Zu Tode beleidigt

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, dass manche Leute bei starker Kritik etwas überreagieren? So war es auch im Wien des 19. Jahrhunderts. Die alten türkenbelagerungsabweisenden Stadtmauern waren abgerissen worden und in der Hauptstadt des Kaiserreiches sollte an deren Stelle eine Prachtmeile gebaut werden, die den Vorstellungen des Regenten und des selbstbewussten Volkes entsprach: Die Ringstraße.

Mit der Bebauung ging es 1861 los, und für das "Erste Haus am Ring" wurde der renomierte Wiener Architektur-Professor Eduard van der Nüll beauftragt, ein prachtvolles Opernhaus zu entwerfen. Zusammen mit seinem Freund und Kollegen August von Sicardsburg (und natürlich vielen Bauarbeitern und Handwerkern) errichtete er die kaiserlich-königliche Hofoper, die heut als Wiener Staatsoper bekannt ist.


Doch das Bauwerk kam bei Volk und Kaiser nicht so an, wie gedacht: Einerseits stand direkt gegenüber schon ein noch monumentaleres Zinshaus, sodass die neue Oper ihre optische Wirkung nicht entfalten konnte. Außerdem kam erschwerend hinzu, dass das Niveau der Ringstraße während des Hofopernbaus um einen Meter erhöht wurde.

So hagelte es Kritik: Besonders die Wiener Presse verriss das Gebäude daraufhin als "versunkene Kiste" und auch der Kaiser Franz Joseph (der Gemahl der schönen Sissi) ließ sich zu nicht gerade begeisterten Komentaren hinreißen. Als,besonders für Österreicher, schlimmste Bezeichnung der Oper in ihrer Bauzeit wurde sie "Königgrätz der Baukunst" genannt.

Das wurde dem Architekten van der Nüll irgendwann zu viel und er erhängte sich 1868 noch vor der offiziellen Eröffnung, verzweifelt ob diesen Kritikhagels. Der Kaiser nahm sich diese Reaktion sehr zu Herzen, da auch er an der verbalen Schlechtmacherei beteiligt war. Deshalb vermied er es von da an, seine Meinung über etwas Künstlerisches kund zu tun und sagte zu allem nur noch die Floskel "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut!