Immerhin ein positiver Aspekt."