fudder-Interview

Zweierpasch machen auf ihrem neuen Album kritischen World-HipHop

Christina Braun

Am 29. November feiert die siebenköpfige World-Hip- Hop-Band Zweierpasch die Release-Party ihres neuen Albums "Un peu d’amour" im Jazzhaus. Fudder hat mit Frontman Till Neumann und Pianist Christian Haber über die neue Platte gesprochen.

Poetisch, politisch, polyphone – so lässt sich Zweierpasch in drei Worten beschreiben. Die siebenköpfige Band um die Frontmänner Felix und Till Neumann macht internationalen World-Hip-Hop mit Texten, die etwas verändern sollen. Was als deutsch-französisches Hip-Hop-Projekt der Zwillingsbrüder Neumann begann, ist heute ein crossover Mix aus Hip-Hop, Dancehall, Reggae, Jazz, Funk, Metal, Rock und Weltmusik, der sich nicht nur musikalisch, sondern auch sprachlich ständig neu erfindet.


So auch auf dem neuen Studioalbum "Un peu d’amour". Das Album ist das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit und fällt vor allem durch musikalische Vielfältigkeit auf. Zweierpasch hat sich diesmal nicht nur neue Künstler, sondern auch neue Musikstile mit ins Boot geholt. Frontman Till und Pianist Chris haben fudder von ihrem neuen Album erzählt.

Am 29. November erscheint euer viertes Studioalbum. Was erwartet die Hörerinnen und Hörer?

Christian Haber: Jeder Song ist sehr individuell, man hört zwar, dass das immer die gleichen Leute sind, die eine gemeinsame Handschrift haben, aber gleichzeitig ist es stilistisch total vielfältig. Da ist Jazz, Funk, Reggae, Rock und Metall mit dabei – und zwar auch wirklich so, dass man’s wiedererkennt. Wir haben versucht, dass jeder Song wirklich das transportiert, worum es im jeweiligen Text geht. Man hört, dass Musik und Rap Hand in Hand gehen.
Till Neumann: Wir sind schon sehr bekannt für unsere Botschaften, aber man würde dem Album Unrecht tun, wenn man es nur auf die Texte beschränken würde. Von der musikalischen Umsetzung her bin ich extrem happy mit dem Ding, auch wenn der Findungsprozess mit sieben, acht Leuten nicht immer ganz einfach war. Wir haben viel Herzblut und Zeit reingesteckt und das hört man dem auch an.

Das Album trägt den Titel "Un peu d’amour" – auf Deutsch: "Ein bisschen Liebe". Warum gerade dieser Titel?

Chris: Ein bisschen Liebe ist nie schlecht für die Welt, wenn man da ein kleines Stück dazu beitragen kann (lacht). Man darf als Musiker natürlich nie zu viel auf sich halten, dass man denkt, man könnte jetzt die Welt mit so einer Platte verändern, aber man kanns ja immerhin versuchen.
Till: Wir befassen uns da schon mit harten Themen und prangern auch Sachen an, aber am Ende des Tages sind wir schon positive Menschen, die ein bisschen Optimismus in die düstere Welt bringen wollen.
Chris: So düster ist sie ja auch nicht immer (lacht).
Till: Wir wollen, dass am Ende etwas Positives stehen bleibt. Unsere Musik soll etwas bewegen. Das geht viel weiter als das klassische Rap-Ding, das einfach nur sagt, dass alles scheiße ist.

"Wir haben versucht, dass jeder Song wirklich das transportiert, worum es im jeweiligen Text geht." Christian Haber

Euer viertes Album erscheint zum ersten Mal über das Independentlabel Jazzhaus Records, das unter anderem auch schon Fools Garden unter Vertrag genommen hat.

Chris: Das Label ist dafür bekannt, dass es regionale und grenzgängerische Musiker fördert – da passen wir gut rein.
Till: Voll! Und außerdem schließt sich jetzt der Kreis: Vor ungefähr acht Jahren haben wir unser erstes gemeinsames Konzert mit der Band im Jazzhaus gespielt und jetzt stehen wir da wieder auf der Bühne. Das ist schon ein schönes Ding, dass wir uns als Band da gefunden haben.

Ihr habt diesmal mit verschiedenen Künstlern wie Master Soumy, Kenny Joyner von Fatcat und Tatan Luis Gonzales von El Flecha Negra kooperiert und damit auch neue Sprachen und Musikstile mit auf die Platte gebracht. Wie kam es dazu?

Chris: Kenny und Tatan sind Freiburger Musiker, die wir schon lange kennen. Symbolisch ist das sehr schön, weil jeder mit seiner Band und seinem kulturellen Background nochmal einen ganz eigenen Flavour in die Musik einbringt.
Till: Die Platte ist fast eine kleine Weltreise. Wir waren zum Beispiel in Mali, wo wir mit Master Soumy einen Track gemacht haben. Außerdem gibt es zum ersten Mal einen spanischen Track auf der Platte und wir feiern’s total.

Könnt ihr euch vorstellen, dass es eure Musik in Zukunft in noch mehr Sprachen zu hören geben wird?

Till: Ja, auf jeden Fall! Wir haben eine Anfrage für eine Türkei-Tournee bekommen, da wollen wir dann natürlich auch Tracks mit Türken aufnehmen, ist doch klar. Musik ist Austausch: Du verstehst dich einfach, wenn du das gleiche Ding machst.

"Die Platte ist fast eine kleine Weltreise. Wir waren zum Beispiel in Mali, wo wir mit Master Soumy einen Track gemacht haben." Till Neumann

Euer neues Album stimmt auch dunklere Töne an, wie zum Beispiel mit "Panzer, Politik, Poesie", wo es um Waffenhandel und Krieg geht. Auch der Track "Flagge auf Halbmast", der von Mauern und historischen Widerstandkämpfern erzählt, wirkt eher düster. Wollt ihr mit eurer Musik in einem gewissen Maß auch die Vergangenheit aufarbeiten?

Till: "Flagge auf Halbmast" ist ein Track, den wir mit starkem Bezug auf das Hier und Jetzt geschrieben haben. Er ist in einer Zeit entstanden, als von Abschottung und Mauern die Rede war und die Parolen gegen Migration lauter wurden. Da wollten wir einen Querverweis in die Geschichte machen und dafür sensibilisieren, dass es Tendenzen gibt, die wieder in diese Richtung gehen. Man muss den Track eigentlich mit dem Video verstehen. Das wurde in den Vogesen an einem Kampfplatz des ersten Weltkrieges aufgenommen. Wir arbeiten da schon auch irgendwo Geschichte auf, aber das ist auch immer ein Fingerzeig auf aktuelle Geschehnisse.

Habt ihr einen persönlichen Lieblingstrack auf dem Album?

Chris: Da gibt es viele. Ich finde den Opener "Clandestino" super cool. Das ist nicht nur inhaltlich ein cooles Ding, sondern auch musikalisch mit dem abgefahrenen Rhythmus, den wir uns da ausgedacht haben. "Panzer, Politik Poesie" ist für mich als jemand, der auch gerne mal ein bisschen härtere Musik hört, auch ein echtes Highlight. Der Text ist harter Tobak, aber gleichzeitig bringt die Musik einen ganz leichten Optimismus in die ganze Dunkelheit. Lichter ist auch ein echt schöner Song.
Till: Ich schließe mich da an. "Clandestino" ist schon ein überraschender Zweierpaschsound – latin, voll der Banger und ein politisches Ding. Mit "Panzer, Politik, Poesie" haben wir eine echte Rakete gebaut, das klingt einfach nach Waffenschmiede und ist damit genau die Symbiose zwischen Text und Musik, die du immer suchts.



Ihr seid mit eurer Musik auch fernab der Bühne im Klassenzimmer unterwegs, um die Kids mit Rap für’s Französisch- und Deutschlernen zu begeistern. Wie genau läuft das ab, und wie gehen Pädagogik und Musikkarriere zusammen?

Till: Das geht super zusammen. Wir machen Sprachförderung in Schulen und vermitteln politische, geschichtliche und gesellschaftliche Themen mit den Texten. Und das funktioniert: Wir merken einfach immer wieder, dass Hip-Hop für junge Leute etwas Cooles und Zugängliches ist, womit man auch das trockenste Thema interessant machen kann.
Chris: Wenn man sein Handwerk wirklich beherrscht, dann muss man muss man auch in der Lage sein, es weiterzuvermitteln. Kinder und Jugendliche sind eine tolle Gruppe, die sich auf neues einlassen aber auch zeigen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Bei einem Projekt haben wir Märchen für Erstklässler vertont und die sind so richtig abgegangen. Da merkt man gleich, die feiern das halt voll ab oder finden’s richtig scheiße.

Euer zweiter Frontmann wohnt in Kehl und auch der Rest der Band kommt nicht direkt aus Freiburg. Wie schafft ihr es, trotz räumlicher Grenzen regelmäßig zu proben?

Chris: Wir haben einen harten Schlachtplan erarbeitet, damit wir uns regelmäßig treffen. Da muss man auch mal lernen, zurückzustecken und Kompromisse einzugehen. Und obwohl wir so viele sind, ist es noch nie zu einem wirklich harten Streit gekommen.

Das Album ist zum größten Teil in Freiburg entstanden. Wie habt ihr es geschafft, in Freiburg einen Proberaum zu finden?

Till: Proberaum ist bei uns: 13 Quadratmeter, acht Leute und ein Haufen Instrumente – wir proben mittlerweile im Gang. Das zeugt schon von sehr viel Liebe in der Band, weil das manchmal so ein bisschen wie Käfighaltung ist. Zum Glück haben wir aber etwas Größeres in Sicht.
Chris: Momentan haben wir einfach Glück, dass wir überhaupt einen eigenen Proberaum haben.
Die Release-Party findet am 29. November um 20 Uhr im Jazzhaus statt. Als Vorband haben sich Zweierpasch zum ersten Mal die Freiburger Hip-Hop-Band QULT mit ins Boot geholt.

Feuerjongleure, Breakdancer und Special Guests: Die Release-Party wird ein großes Ding. Auf was dürfen wir uns noch freuen?

Chris: Viel darf man natürlich nicht verraten, aber wir haben viele Leute eingeladen, die auch auf der Platte dabei sind. Es wird auch einige Specials geben. Und vielleicht werden wir sogar ganz neue Songs spielen, die noch nicht auf der Platte sind – als kleiner Teaser, in welche Richtung sich der Zweierpasch-Sound in nächster Zeit so bewegen wird.
Till: Wir machen auch eine Spendenaktion für Mali, wo auch unsere letzte Single "Globetrotter" entstanden ist: 2,22 Euro des Eintrittspreises gehen an ein Binnenflüchtlingslager in Mali. Wir freuen uns total und fiebern schon richtig auf den Abend hin, ich bin auch schon ein bisschen kribbelig.

  • Was: Album-Release Party von Zweierpasch
  • Wann: 29.November 2019, 20 Uhr
  • Wo: Jazzhaus Freiburg

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