Zu spätes Glück: Freiburg verliert gegen Stuttgart 1:2

Clemens Geißler

Am Freitagabend hat der Sportclub das Südwest-Derby gegen den VfB Stuttgart mit 1:2 verloren. Aber: Das Team um Marcus Sorg zeigte eine ansprechende Leistung.



Die Backstreet-Boy-Beschallung auf dem Jahn-Sportgelände vor dem Anpfiff vermag keine so rechte Derby-Stimmung zu erzeugen, doch auf dem Rasen gehen die SC-Akteure vom verspäteten Spielbeginn an munter zu Werke. Mit großem Einsatz schieben sie die Räume zu und lassen den Stuttgartern kaum Raum. Gerade um den Mittelkreis herum gelingen so zahlreiche Balleroberungen, die gleich in eigene Torgelegenheiten umgemünzt werden sollen.


Eine erste solche hat bereits nach wenigen Augenblicken Papiss Cissé von halbrechts. Der Torjubel auf der Nordtribüne erlahmt aber, als klar wird, dass sich der Ball über die Tipico-Werbebande nur von hinten im Stuttgarter Tornetz verfangen hat. Und zehn Minuten später ist es wieder der bis zuletzt heißumworbene SC-Stürmer, der mit einem platzierten Kopfball Sven Ulreich im VfB-Tor eine Glanztat abverlangt. Die psychologischen und materiellen Maßnahmen der Sportclub-Verantwortlichen unter der Woche scheinen gefruchtet zu haben – Cissé präsentiert sich in bester Manier.

Als die erste Drangphase der Hausherren etwas abebbt, hält Schiedsrichter Winkmann mit einigen merkwürdigen Entscheidungen die Stimmung am Leben. Wenn er überhaupt irgendeine Linie hat, verliert er sie schon früh und meistens sind es die Einheimischen, die sich ob seiner Pfiffe im Nachteil wähnen. Während also der badische Anhang mit dem Unparteiischen hadert, sind Ordnungskräfte im Stuttgarter Block das Objekt lautstarker Ereiferungen bei den schwäbischen Zuschauern.



Nach nicht einmal einer halben Stunde muss Beg Ferati, der bis dahin sicher gestanden hat, verletzt das Feld räumen. Für ihn rückt Johannes Flum in die Innenverteidigung, Makiadi ersetzt diesen auf einer der Sechserpositionen und Makiadis Part im offensiven Mittelfeld erfüllt von nun an Anton Putsila. Wer befürchtet, die Umstellungen würden sich negativ auf das Freiburger Spiel auswirken, sieht sich getäuscht: Die nächste Gelegenheit hat der bewegliche Stefan Reisinger nach einem Doppelpass mit Mensur Mujdza.

Die fällige Ecke verweigert Schiedsrichter Winkmann dem Sportclub, spricht sie aber dafür kurz darauf zu Unrecht den Gästen zu. Als dann daraus auch noch das 0:1 (32.) durch den Österreicher Martin Harnik entsteht, ist der Referee beim Heimpublikum endgültig unten durch.

Bei allem Ärger darüber soll jedoch kritisch angemerkt werden, dass es wieder ein individueller Fehler ist – in diesem Fall von Oliver Barth, der die Gäste in eine günstige Position bringt. Bei Eckbällen für den Gegner steht außerdem weit und breit kein Freiburger am eigenen 16-Meter-Raum – nicht beim Gegentor und auch nicht zwei Mal in der zweiten Halbzeit, als der Ball jeweils direkt zu Kuzmanovic geschlagen wird, welcher jeweils volley und in einem Fall ziemlich gefährlich auf Baumanns Gehäuse abschließt. Wer solche grundlegenden Dinge versäumt, braucht sich nicht wundern, wenn er trotz Feldüberlegenheit in Rückstand gerät.

Bis zur Halbzeit ist das Spiel jetzt ausgeglichener, auch weil der Sportclub auf den Gegentor verunsichert reagiert. Mehr als zwei halbe Chancen (39. Schuster aus 14 Metern volley übers Tor / 45. Reisinger nach Bastian-Freistoß am langen Eck vorbei) wollen den Einheimischen denn auch nicht mehr gelingen.

Auch nach dem Seitenwechsel dauert es etwas, bis die Sorg-Truppe wieder Zugriff auf das Spiel und die Gegenspieler bekommt. Reisingers Abschluss nach einem Schuster-Freistoß (52.) – von Ulreich noch über den Kasten gelenkt – wirkt als Weckruf für eine weitere Phase einheimischen Pressings.

Allerdings fehlt diesen Bemühungen bei allem Einsatz der letzte zündende Moment; zu zwingenden Torchancen gelangt der Sportclub praktisch nicht. Zu bemängeln sind vor allem die unzähligen bereits aus dem Halbfeld geschlagenen Flanken, die von der Stuttgarter Innenverteidigung unterm Strich recht problemlos aus der Gefahrenzone befördert werden. Zu selten versuchen sich die Freiburger auf die Grundlinie durchzukombinieren, vielleicht auch, weil man das Feld zu diesem Zeitpunkt noch nicht für Stuttgarter Gegenstöße öffnen will.



Die Stuttgarter unterdessen stellen ihre spielerischen Bemühungen weitgehend ein. Ihr Credo ist – im Grunde schon seit dem Führungstor – die Spielverzögerung und Tempoverschleppung. Phasenweise sinken die Gäste-Akteure bei jedem zweiten Körperkontakt wie vom Blitz getroffen auf den Rasen, nur um kurz darauf wieder leichtfüßig ins Spiel zurückzutänzeln. Sie können das machen, weil Schiedsrichter Winkmann das Spielchen mitmacht und nicht nur die gelungenen VfB-Flugeinlagen mit Freistößen belohnt.

Dem Freiburger Anhang geht das Ganze ziemlich auf die Nerven und da man sich verbal schon in Hälfte eins am Mann mit der Pfeife abgearbeitet hat, schreit man nun die gegen die Landeshauptstadt. Handgezählte neun Mal werden die Stuttgarter als Verdauungstrakt-Ausgänge betitelt, zwei Mal als wohnsitzlose Übernachtungsgäste der Bahnhofsmission, „Stuttgart, Stuttgart, hahaha“ bringt es auch auf zwei stimmliche Einsätze und damit auf einen mehr als „Sch… VfB“. Die Buhmänner-Quintessenz wird dann in „Ohne Schiri habt ihr keine Chance“ offenbar.

Leider braucht Martin Harnik bei seinem zweiten Tor nicht mehr allzu viel Unterstützung von neutraler Seite – ihm reicht der von den zu weit aufgerückten Platzherren großzügig gewährte Platz zwischen Straf- und Torraum, um den Ball anzunehmen und schließlich im langen Eck unterzubringen: 73. Minute: 0:2.

Erwähnenswert sind fortan noch zwei Dinge: Zum einen die Zuschauer, die den Einsatz der Breisgauer zu Recht mit stehenden Ovationen goutieren. Zum anderen, dass der Sportclub sich den Anschlusstreffer durch Cissé (85.) verdient und mit etwas Glück sogar noch hätte zum Punktgewinn gelangen können. Jendrisek aber schießt über das VfB-Gehäuse und am Ende steht man mit leeren Händen da.

So bietet sich am Ende folgendes Bild: Der Sportclub hat sich deutlich erholt gezeigt von der Schlappe in München. Das Team von Marcus Sorg hat eine Menge in dieses Spiel investiert, leider aber zu häufig den kreativen Teil des Spiels vermissen lassen. Die Defensivarbeit war in der Summe in Ordnung, allzu viele gegnerische Chancen wurden nicht zugelassen. Während aber die Gäste die wenigen Aussetzer in der Freiburger Abwehr gleich mit Toren bestraften, gelang dies den Freiburgern umgekehrt nicht bzw. zu spät. Vielleicht hat auch bei dem ein oder anderen Abschluss schlicht ein wenig Glück gefehlt.

Leistungsmäßig ist das Derby ein klarer Aufwärtstrend, tabellarisch wird es einen Rückschritt geben, einen Rückschritt, der sich vielleicht auch nach dem Auswärtsspiel auf Schalke fortsetzen wird. Dann ist das happige Auftaktprogramm erst einmal überstanden und es kommen die Mannschaften, die nominell eher auf Freiburger Augenhöhe sind und gegen die Punkte noch wichtiger wären.

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fudder: Video-Porträt: SC-Trainer Marcus Sorg bei Deutsche Welle TV fudder: 3:0 gegen Wolfsburg: SC siegt auch ohne Tore von Cissé [Bilder: dpa]