Zur Zwischenmiete bei der Cracktante

Marc Röhlig

Es steht ein Haus in Freiburgs Innenstadt, reich an Gerüchten: Blut im Flur? Düstere Stimmen in der Nacht? Mietfrei wohnt, wer mutig ist? fudder-Autor Marc quartierte sich zur Geisterstunde ein, um die Wahrheit zu erfahren. Von einem der einzog, das Gruseln zu lernen.

„Alta, hier willst du nicht wohnen“, sagte er. „Das is‘ voll krass, was in diesem Haus abgeht“, meinte er. Dann griff er nach einem großen, blitzenden Messer und schabte Fleischfetzen vom Dönerspieß. Er muss wissen, was „abgeht“, denn er arbeitet seit Jahren hier. In diesem Haus. Unten in einem Dönerimbiss. Keiner wisse, wer der Besitzer sei, sagt der Dönermann. Wenn sich gerade keiner kümmere, suppe der Müll im Hausflur zu einer dicken, klebrigen Masse zusammen. Und natürlich kümmere sich nur selten jemand. „Echt Chaos hier“, sagte er.


Hier, das ist ein vierstöckiges Mietshaus in der Freiburger Innenstadt. Die Uni ist um die Ecke, die Mensa, zum Martinstor ist es auch nicht weit. Im Erdgeschoss gibt es neben dem Dönerimbiss noch einen Bäcker und eine Studentenkneipe. Es sieht schön aus, dieses Haus, klassizistisch, ein Augenschmaus aus dem späten 19. Jahrhundert. Nur die Fenster passen nicht zur makellosen Fassade: trüb schauen sie auf die Straßen nieder, schmutzig und mit Pappkartons zugestellt sind viele. Als habe jemand einem hübschen Gesicht den Glanz aus den Augen geraubt.

„Es ist einfach nur abstoßend, laut und dreckig“, sagte Max zuvor. Max, 24 Jahre, studiert in Freiburg und hat bis vor kurzem mit zwei Freunden im Haus gewohnt. Nun haben sie eine „normale“ WG – „Unglaublich, wenn du den Vermieter anrufst und tatsächlich jemand reagiert“. Max* gab mir den Schlüssel seiner alten Wohnung. Ich will die Stunden der Nacht dort verbringen; im Gepäck die Schauergeschichten von Max.

22 Uhr: Die Nacht, die Lichter

Die Wohnung ist angenehm geschnitten: Drei Einzelzimmer, eines auf die Kajo, zwei in den Innenhof. Dazu eine große Küche und ein winziges Bad. Die Badezimmertür lässt sich nur halb öffnen, dann stört das Waschbecken. Alle Zimmer sind leergeräumt, die Wände wurden frisch gestrichen. Nur in einem Zimmer ist noch eine Wand in nuttenorange. Das Haus sei früher ein illegaler Puff gewesen, erzählte mir Max. Die meisten Zimmer auf den Etagen seien Einzelzimmer mit kleinem Waschbecken, man teile sich ein Gemeinschaftsbad; so wurden früher die Freier empfangen. Die Appartementstruktur bestimme auch heute noch das Mieterklima: „Hier wohnen nur Assis und Bekloppte“, sagte Max.

Als ich das erste Mal durch den Flur laufe, stehen zwei breitschultrige Typen in Bomberjacken am Geländer des Treppenaufgangs. Sie unterhalten sich russisch, ignorieren mich. Ich ducke mich weg. Im Treppenaufgang steht ein Plastikbaum, dunkle Flecken sind an der Wand. „Blutspritzer“, meinte Max. Auf dem Fahrstuhlknopf liegt eine dicke Staubschicht. Wahrscheinlich ist das „Außer Betrieb“-Schild schon lange abgehängt. Die beiden Russen werden lauter, irgendwas wandert von einer Tasche in eine andere. Einmal, erinnerte sich Max, sei der Abfluss verstopft gewesen. „Mit dem Pömpel haben wir dann kaputte Heroinspritzen aus der Leitung gepumpt“.

22 Uhr ist eigentlich ein später Start. Aber ich wollte mich vorbereiten auf die Nacht im Horrorhaus: Es gab zuvor den „Tatort“ mit einem Vergewaltiger, Schlägertrupps, Schnittwunden und mehreren Leichen. Doch die Düsternis des Hauses wird übertüncht. Bässe dringen aus der Studentenkneipe nach oben; Gelächter und Bierflaschenklirren bilden den Sound der Nacht. Im Viertelstundentakt heulen die Straßenbahnen vorbei und von draußen drückt der Schein gelber Laternen. Die Wohnung ist leer, aber das Leben wartet gleich vor den Fenstern.



23 Uhr: Habibi für alle

Warum sich laut dem Dönermann keiner kümmere, warum ein Vermieter nicht erreichbar ist, hat seine Gründe. Vor gut fünf Jahren verstarb der Eigentümer der Immobilie und vermachte das Haus seiner äthiopischen Pflegerin. Den Kindern passte das nicht, ein Erbstreit entbrannte und zog sich bis 2008. Die Pflegerin gewann und wollte die Immobilie in eine Heimstätte für Bedürftige verwandeln, die richtige Stiftung war schon zur Hand. Doch vor knapp einem Jahr „verbrannte“ die Frau, wie man sich im Haus erzählt. Die neuen Erbberechtigten wohnen in Äthiopien, Amerika, ein Angehöriger lebt in London.

„Niemand fühlt sich hier verantwortlich“, sagt Schmidle, „ich bin der einzige, wo sich noch kümmert“. Schmidle* ist eine Art ehrenamtlicher Hausmeister. Er steht in Kontakt mit einem Bekannten der verstorbenen Äthiopierin. Gemeinsam verwalten sie das Haus und kümmern sich um die Mieten auf einem Treuhandkonto. Dass jemand schlecht über „sein“ Haus redet, will Schmidle nicht gelten lassen: „Die schlimmen Gestalten sind ausgezogen, die Heizungen funktioniere auch im Winter und wenn ein Abfluss nicht geht, muss man mich nur anrufe!“

Kurz vor Mitternacht dröhnt arabischer Pop aus einem Zimmer in der Nähe. Fast zehn Minuten geht das Lied, dann drückt der Musikfan auf Repeat. Im Text taucht viel „Habibi“ auf, Liebling, eigentlich Normalzustand für einen arabischen Song. In schiefer Lage singt der Nachbar mit, „Habibi, Habibi“. Eigentlich auch normal.

0 Uhr: Das Monster im Flur

Gegen null Uhr kommt Leben ins Haus. Schlösser klacken, Türen schlagen, Stimmen brummen. Wahrscheinlich pilgern sie nun alle nacheinander zum Etagenbad. Ich sitze im dunklen Flur der WG und kann die Geräusche auf der anderen Seite der Tür hören. Dann schlägt aus der Ferne eine Kirchturmuhr zwölf Mal. Ist das Haus lauter geworden? Oder versandet Stück für Stück das Flaschenklirren und Lachen und Musikwummern der Straße? Es ist, als lege die Nacht nun mit Nachdruck ihren finsteren Mantel über die Stadt. Wind heult durch die leeren Zimmer; die wirbelnden Äste werfen seltsame Schatten durchs Fenster.

Die Stille wird jäh gebrochen: Eine Tür schlägt auf, dann stampft ein Mensch den Flur herab, auf meine Wohnung zu. Er schnauft ein dumpfes, verschnupftes Schnaufen. Vor meiner Tür stoppt er, ich höre ihn atmen. Auch verschnupft. Dann brüllt er los. Irgendwas Osteuropäisches, wieder Russisch? Trommelt gegen eine Tür. Meine Tür? Nicht meine Tür! Wohl die Etagenbadtür. Der Kerl rastet regelrecht aus. Minutenlang schlägt er im Flur gegen die Wände – dann wird irgendwann das Bad frei. „Wir nannten ihn irgendwann Celine Manson“, erinnert sich Max an einen Nachbarn. Celine, weil er gerne nachts Liebeslieder von Celine Dion anhöre und mitsinge. Und Manson, weil er auch eine Vorliebe für Marilyn Manson hat? Nein, meint Max, „weil er immer wieder Wutanfälle hat, die an Charles Manson erinnern, den Serienmörder“.



1 Uhr: Der Cracktanten-Boogie-Woogie

Das Schlagen der Türen verebbt. Im Haus wird es ruhiger. Die Zimmerlichter, die bisher den Innenhof über vier Etagen hinweg beleuchtet haben, sind erloschen. Nur in der Wohnung über mit leuchtet ein blassblaues Fernsehflimmern. „Über dir wohnt die Cracktante“, bereitete mich Max vor. „Cracktante“ sei der Spitzname für eine verrückte, dunkelhaarige Frau, die gerne Passanten von ihrem Balkon aus anschreie. Es sei die gleiche Frau, die tagsüber oft durch die Unigebäude flaniere und Studenten als Faulenzer anpöble. Und es sei einer der vielen Gründe, die Max WG zum geschlossenen Auszug animiert habe. „Klar war es am Anfang prima, zentrale Lage, billige Miete“, sagt Max, „aber irgendwann nervt dich dieses Haus nur noch“.

Hausmeister Schmidle bringen solche Sprüche auf die Palme. Dann fallen ihm gerne Schimpfwörter ein über jene, die „unzuverlässig und undankbar“ seien. Keine harten Schimpfwörter, aber Wörter, denen man anhört, dass sich Schmidle wirklich für sein Haus einsetzt. Und dass ihn Leute traurig machen, die ihre Miete wegen „irgendsolchem dummen Gebrabbel“ prellen. Egal, ob Mieter, Eigentümer, Erbberechtigte oder Treuhänder – für Schmidle „stinkt der Fisch vom Kopfe“. Dann lässt er den Gedanken davonfliegen.

In Frankfurt – dort lebte die äthiopische Pflegerin zuletzt – hat das Amtsgericht vor vier Wochen einen neuen Nachlassverwalter eingesetzt. Dieser will sich nun der Sache annehmen, die ersten Akten habe er aufgeschlagen, die Adressen in London, New York und Äthiopien seien ihm bekannt. Im Freiburger Objekt werde demnächst wieder Ordnung einkehren, verspricht er.

Aus der Wohnung der vermeintlichen „Cracktante“ dröhnt jetzt Boogie Woogie. Oder etwas, das so ähnlich klingt. Dazu poltert es, als stehe ein Möbelumzug an. Ich entscheide mich, zu gehen. Ich habe keinen Schlafsack dabei, der Parkettboden ist kalt und die Boogie-Musik nervt. Die Tür schließe ich leise, aber das Klacken der Schlüsseldrehung dröhnt durch den Flur. Irgendwer hat einen Lederkoffer aufgestellt mit dem Schild „Zum Mitnehmen“. Aus einem Türspalt schimmert fahlgelbes Licht, aus dem vermuteten Zimmer von Celine Manson kommen knarzende Geräusche. Dönergeruch vom Imbiss schält sich durch das gesamte Treppenhaus.

Draußen vor dem Hauseingang schlägt der Wind die Postwurfsendungen hin und her. Sie sind nass und schwer vom Regen. Eigentlich ist alles wie in einem ganz normalen Mietshaus.